Liberale Denker betonen die Freiheit, die einem zusteht, wenn man Erfolg hat. Jede Zwängelei zur Umverteilung persönlicher Überschüsse an Erfolglose wird abgelehnt. Die Stichhaltigkeit dieser Einstellung hängt davon ab, wie weit eine Eigenleistung wirklich eigen ist.
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Allein bin ich zur Welt gekommen, allein werde ich sterben. Allein, das heisst: Eins mit dem All. Nichts Menschliches kann mir fremd sein, auch nichts Natürliches. Alles Menschliche alles Natürliche ist mir urtiefst vertraut. Zwischen Geburt und Tod liegt mein Leben. Keines sonst. Ich habe es weder gewählt noch mich davon losgesagt. Was immer ich tue, sind Taten und Untaten, sind Unterlasssungen des Lebens selbst. Mein Leben, sofern es meines ist, steht im Dienst am Leben überhaupt.
Zwar gehöre ich Gruppen an, die mich versorgen. Sie machen aus, was man für meine Identität hält. Ich lebe mit ihnen, ich bringe mich ein und werde sie, wie die meisten, bis aufs Blut verteidigen. Identität ist Gift. Gruppen zersetzen die Menschheit. Noch. An ihren Rändern wirkt die rechtsfreie Selbstbehauptung so barbarisch, so tierisch ist wie seit je. Da mag die Gruppe sich selbst für noch so zivilisiert halten. Ich will keiner Gruppe angehören, auch wenn es unvermeidlich ist. Ich gehöre dem Leben. Nicht umgekehrt. Dieses Leben bringt Verwundung und Schuld. Beides nehme ich auf mich. Ohne Zorn und ohne Reue. Ich bin Nahrung, und ich verzehre Nahrung, ich raube Wohnraum und nenne es privat. Ansonst töte ich nichts und niemanden, nur damit ich sicher lebe. Denn so fügte ich anderen zu, was ich selbst abwehre.
Notfalls verlösche ich in Anstand und Würde.
Warum denke ich so? Wie kommt das? Dank einer Reihe von Zufällen hat mich das Leben zu einer besonderen Weltsicht gebracht. Von meiner jetzigen Warte aus fällt mir der Glaube schwer an das schlechthin Böse, das mit Stumpf und Stiel auszurotten wäre. Das müssen wir anders sehen. Ich halte es für ein Missverständnis. Von der Gruppe war die Rede.
Das Böse ist ein wirksames Mittel, um die Gruppe, die mich nährt, vor anderen zu sichern. Denn das Böse ist keine Gegenkraft zum Guten, sondern einfach nur Leben, das sich selbst in die Quere kommt.
Leben prescht nicht nur vor, es wird auch geschoben. Und wer Böses bekämpft, verübt Böses. Das liegt daran, dass ihm alle Mittel gestattet sind. Die Weltsicht, die ich darlege, habe ich mir nicht aus den Fingern gesogen, sie hat sich ergeben. Sie stützt auf Wissen ab. Von Gott wird hier nirgends die Rede sein, es sei denn als Orientierung für eine Lebensform, die mit mehr Denke beschäftigt ist, als sie zum unmittelbaren Überleben braucht. Die Geschichte von zwei Urmenschen geht nicht auf, da die gesamte Menschheit aus Inzest hervorgegangen wäre. Das bereits schmale Erbgut zweier Personen würde zusätzlich ausdünnen, es wäre nicht lebensfähig. Mir leuchtet die Vermutung ein, dass Leben eine Eigenschaft der Materie darstellt und sozusagen ausbricht, wenn die Bedingungen stimmen. Das sollte auch nicht mehr schwerfallen, denn seit der Quantenphysik hat die Materie ihre traditionelle Düsternis verloren, finde ich. Religionen mögen Menschen verbinden und ihnen Halt geben, sie verbinden sich um keinen Preis miteinander, sondern meiden sich wie Wurzelspitzen. Sie verkennen, wie gleich sie sind, in die Unterschiede verbissen, die Kleinlichkeiten sind gemessen am Ganzen. Also taugen Religionen nichts zu einem Weltfrieden. Selbst Buddhisten sind in der Lage, Andersgläubige auszuhungern, von denen sie sich bedroht fühlen.
Leben will bestehen. Es breitet sich aus. Vom Wasser auf das Festland, in vulkanische Schlünde, unter schwimmendes Eis, in Höhlen mit Schwefelgas, wo das gleiche Leben Schwefelsäure verarbeitet wie wir Sauerstoff. Will Leben auch zukünftig bestehen, muss es den Planeten verlassen, bevor er in der Sonne verglüht oder neben ihr erkaltet. Seine planetarische Abdrift bedeutet, dass es lernt, den zahllosen Supernoven auch fernerhin zu entfliehen, die in Zeitraffer gedacht den gesamten Kosmos durchfunkeln. Das Leben hat Jahrmillionen Zeit dafür, aber es hat nicht alle Zeit der Welt. Die Anzeichen für seine Abdrift von der Erde liegen auf der Hand. Sonden umrunden den Mars. Nach zehn Jahren Weges ist Philae auf einem Kometen gelandet. Das Teleskop Hubble leuchtet kosmische Tiefen aus. Die amerikanische Bundesbehörde für Raumfahrt und Flugwissenschaft NASA nennt in ihrer Zielsetzung unter anderem die ‚Ausdehnung von Leben nach draussen‘. Auch Private zeigen zunehmend Interesse an diesem Projekt.
Angenommen diese Abdrift sei keine problematische Allüre menschlichen Lebens, das zu viel versteht von der Welt, als fürs blosse Überleben nötig wäre. Angenommen für eben diese Abdrift hätte das Leben uns Menschen genauso hervorgebracht, wie wir eben sind, ob uns das passt oder nicht. Die planetarische Schwerkraft ist zu überwinden. Dazu braucht es die nötige Technik mitsamt ihrer Technologie, es braucht Sprache zur Verständigung, Mathematik und andere Symbolordnungen, Wissenschaft, Ingenieurswesen. Sozusagen alles, was wir als kulturelle Evolution ansprechen. Die Geschichte von der Abdrift erklärt, warum es sie gibt. Leben könnte ja bakteriell fortbestehen, wozu das ganze Kulturzeugs? Auf Stufe Einzeller würde das Leben Meteoriteneinschläge überstehen, aber keinen Sternentod.
Für manche klingt das enorm reizvoll, andere halten es für Schwachsinn. Mir geht es vorerst um die Schlussfolgerungen, die aus dieser Vermutung zu gewinnen sind. Für die planetarische Abdrift des Lebens ist es erforderlich, dass eine Unmenge an Energie gebündelt und kanalisiert wird. Dies wiederum setzt einen politischen Willen voraus, dies zu leisten, indem dafür gesorgt wird, dass überschüssiges Vermögen umverteilt und eingesetzt wird. Dazu wiederum ist viel Überzeugungsarbeit erforderlich, eine Übertreibung hier, eine Beschwichtigung da. Je nach Aussendruck wird dieser Wille zur Ideologie geschärft und zugespitzt, wie es während des Kalten Krieges der Fall war, der erste Hüpfer zu dieser Abdrift gleichsam ausgeschwitzt hat.
Nur wer sich in seinem Fortbestand bedroht fühlt, bündelt Energie als Waffe zur Verteidigung. Je grösser die Menschengruppe, die abzuwehren ist, desto wirksamer die Waffe. Die ersten Familien öffneten sich gegenseitig zwingend zum Brauttausch. Die Verschmelzung dann von Familien zu Sippen, von Sippen zu Stämmen, von Stämmen zu Völkern und diese zu Staatenbünden wie heute erfolgte nie ohne Konflikte, bei der bestimmte Gegner wechselseitig als Teufel gebrandmarkt und bekämpft wurden. Dabei kommt sich bloss Leben in die Quere. Raketentechnik wird als senkrecht eingesetzter Flammenwerfer erklärt. Das verdeutlicht ihre kriegerische Herkunft. Schwarzpulver und Feuerwerk wurden zunächst militärisch genutzt, also zur Verteidigung, sprich zur Abwehr des schlechthin Bösen. Wer auf Rache sinnt, Hass streut und eine angriffslustige Politik betreibt, wer den Teufel erwartet und dann selbst wie ein Teufel dagegen wütet, steht unwissend und unbewusst im Dienst am Leben hin zu seiner Abdrift vom Planeten. Die Person mag noch so sehr davon überzeugt sein, sie befinde sich auf einer Mission für das Gute. Das Böse, das sie bekämpft, ist für das Leben Mittel zu diesem einzigen Zweck. All ihr Patriotismus, den sie eingesetzt hat, die Verklärung des Eigenen und gleichzeitige Entwertung des Anderen, die sie gleistet hat, ihr Verteidigen und Herabwürdigen, ihr ganzes Idealisieren und Infamisieren, ihr Hochloben und Niedertreten sind nur unbewusste Vorgänge im einzigen Bewusstsein des Lebens auf seine Abdrift hin, sind bloss Scheinziele und daher zweitrangig nach dieser einzigen Zwecksetzung. Das sollte uns bescheiden machen. Hier setzt das Umdenken ein, um das es mir geht. Der Hass, den diese Person aufwendet, dient zwar der Sicherung des Eigenen, trägt jedoch bloss dazu bei, dass Energie gebündelt wird, vorerst als Waffe gegen die gefährliche Gruppe, der dieser Hass gilt. Später wird diese Energie für die Abdrift zur Verfügung stehen.
Damit wäre alles Nötige gesagt.
Natürlich kommen Einwände. Warum soll die Ausdehnung des Lebens genauso zwingend sein wie Selbsterhalt und Fortpflanzung? Zufall oder nicht? Wenn Entwicklungslinien völlig anders verlaufen, jedoch zum gleichen Resultat führen, wie die völlig verschiedene Flügelbildung bei Vögeln einerseits und bei Flughunden oder Fledermäusen andererseits, dann ist die Wahrscheinlichkeit zu dieser Übereinstimmung sehr gering, aber nicht so gering wie die Wahrscheinlichkeit, dass Leben überhaupt aus toten Stoffen entsteht. Das Leben will fliegen, das Leben will sehen. Die Sehfähigkeit hat sich bei Wirbeltieren und Weichtieren wie dem Oktopus auf völlig verschiedenen Wegen entwickelt. Zufall? Absicht?
Ob aus Zufall entstanden oder als Projekt mit Absicht und Zielsetzung, das Leben nutzt den Zufall, das steht fest. Es streut Möglichkeiten. Zum Beispiel was das Erbgut anbetrifft. Doch wozu? Und mit welchem Willen? Was soll das für ein Wille sein? Es klingt nach verstaubter Denke, wenn von einem Willen des Lebens die Rede ist. Das mag sein, aber wir müssen uns damit abfinden, dass Leben etwas ist, das zumindest Absicht hervorbringt. Andernfalls müssten wir das Verhalten eines Jägers unverständlich finden, wenn er seiner Beute auflauert. Oder wir müssten unsere eigenen Absichten infrage ziehen, sofern wir anerkennen, dass wir mit der Natur eins sind. Eine andere Sichtweise kommt für mich je länger desto weniger in Frage, doch Menschen finden sich sogleich dem Leben überhoben, was seine besonderen Gründe hat. Dennoch müssen sie sich die Frage stellen, wie es kommt, dass ihr Fettklumpen namens Gehirn Absichten hervorbringt. Zumal wir über dieses Gewebe von Natur aus verfügen und nicht aus Eigenleistung. Die Lebensformen, in die sich das Leben vereinzelt, verfolgen klarerweise Absichten, was den Schluss nahelegt, dass auch das Leben an und für sich Absichten verfolgt. Die Instanz, die etwas hervorbringt, ist seinem Produkt punkto Möglichkeiten in der Regel überlegen. Und was wäre das, ein Etwas, das keine Absichten verfolgt, aber Absicht in den Lebensformen hervorbringt, in die es sich milliardenfach vereinzelt? Der Wille des Lebens, dass es fortbesteht, über Sternentode hinaus, und sich daher kosmisch ausbreitet, warum oder wozu auch immer. Dazu ist auch mittels meiner These keine Antwort zu erwarten. Wer Mühe damit hat, dass auch nur sinnbildhaft von einem Willen des Lebens die Rede ist, mag sich auf die Tatsache beschränken, dass es sich ausbreitet, ob willentlich oder nicht.
Das Böse ist noch einfacher zu begreifen, es ist nicht nur Leben, das sich bei seiner Ausdehnung in die Quere kommt. Zudem ist es einer natürlichen Ökonomie geschuldet. Leben ernährt sich von Leben. Ernährung geschieht nicht ohne Gewalt. Reisszähne, Kaumuskeln, Mahlwerk. Dann die Säure, die alles Lebendige in Kleinstteilchen zerätzt, damit es zu körpereigenen Stoffen umgebaut wird. Man gewinnt den Eindruck, das Leben erwischte so zwei Fliegen mit einer Klatsche, indem es die Lebensformen sich verspeisen lässt, statt mit viel Aufwand Organismen und Nahrung getrennt voneinander hervorzubringen. Diese Gewalt wäre überflüssig, hätte die Natur Nahrung als üppigen Schaum hervorgebracht, der vorhanden wäre, wie eben Wasser zum Durst löschen, ein besonderes Mineral, das wie Rost den Dingen anhaftete, von wo es mühelos weggeäst würde, ohne dass dieser Schaum darauf aus wäre, sich mit allen Mitteln gegen die Lebensform zu verteidigen, die dringende Auffrischung ihres Körpergewebes benötigt. Darin liegt eine Ökonomie, die wir mühelos verstehen. Die Neurobiologie hat klar gemacht, dass in jedem gewalttätigen Übergriff, selbst im Angriff etwas grundlegend verteidigt wird. Wir gehören dem Leben. Und das herkömmlich Böse ist nur die Hälfte der Wahrheit.
Wie alles Leben fördern wir seine Ausbreitung in unserem Fall über den Planeten hinaus. Ein Gegenargument zu dieser These geht davon aus, dass der Kosmos, in den wir vorstossen sollen, unbewohnbar sei. Für uns Menschen gewiss, wir benötigten besondere Häfen oder Städte, aber das übrige Leben, das wir notwendig mit uns führen werden, als Nahrung etwa, besonders das Leben auf bakterieller Stufe wird Lücken finden, sein Erbgut zur Anpassung an die dortigen Umstände spielen lassen.
Für viele ist die Einheit von Mensch und Natur problematisch. Viele Kritiker hängen an der natürlichen Sonderstellung des Menschen, damit sie in der Lage sind, Gier und Ausbeutung als Katastrophe und Gefahr für den Planeten abzuurteilen. Dabei verhält sich jede natürliche Art ausbeuterisch. Meeresschildkröten würden ganze Felder von Seegras ratzekahl weiden, gäbe es bestimmte Haie nicht, deren Gebiss sich besonders eignet, ihren Panzer zu knacken. Viele Aussteiger, Umsteiger und Gutmenschen sind vom Menschen als Naturkatastrophe überzeugt. Aber ich halte es für ausgeschlossen, dass die Natur eine Art hervorbringen soll, die sie insgesamt bedroht. Auch wäre zu begründen, warum Mutter Natur, die sonst überall so toll schafft und wirkt, ausgerechnet beim Menschen Fehler begeht. Wir haben uns nicht gewählt. Wir haben uns nicht geschaffen, sondern die Natur, das Leben. Es hatte alle Tricks der Evolution angewandt, damit diese Intelligenz zur Welt kommt. Wir Menschen, die wir diese Energie zur Abdrift bündeln und kanalisieren, verkörpern selbst eine unerhörte Ballung an Energie. Unser Gehirn erzeugt aufs Gramm gerechnet weitaus mehr Energie als ein Stückchen Sonne. Das ist nicht unser Werk. Und die Natur errechnet einen bestmöglichen Wert zwischen dem Menschen als Frühgeburt und der unnatürlichen Verbreiterung des weiblichen Beckens, damit diese gewaltige Hirnschale mitsamt Inhalt aus tierischem Eiweiss und Fett geboren wird. Ausserdem ist uns eine Art Lymphsystem angeboren, das überschüssige Wärme aus dem Kopf ableitet, wir litten sonst andauernd Hitzuschläge von innen. Als Menschenkind durchlief jeder und jede von uns eine überlange Betreuungszeit, wenn man die Zuwendung zum Nachwuchs in der übrigen Natur zum Vergleich nimmt. Es heisst, je mehr eine Lebensform von seiner Umwelt einbezieht, desto mehr bringe sie zum Ausdruck. Das bedeutet, je mehr Intelligenz in diesem Sinn ein Lebewesen aufweist, desto mehr Fürsorge benötigt es zu seinem Fortbestand. Die grössere Freiheit bedingt mehr Abhängigkeit von anderen, so widersprüchlich das klingt.
Ja, wie steht es um unsere Freiheit innerhalb der planetarischen Abdrift? Aus Sicht der Meisten schiebe ich wohl die Verantwortung auf das Leben ab, statt die Freiheit zu verteidigen, die uns Menschen verantwortlich macht. Im Alltag mag diese Überlegung aufgehen. Wir wählen Möglichkeiten und verantworten, was daraus folgt. Doch zwischen Menschengruppen herrscht eine besondere Natur, die niemand im Alleingang stoppt oder zähmt. Gewaltige Geschiebe sind am Werk, die niemand einfach so in den Griff bekommt. Sie steigen aus mehrschichtigen Tiefen von Geschichte und Natur. Das Leben dringt voran, weitet sich aus, aber es wird auch geschoben dabei. Das ist im Blick zu behalten. Das heisst, auch wir werden geschoben. Die Sichtweise von der planetarischen Abdrift verhilft dazu, dass ich Andere als Geschobene begreife. Deswegen brauche ich sie nicht als Teufel zu bekämpfen.
Freiheit und Verantwortung sind auch im Alltag allzu begrenzt, um dafür zu sprechen, wir wären deswegen der übrigen Natur enthoben. Sehr oft ist es der Fall, dass uns für eine bestimmte Absicht verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Nüchtern schätzen wir ab, überlegen Folgen, doch sobald wir dann eine Wahl treffen, kommen Gefühle ins Spiel, wie die Wissenschaft vermeldet. Kein Entscheid ohne Gefühl! Und Gefühle hat niemand unter Kontrolle. Also ist die persönliche Verantwortung erschwert, also setzt meine Wahl bloss ein Geschiebe fort, das in die Zukunft drängt. Wo auch sollte diese Freiheit in den Lebensprozessen auftreten, die uns ausmachen, mit denen wir notwendig beschäftigt sind? Wir hätten Bewusstsein, heisst es. Doch die Wissenschaft hat die Bedeutung von Bewusstsein längst bis tief in die übrige Natur ausgedehnt. Was soll das für eine Freiheit sein, wenn mein Gehirn, ohne dass ich davon weiss, gewisse Eindrücke vorsortiert, siebt und filtert und mir nur eine Auswahl ins Bewusstsein durchstellt? Ich weiss nicht einmal, was mein nächster Gedanke sein wird. Denn wüsste ich ihn, wäre er schon da. Wer einen tollen Einfall hat, mit dem er Probleme löst, bildet sich viel auf die Freiheit ein, die er dabei empfindet. Das ändert nichts daran, dass ihm der Einfall zustösst, denn er ist ausserstande, ihn vorauszusehen. Wir unterliegen unseren Gefühlen beim Entscheiden, wir haben keine Ahnung von der neuronalen Vorsortierung unserer Eindrücke, wir sind ausserstande, unsere eigenen Gedanken vorauszusehen, also stossen sie uns zu, stossen uns auf wie Rülpser. Trotzdem beanspruchen wie Freiheit für uns. Sie müsste wie ein göttlicher Funke ohne jede Voraussetzung aus dem Nichts heraus unser Verhalten zünden. Dem widerspricht die Wissenschaft als Leitmacht der Moderne mit ihrem Weltbild von der durchgängigen Verkettung der Dinge in Ursache und Wirkung, in Grund und Folge. Und selbst in dem Fall, wenn uns gleichwertige Möglichkeiten zur Wahl stehen, so sind es nicht nur Gefühle, die den Entscheid prägen. Es ist überdies das Leben, das uns die Zwecke diktiert: Selbsterhalt, Versorgung, Anerkennung, Wirkmächtigkeit.
Deshalb gehören wir dem Leben und nicht umgekehrt. Wir wählen vielleicht Möglichkeiten, die Zwecke sind uns vom Leben auferlegt.
Freiheit hat politische Bewandtnis. Sie meint ein bestimmtes Verhalten unter Menschen, nämlich dass ich andere ihr Leben führen lasse. Sie hat nichts damit zu tun, was sich in uns abspielt. Nichts im menschlichen Innenleben ergibt Sinn, wenn danach gefragt wird, inwiefern wir frei darin sind. Zum Beispiel darin, ein Geschlecht zu haben. Erbgut, Gehirn, Gefühle, die Belange der Gruppe, der man angehört. Dies alles sind Geschiebe des Lebens, die wir mitmachen, in die wir einsortiert sind. Wir glauben, wir hätten die Natur in uns überwunden, als sprössen Vernunft und Kalkül zum Wohl aller wie sublimer Schaum auf dem Morast von Natur und Geschichte. Der Verstand beruhigt, meint man, ermöglicht Sachlichkeit, lässt uns die Dinge zum Wohl aller richten. Dabei wühlt er die Gefühle hoch, pflügt sie um und löst Panik aus, wühlt mentale Schlacken auf, verhindert oder erschwert Heilung und Vergessen, indem er aus dem Stehgreif Gefahren errechnet, die noch gar nicht gegenwärtig sind.
Also verbindet uns der Verstand noch inniger mit roher Natur. Und das spricht erneut dafür, dass wir dem Leben gehören. Auch wer die persönliche Freiheit als politisches Programm beschwört, dem geht es letztlich um die blanke natürliche Todesangst, die uns alle zu einer spättierischen Lebensform macht, sofern es die Sicherung der Gruppe anbetrifft. Selbst die kulturelle Evolution ist mitten im Frieden bis in die feinsten Verzweigungen von Feindschaft durchsetzt, von Konkurrenz und Wettbewerb, überall gilt es, irgendwelche Teufel zu bekämpfen. Auch Ideologien liegen miteinander im Wettstreit. Da gibt es hieb- und stichfeste Argumente, ganze Schulen stellen ihre Fronten, angebliche Beweisführungen werden in der Luft zerpflückt. Ideologien schärfen sich im Widerstreit, spitzen sich zu. Auch in der kulturellen Evolution geht es um Selbstbehauptung, um Meinungshoheit, um Ausweitung der Gültigkeit einer Ansicht, als wären es Fressgründe. Man könnte sagen, eine Ideologie, ob religiös oder weltlich, beansprucht einen bestimmten Geltungsbereich, etwa in der Art, wie ein Stamm seine Fressgründe sichert. Durchkämmt eine fremde Horde diesen Bereich, wird sie brutalst attackiert, ob nun seinerseits aus Not vertrieben oder infolge sonstigen Mangels an Sicherheit und Rohstoffen. Geraten fremde Kleintiere in ihre Fänge, kastrieren sie sie oder köpfen sie und lassen sie angefressen liegen, auch wenn es sich um Artgenossen handelt. Unter solchem Druck bilden sich im Stamm die Hierarchien deutlicher aus. Die Leittiere beissen Untergebene an ihren Platz zurück, wenn sie in die Weite schweifen, oder sie verstossen sie ohne Erbarmen, sollten sie sich heimlich paaren. Bei Ideologien findet unter Druck Vergleichbares statt. Aus diesem Widerstreit, zuletzt zwischen freiem Markt und Umverteilung kommt es zu ersten technischen Anstrengungen zur Abdrift. Also gehört der Werdegang der jeweiligen Ideologie, ebenso ihre Zuspitzung im Kampf notwendig zu diesem Weg des Lebens weg vom Planeten. So kocht und gärt der gesamte Kulturbetrieb seit Jahrhunderten in Richtung planetarischer Abdrift. Die Technologie ist da, die Schubkraft beruht auf Kernspaltung oder deren Fusion. Es heisst, in wenigen Jahren würden Private sich um die Abdrift kümmern, aus immensem Reichtum und aus Neugier, aber immerhin zur Rettung des Planeten.
Die Kehrseite von Freiheit jedoch ist nicht bloss Verantwortung, die uns zu besseren Menschen macht, wenn wir sie ernst nehmen.
Wer Freiheit hochhält, will auch Haftbarkeit.
Wähle frei, und du wirst, nach Bedarf, sogleich gebunden. Wer Haftbarkeit braucht, benötigt Sicherheit. Einmal mehr. Wir gehören dem Leben. Mit Haut und Haar, wir stecken bis zum Hals in seinem Geschiebe. Das zeigt sich zuletzt daran, wie Gehirnforscher neuerdings den freien Willen erklären. Demnach soll die Art, wie man mich in den ersten Jahren meines Lebens behandelt hat, darüber entscheiden, ob und wie entschlossen ich mich freiwillentlich den Notwendigkeiten als eigner Sache annehme, die alle angehen. Der freie Wille wird also dadurch bestimmt, wie man erzogen wurde. Also erneut eine erbärmliche Abhängigkeit, die sich unmöglich unter Menschen verallgemeinern lässt.
Was auch immer es sei, wozu wir fähig sind, wir tun dies kraft unserer Natur. Und die haben wir uns nichts selbst gegeben. Die meisten befürchten wohl, das Weltbild von der Abdrift entfessele Raubbau und Anarchie. Dabei zeigt es, dass dem technischen Ja zu Möglichkeiten ein moralisches Nein gegenübersteht, das genauso natürlicher Herkunft ist. Beides ist planetarischen Ursprungs, beides hat eine Funktion auf dem Weg des Lebens hin zu seiner Abdrift. Das technische Ja beschleunigt, das moralische Nein bremst ab. Diese Balance bewirkt, meine ich, dass die Dinge reifen. Nichts darf sich überstürzen. Die Abdrift soll aus keinem Power-Play erfolgen, sondern wird sorgfältig aus einem Wechselspiel von Fortschritt und Krise ausgeschwitzt. Dazu sind mehrere Konflikte erforderlich. Die These erklärt, warum Kriege nicht aufhören.
Viele stören sich an der Synthetik, zu der wir in der Lage sind. Mikroplastik, Medikamente. Ihretwegen fällt es ihnen schwer, Mensch und Natur als eins zu sehen. Synthetik, das heisst: Wir filtern Kleinstbestandteile aus der Natur und bauen sie anders zusammen: Leider handelt es sich dabei keineswegs um eine menschliche Besonderheit. Auch die Natur kennt Synthetik in der genannten Bestimmung: Ein Nestbau ist so gesehen die unnatürliche Verschränkung reissfester Halme und flauschiger Stoffe. Ein Graulaupenvogel filtert Schneckenhäuschen aus der Umwelt, er häuft sie an zu seiner Balz. Honig ist deshalb synthetisch zu nennen, da er von Bienen aus Pollen, Speichel und Magensäften gefertigt wird. Synthetik gehört zur Einheit der Natur.
Das Weltbild von der planetarischen Abdrift erlaubt, die Dinge anders zu sehen, auch wenn sie nur als Vermutung daherkommt. So erklärt zum Beispiel die Ausdehnung des Lebens die besonderen Eigenarten unter uns, die durchaus problematisch sein können. Die Verzweigung in Arten dient dieser Ausbreitung zunächst in planetarische Räume mit unterschiedlichen Anforderungen. Dazu stellt Leben ein immenses Erbgut bereit. Dasselbe betrifft die Ausbildung von Eigenarten innerhalb der Spezies. Eigenarten unter uns mögen Abweichungen von der Norm bedeuten, die uns auch Schwierigkeiten bereiten. Niemand hat seine Eigenart gewählt. Daher besteht kein Grund, dass man sein Leben persönlich nimmt. Diese Eigenarten sind als Anpassung des Lebens in Bereitschaft zu verstehen. Das heisst, je nach Veränderungen der Umwelt, die möglich sind, bei der die Norm ihren Schwerpunkt verschiebt oder gar gebrochen wird, kommen unter uns wie in jeder Gruppe bestimmter Lebensformen andere Eigenschaften zum Tragen. Füchse mit kurzen Schnauzen überleben besser in Städten, sie haben die nötige Beisskraft zum Öffnen verriegelter Abfälle. Das Leben bringt die krudeste Typologie an Individuen hervor, auch wenn die Umwelt nicht sofort darauf passt. Das Erbgut hält dazu einen überreichen Vorrat an Möglichkeiten bereit. Das Leben streut Möglichkeiten, als funktionierte es wie Hormone, die überallhin verteilt eben nur dann ansprechen, wenn Bedarf besteht. Geborene Eigenarten sind Anpassungen des Lebens aus Vorsorge und auf Vorrat. Somit anerkenne ich die schwierigsten Eigenarten unter uns als vom Leben beabsichtigt, auch wenn ich sie nicht verstehe, auch wenn mir die Umweltveränderung schleierhaft bleibt, auf die diese Eigenart vorweg Antwort gibt, auf die sie passen würde, so problematisch sie mir auch vorkommt. Ich nehme eine an, einfach so, und spreche der Eigenart Sinn und Funktion zu.
Auch bei der kulturellen Evolution in ihrer fein ausgefächerten Zerstrittenheit ist mit Umwelten zu rechnen, die sich rapide verändern. Dort kommt es eher zu bockiger Verhärtung, statt zum Umbau des Denkens. Wer die Ansicht von der planetarischen Abdrift einnimmt und fortdenkt, erkennt in jeder Ideologie, dass sie menschliches Denken als Ausdruck eines Energieüberschuss sortiert und ausrichtet, der die Kraft der Sonne im Verhältnis übersteigt. Ausserdem nimmt jede Ideologie, ob weltlich oder religiös, etwas ernst. Sie führt auf ein Anliegen zurück, das mit der gleichen Welt zu tun hat, in der wir alle leben. Wer also die Ideologie bekämpft, muss dieses Anliegen anerkennen und eine andere Antwort darauf finden. Weder der Kapitalismus noch der Kommunismus haben zu der Energiebündelung geführt, die der Abdrift zum ersten Mal nützlich scheint, sondern die ideologische Verhärtung dazwischen, die natürliche Angst vor Herrschaft und Entmündigung durch die andere.
Auch Ideologien haben ihre Eigenarten.
Wer die Sichtweise von der planetarischen Abdrift des Lebens vertritt, sieht sich ausserstande, die eine Eigenart, ob körperlich oder ideologisch, der anderen vorzuziehen, sie heilig zu sprechen, während die andere verdammt sein soll, diese Eigenart als krankhaft abzulehnen, jene als besonders anregend zu überhöhen. Sie alle haben Sinn und Funktion innerhalb des Lebens, auch wenn wir das nicht auf Anhieb sehen. Leben greift auf eine Art Vorwissen zu, eher eine Ahnung davon, welche Umweltveränderungen in diesem Kosmos möglich sind. Das Erbgut und die unendliche Kombination ihrer Elemente bezeugen dieses Vorwissen. Auch ist die Tatsache von Sternentoden in eine Art Gedächtnis eingeschrieben, das ich dem Leben zusprechen muss, wenn ich seine Abdrift befürworte. Wer das abwegig findet, stellt sich die Frage, wie es kommt, dass sein Klumpen Fleisch namens Gehirn auf gespeichertes Vorwissen zugreift. Er weiss es nicht.
Das Leben streut Möglichkeiten, es streut Zufall. Wo Leben sich kreuzt, steigert sich sein Selbsterhalt zur Bündelung von Energie für die Abdrift ins Kriegerische. An dieser Stelle ist einem Missverständnis vorzubeugen. Man könnte leicht dem Eindruck verfallen, ich würde Kriege befürworten und die Ausbeutung des Planeten, die wir selbstverständlich begehen. Der Ruf nach immerwährendem Frieden erschallt seit Jahrhunderten, offenkundig ohne Erfolg. Krieg als äusserster Konflikt bereitet uns die Hölle auf Erden. Religionen und Ideologien stehen in einem Konflikt zueinander, der sich mit natürlichen Brutalitäten vergleichen lässt. Ihr Anspruch ist ebenso radikal und ausschliessend wie die Tötung von Lebewesen. Manche schütteln den Kopf darüber, dass solche Barbareien noch immer möglich sind. Als läge es an ihnen, zu bestimmen, wann damit fertig sei. Leider zeigt sich im Rückblick, dass Krieg das Zusammenleben unter Menschen auffrischt. Kriege vergleichen sich mit Flächenbränden, die das vernetzte Leben in Wäldern komplett erneuert. Friede führt leider zu einer Entfremdung unter Menschen, die anders leben, anders denken. Das geht unweigerlich Hand in Hand mit einer Leidvergessenheit aus Zeiten des Krieges, die dazu führt, dass die Bereitschaft zu neuen Konflikten wächst. Es heisst, nur im Krieg wird die Leidfähigkeit des Gegners offensichtlich. Heutige Politik sind auf dem Sofa gross geworden. Genau wie ich. Nicht schmerzliche Erfahrung hat sie erzogen, sondern Theorien als Ersatz für Erfahrung.
Das Missverständnis wäre dies, dass Krieg und Leid verherrlicht, wer die planetarische Abdrift befürwortet. Doch das stimmt nicht. Wie könnte ich als leidensfähige Lebensform befürworten, dass andere leiden? Wenn schon der Verstand ein gewisses Einfühlungsvermögen garantiert, dann muss es das Leiden Anderer betreffen. Die These, die ich vorstelle, zeigt die Dinge bloss aus Sicht des Lebens als solchem. Das ging mir auf, als ich eine Schar Raubfische einen Schaum von Krill vollständig vertilgen sah. Das Leben steht immer auf beiden Seiten, aufseiten der Opfer wie aufseiten der Täter. Das gilt auch für Kriege unter Menschengruppen. Und ob das Leben auf egoistischem Weg fortbesteht, oder dank Zusammenarbeit und Rücksichtnahme, was auch in der übrigen Natur zu beobachten ist, das dürfte für das Leben selbst einerlei sein. Wir sind es uns gewohnt, den Egoismus zu verurteilen. Der Altruismus, den wir predigen, aber genauso taktisch zum Einsatz bringen wie simple Grundsätze sonst, ist weiter nichts als ein Egoismus auf Stufe Gruppe. Unsere Moral ist nicht die Moral des Lebens. Sein Egoismus besteht darin, sich auszubreiten. Dazu dürfte ihm jedes Mittel recht sein. Wir sind Spielbälle und Dienstleute in diesem Prozess, selbst Schwerreiche in ihrer Suche nach dem perfekten Rettungsboot. Sollten wir das wirklich einsehen, beruhigt sich der Blick auf Fremde, die uns meist ungewollt bedrängen und so unsere Lebensweise in Zweifel ziehen.
Jede Lebensform wird dadurch in ihrem Sinn und Zweck bestätigt, dass sie zur Welt kommt. Ob sie eine Mehrheit stellt, spielt dabei keine Rolle. Die Sorge um Mehrheit bedeutet Sorge um Vorherrschaft. Aber auch Herrschaft ist eine Gangart des Lebens seiner Abdrift hin. Wir befürchten Herrschaft, wir befürchten die Gleichschaltung, die damit einhergeht. Zentralisierung, Diktatur. Sobald eine Gruppe bestimmter Lebensformen unter Druck gerät, teilt sie sich in Herrschaft und Befehlsempfänger. Die Gruppe hierarchisiert sich. Die Mitglieder an ihren Rändern sind verarmt zu halten, damit man sie notfalls dem Gegner opfern kann, ohne dass die Gruppe unterzugehen droht. Eine Art Sollbruchmasse. Demokratie scheint bloss für Frieden gemacht, aber auch dort gilt ein Diktat, nämlich der Befehl der Mehrheit aller. Ein Gemeinwesen unter Druck kann unmöglich alles debattieren. Auch ist zu vermeiden, dass eine Gesamtstrategie, einmal gefasst, nicht andauernd in Frage gezogen wird. Wir befürchten Gleichschaltung. Hierarchisierung ist uns fremd. Alles unter einen Befehl! Wenn man aber das Leben einfach machen lässt, schaltet es sich von selbst gleich. Wichtiger aber ist, die planetarische Abdrift gelingt nur, wenn alles immer wieder unter einen Befehl gezwungen wird.
Oder alles unter einen Himmel, wie man in China sagt.
Wir gehören dem Leben. Mehr noch, wir sind geborenes Leben selbst. Zu Beginn hätte diese Aussage nichts gebracht, nun fühlt sie sich anders an. Wollte man aus der planetarischen Abdrift eine Religion begründen, dann wäre keine Priesterschaft möglich, die vermittelt. Oder man könnte das Leben nicht anbeten, da wir selbst Leben sind. Wir meinen, wir hätten ein Gehirn, wir hätten ein Unbewusstes irgendwo in uns. Mein Leben: Ein sonderbarer Besitzstand, bei dem zwischen Besitzer und Besitz kein Unterschied besteht. Als Sachgut müsste es von mir ablösbar sein. Daher gehöre ich dem Leben, nicht umgekehrt. Seitdem Stammzellen bekannt, sind alle Vergleiche von Leben mit einer Mechanik null und nichtig. Diese mechanische Ansicht ist allerdings erledigt, seitdem Stammzellen bekannt sind. Die befruchtete Eizelle teilt sich wie bekannt in Stammzellen, die für sämtliche organischen Funktionen bereit sind. Jede organische Ausbildung, die darauffolgt, führt zu jedem Zeitpunkt des Lebens auf Gewebe zurück, das für sämtliche Organfunktionen angelegt ist. Diese ungewisse Ganzheit besteht in jedem Organ ausgedünnt fort. Als Person bin ich mit meiner Gehirnrinde genauso identisch wie mit tieferem Gewebe. Das Gewebe meines Mittelhirns hätte ebenso Grosshirn werden können wie umgekehrt. Das alles könnte man sagen, aber es ist mir keine Lesart dafür bekannt.
Also bin ich genau so viel Schlaf, wie ich feudaler Herr meiner selbst bin.
Und zuletzt der Tod. Dank der These von der planetarischen Abdrift lässt sich auch der alte Schnitter anders verstehen. Nach neuster Forschung bedeutet der Tod keine Gegenkraft zum Leben, sondern eine seiner vielfältigen Einrichtungen. Der Tod gehört dem Leben, nicht umgekehrt. Denn es gab Leben, bevor es den Tod gab. Als alles mit allem in Austausch stand. Wie immer man sich diese ursprüngliche Verfasstheit von Leben vorzustellen hat, man gelangt unweigerlich zum Schluss, dass es einen bestmöglichen Weg einschlug, indem es den Tod einrichtete.
Und wenn wir uns vor Augen führen, dass wir dem Leben gehören, mehr noch, dass wir Leben verkörpern, verbunden mit allem Lebendigen und mit aller Vergangenheit über Stammzellen, aus denen wir erstlich und letztlich bestehen, dann gilt, dass wir als geborene Einzelform an der gleichen Instanz teilhaben, die den Tod einrichtet. Inder sagen, das Leben verkörpere eine Art kosmisches Ursubjekt, mit dem ich wie alle jederzeit übereinstimme. Der Tod gehört also dazu. Unser Vertrauen in den Tod hängt davon ab, ob wir dem Leben vertrauen. Was mich geboren hat, lässt mich sterben. Es ist die gleiche Instanz. Mehr noch, als vollständige Einzelform von Leben, mit Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung, habe ich Anteil an dieser Instanz.
In der Regel reden wir über Menschenmassen wie über Zombies. Diese gnadenlose Geringschätzung wirkt in politischen Gremien fatal, wenn sie verhandeln, wie mit Massenmenschen umzugehen ist. Wie wäre es, wenn wir Menschenmassen stattdessen als Schwarm ansprächen? Für Philanthropen klingt das immer noch voller Geringschätzung. Man fragt sich, warum genau. Immerhin ist in der Wissenschaft von Schwarmintelligenz die Rede.
Letzthin im Sihlcenter fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wie hässlich, wie witzlos, wie lebensfeindlich die Welt der Renditenmoral geworden ist. Weiterlesen
Die Vereinigten Staaten sind bis über beide Ohren verschuldet. Es würde mich kaum verwundern, wenn diese Misswirtschaft seit den 90ern einer libertären Überheblichkeit geschuldet ist, deren Folgen unser aller Leben bestimmt. Libertär verstehe ich als völlig übersteigerten Freisinn. Gegner davon sprechen von Neoliberalismus. Höchste Zeit also, dass man die sachlichen Irrtümer dieser Überheblichkeit in den Blick bekommt.
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Die Natur kennt Sollbruchmassen. Ihre Opferung ist zugleich ihre natürliche Funktion. Das zeigt sich beispielhaft bei Herden. Vielleicht ist das unter uns Menschen nicht anders, denn wir haben unsere Gruppennatur nach wie vor nicht im Griff. Wie auch. Sie schiebt uns über rote Linien hinweg, sie drängt uns zu eiskaltem Kalkül gegen andere.
Gründe, besser nicht reich zu werden, sind meistens moralisch oder sozialpolitisch aufgeladen. In heutigen Umständen kommen sachliche Gründe dazu, die anempfehlen, Reichtum zu vermeiden.
Europa denkt das Ganze nicht. Ihm entgeht die kosmische Einheit von allem. Daher vielleicht sein tiefes Misstrauen gegenüber der restlichen Welt. Europas Wohlstand wurzle in Leichenbergen, heisst es. Mir leuchtet ein, dass viele Völker genug haben von der so genannt westlichen Kultur als Abkömmling Europas. Nur ein ökologischer Platonismus kann die schlimme Traumatisierung Europas von innen her heilen.
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Evangelikale nehmen zunehmend Einfluss weltweit. Auch in politischer Hinsicht. Unter anderem bestimmen sie die Agenda mit, die Trump befolgt. Ihre Glaubensüberzeugung ist daher zu kritisieren. Besonders aber die Art, wie sie sie durchsetzen.
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Ein Jammer, dass Wissenschaft und Esoterik einander so schlecht vertragen. Gemeinsamkeiten gäbe es viele, jedoch mindestens ein Unterschied, der diese Bereiche hauchdünn, aber zäh voneinander trennt.
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Es gehört zur intellektuellen Redlichkeit, dass ich die Position, die ich ablehne, in diesem Fall der Zionismus, am besten in seinem Selbstverständnis nachvollziehe. Dabei sind die Argumente wichtig, auf die er sich abstützt. Das ist ein Versuch. Er wird scheitern. Zumindest aus Sicht der Zionisten.
`Play hard`, müsste über dem Eingang zum Conny Land prangen. Mitten im Trubel befiel mich eine Vision über die Zukunftsfähigkeit solcher Einrichtungen.
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Personen meines Alters stören sich gerne daran, wenn junge Menschen ihre Handys kaum weglegen. Im öffentlichen Verkehr bekommen sie den Eindruck, sie seien nur mit Autisten unterwegs. Wie so oft könnte man die Sache anders sehen. Von heute auf morgen.
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Die Agenda, die Trump befolgt und die nicht seine ist, läuft auf simplen Konservativismus hinaus. Parolen dagegen sind leicht zur Hand. Vor allem für mich als Kind der Postmoderne. „Weg damit“, könnte ich rufen, oder „Fortschritt und Vielfalt über alles.“ Damit setzte ich bloss das Wechselspiel politischer Extremismen fort. Somit verlängerte ich auch das Leid, das damit unweigerlich zusammenhängt. Wie könnte das aufhören?
Trump befolgt eine Agenda, die nicht seine ist. Genau wie Reagan damals. Amerikanische Präsidenten sind eher Repräsentanten als Akteure. Bissige Zungen nennen sie Puppen. Oder Esel, die sich vor Karren spannen lassen. Weiterlesen
Die künstliche Intelligenz Alpha Zero schlägt Meister im Go-Spiel, dem fernöstlichen Schach. Das sorgt für allgemeine Bestürzung, wie damals, als Deep Blue Schach-Meister schlug. Warum eigentlich? Weiterlesen
Wer hat eigentlich Jesus von Nazareth auf dem Gewissen? Das ist keineswegs eindeutig. Und vor allem ist es unwichtig, wenn man die christliche Theologie als Richtmass nimmt. Der stupide Judenhass beruht auf schlechter Bibellektüre und auf Hörigkeit gegenüber Superheiligen. Weiterlesen
Bis anhin war ich der Überzeugung, Judenhass sei von gestern. Leider muss ich umdenken. Weiterlesen
Der Westen hat das Völkerrecht begründet, später das Menschenrecht. Seine Wiege ist Europa. Die Frage stellt sich dringend, warum er dieses Recht andauernd bricht. Wäre Europa eine Person, dann würde es sich um einen mehrfach traumatisierten Menschen handeln, der unfähig ist zu vertrauen. Diese Haltung wurde nach Übersee exportiert, in einen Freiraum unbegrenzter Möglichkeiten, der wie ein Sog auf geschundene Menschen wirkt. Genau diese Spannung macht die USA aus: Misstrauen gepaart mit Sinn für Machbarkeit.
Der Westen hat moralisch nicht mehr viel zu sagen. Seine rassistische Doppelmoral ist im Falle Ukraine-Gaza offenkundig geworden. Für Dreiviertel der Weltbevölkerung war das nie anders. Schon seit Jahrhunderten sehen sie in ihm eine monströse Kraft, die keine Rücksicht nimmt. Viele Rechnungen sind noch heute unbeglichen: In China, in Indien, in Südamerika, in Nahost, in Russland, in Afrika ohnehin. Vielleicht sollten wir uns warm anziehen.
Lehrkräfte sind berüchtigt dafür, dass sie sich ungern beurteilen lassen. Wer aber keinerlei Benotung duldet, ist die vergangene Bildungsreform. Laut NZZ und Tages Anzeiger ist die schulische Integration gescheitert. Mit Blick auf Schweden steht nun die Digitalisierung der Grundschule auf der Kippe.
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Wir leben in einer spättierischen Zeit. Ein Dritter Weltkrieg wäre eine natürliche Fortsetzung vergangener Konflikte. Leider. Weiterlesen
Der Krieg in Gaza, oder wie immer diese Hölle zu bezeichnen wäre, wird auf beiden Seiten barbarisch geführt. Was das Quantum an Technologie und Handlungsspielraum angeht, sehe ich massive Unterschiede. Die Qualität, also die Brutalität, ist indes die gleiche. Weiterlesen
Immer wieder höre ich die abgeklärte Meinung, wir könnten ferne Kulturen wie China nicht wirklich verstehen. Das riecht mir eher nach Überforderung und daher Ablehnung, als denn nach Weisheit. Bei zunehmend planetarischer Dichte sollte man diese Ansicht grundsätzlich zurückweisen. Alle Kulturen haben Gemeinsamkeiten, die dem Verstehen behilflich sind, sie zeigen sich nur nicht auf Anhieb. Am Strand von Kini auf Syros bekam ich eine Bestätigung dafür.
Wir zählen Tage, Jahre, Stunden, Hundertstelsekunden. Das ist unsere fixe Zeitvorstellung. Wollen wir dieser Fixiertheit entfliehen, etwa auf kontemplativem Weg, dann gibt es dazu handfeste Gelegenheiten. Wie etwa im Kloster Engelberg. Weiterlesen
Der gängige Vorwurf gegen die USA, es ginge ihnen nur um Rohstoffe, übersieht eine wichtige Kehrseite. Andererseits bereitet es mir Sorgen, wie man amerikanische Werte, die ich teile, mittlerweile durchsetzt. Ganz einfach deshalb, weil diese Durchsetzung amerikanische Werte bricht.
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Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, so das berühmte Diktum von Clausewitz. Vor Jahren hat Michel Foucault diese Gleichung umgestellt. Demnach ist Politik die Fortführung von Krieg mit anderen Mitteln. Nie hätte ich gedacht, dass die Urmutterserie von Netflix «House of Cards» genau dies zeigt.
Offenbar geht einmal mehr der Wunsch nach einer Macht um, die durchgreift. Psychologisch gesehen mag dieser Wunsch einsichtig sein. Das ändert nichts daran, dass er sich als irrational erweist, wenn man genau nachsieht, wie Diktaturen entstehen und vergehen. Weiterlesen
An gewissen Orten grüssen sich alle, an anderen keiner. Und zwar konsequent. In beiden Fällen gibt es keine Anweisung dazu. Wo man sich grüsst, unterliegt einer Art Selbstorganisation. Der Unterschied und seine Gründe dürften interessant sein. Weiterlesen
Wenn Vorurteile verschwinden, wird ein Stück Welt zugänglich. Mehrfach bestätigte Vorurteile verdicken sich zu einer Patina, einer Art Staubschickt, die den Dingen aufliegt. Vorurteile behindern mich in meinem Welterkennen. Umso leidenschaftlicher wische ich sie fort. Oder ich begrüsse ihre Säuberung. So zum Beispiel, was unsere Beziehung zu Beton angeht. Weiterlesen
Einer der ersten jüdischen Siedler trifft bei seiner Einreise auf einen Palästinenser, der gerade seine Olivenernte besorgt, er setzt sich zu ihm, wärmt sich an seinem Feuer und spricht zu dem Bauern:
«Du musst wissen, Araber, ich komme nicht freiwillig hierher. Bin ein Askenasim, also hier nicht gebürtig. Dennoch werde ich bleiben. Vielleicht ist dir bekannt, was meinem Volk seit Jahrhunderten widerfahren ist. Du hast davon gehört? Wenn du erlaubst, erzähle ich dir das etwas genauer, denn ich habe dir Wichtiges zu sagen. Mein Volk hält zusammen wie eine Grossfamilie. Wir befanden uns zweimal in Gefangenschaft. In Ägypten, dann in Babylon. Auch irrten wir durch die Wüste. Du kennst diese Geschichten, ich weiss. Immer wieder drohten wir auseinanderzufallen. Damit das nicht passiert, erklärten wir uns zum auserwählten Volk Gottes. Das verärgert viele, die nicht zu uns gehören. Sie übersehen, dass diese Auserwähltheit auch eine drückende Pflicht sein kann. Im Übrigen war es einfach unsere Art, für Zusammenhalt zu sorgen. Jedes Volk muss sich da etwas einfallen lassen, damit niemand zu anderen Gruppen überläuft. Jedenfalls waren wir eigentlich das einzige Volk, das sich gegen die römische Herrschaft auflehnte. Im ganzen Römischen Reich, rund um das Mittelmeer, ist nichts Vergleichbares bekannt. Vielleicht zerschlugen uns die Römer mit solcher Härte und zerstieben uns in alle Richtungen, da unsere Bande in Glaube und Geschwisternschaft besonders eng geknüpft sind. So lebten wir unter anderen Völkern, vor allem unter Christen, die uns vorwarfen, wir hätten ihren Propheten getötet. Aber das stimmt nicht. Sogar einer ihrer wichtigsten Heiligen macht diese Falschaussage in einem seiner Briefe, die vielen Christen, die ihre heiligen Texte besonders wörtlich nehmen, als Wort Gottes erscheinen. Die Juden hätten Jesus getötet, heisst es da wortwörtlich. Wer immer im Fahrwasser dieses Irrtums Juden ausmerzte oder durch willkürliche Gesetze daran hinderte, ein normales Leben zu führen, brauchte seine Opfer gar nicht erst zu entmenschlichen, um trotz Tötung ein guter Mensch zu bleiben. Er verging sich ja bloss an Mördern seines Herrn. Und seine Untat genoss heilige Zustimmung. Der Nazarener jedoch war Jude wie wir, und da besteht ein besonderes Tötungsverbot. Wir ertrugen es nicht, dass er sich Kind Gottes nannte. Jedenfalls wies er diese Unterstellung nur undeutlich zurück. Unser Ärger liegt daran, dass wir selbst eine eher kindliche Beziehung zu unserem Herrn pflegen. Etwa wenn wir sagen, er lasse uns fallen wie der Adler sein Junges im Flug. Wenn da nun einer von uns kommt und das Gerücht entsteht, er halte sich für den leibhaftigen Sohn Gottes, ist das für uns zu viel an Deutlichkeit. Ein erträgliches Mass wird überspannt. Zugegeben, wir wollten diesen Juden loswerden. Wir hofften auf seinen Tod, überstellten ihn daher der römischen Besatzungsmacht als politische Gefahr. Aber wir haben ihn nicht getötet. Danach wird es unerhört schwierig, wenn es darum geht, die Mörder dieses Propheten dingfestzumachen. Seit Generationen rätseln wir darüber, warum viele Christen mit Nachdruck darauf aus sind, diese schwierige Geschichte so zu verkürzen, dass wir Juden als Mörder dastehen. Ihre Vorsehung hat doch laut Schrift wunderbar dafür gesorgt, dass die Verantwortung für diese Hinrichtung so schwierig zu fassen ist. Denn es ist so, als würde sie zwischen verschiedenen Parteien wie verdunsten, sodass keine Rache sinnvoll greift: Der Römer Pilatus wusste nichts mit diesem Juden anzufangen, es machte ihn verlegen, er suchte Ausflucht in der Geisselung, die dieser Mensch wider Erwarten überstand, er liess schliesslich, wie es vor Pessach der Brauch war, die Volkschaften Jerusalems über Tod oder Amnestie entscheiden. Diese Stadt jedoch beherbergte nie bloss Juden. Da waren ebenso Sadduzäer, Essener, Samariter versammelt. Die Legionäre schliesslich führten den Befehl zur Hinrichtung aus. Bei Weigerung hätten sie sich selbst und ihre Familien in Gefahr gebracht. Verschiedene Weichenstellungen führten also zu diesem gewaltsamen Tod. Viele Christen nennen uns fälschlicherweise Mörder Jesu, da wir ihn ausgeliefert haben. Wir haben ihn weder gefoltert noch getötet. Die meisten Christen jedoch übersehen die erste und einzige Weichenstellung, die das erst möglich machte. Und nur sie sollte Christen interessieren. Denn laut Schrift wusste der Nazarener genau, was ihm bevorstand. Und er ergriff keine Flucht. Also sorgte er selbst für seine Tötung. Den Kuss seines Verräters, der ihn markierte, wies er nicht zurück. Die Christen sagen immer, Tod und Auferstehung ihres Herrn, von der sie berichten, seien Kernstück und Angelpunkt ihres Glaubens. Gott nimmt uns durch seinen Tod die Erbsünde ab. So glauben es die Christen. Leiden, Tod und Auferstehung untermauern zudem die Gültigkeit der Worte, die dieser Jude aus dem Haus Davids hinterliess. Offensichtlich war es also notwendig, dass er hingerichtet wurde. Und es sollte einigermassen Aufsehen erregen, damit die Botschaft verbreitet wird. Also brauchte es Ankläger. Und diese Aufgabe fiel uns Juden zu. Jemand musste ihn verraten, jemand musste ihn ausliefern, jemand musste über sein Ableben befinden, jemand musste es durchsetzen und ausführen. Wie also kommt es, dass man seine angeblichen Mörder verfolgt und umbringt, wenn sich erst dadurch ihre ganze Religion erfüllt? Das ist wirklich schwer begreiflich. Leider ist es so, dass die allermeisten unserer Verfolger, unserer Mörder und ihrer Zuträger christlich getauft sind. Diese Ungerechtigkeit währte über zwei Jahrtausende. Und niemand erhörte uns. Keine Behörde leistete uns Beistand. Wir lernten, die nächste Hasswelle, die uns niederwalzen würde, frühzeitig zu erkennen, damit unsere Flucht einigermassen würdig vonstatten ging. Brach der Hass unvermittelt über uns herein, blieben schäbige Schlupflöcher und eine Todesangst, die an die Gesundheit ging. Ich muss dir diese Geschichte genauer erzählen, denn sie erklärt, warum ich hier bin und was danach vor allem auf dich zukommen wird: Man mordete uns im nordafrikanischen Fes sowie in Alexandria, wobei man uns zum ersten Mal in einem Stadtteil zusammentrieb und uns in aller Ruhe niedermachte. Als Minderheit sind wir anders, wir verhalten uns anders. Das hat für die Mehrheit zur Folge, dass sie uns erniedrigt, damit der Unterschied zu uns erträglich wird. Beim Massaker von Grenada wurden wir umgebracht, mehrfach anlässlich der Kreuzzüge, im Rheinland beim Bauernkreuzzug, in Speyer, in Worms, in Mainz, in Franken während des so genannten Rindfleischpogroms, während der Armledererhebung und anlässlich der Pestpogrome. Wegen unserer Reinlichkeitsrituale konnte die Pest uns weniger anhaben. Und schon zerrte man uns aus den Häusern mit dem Vorwurf, wir hätten die Brunnen vergiftet. Man mordete uns beim Sternberger Hostienschänderprozess, gleich danach in Berlin, während der Reconquista auf der iberischen Halbinsel, in der Ukraine durch Kosaken, bei Aussschreitungen in mehreren Städten des deutschen Bundes, im russischen Kaiserreich nach der Ermorderung von Alexander II, bei mehreren hundert Pogromen in der heutigen Republik Moldau anfangs des 20. Jahrhunderts, während des russisch-japanischen Krieges, im Anschluss an den Petersburger Blutsonntag 1905, in Bessarabien, bei den Novemberpogromen 1938 und bei Massakern in Polen. Diese letzten Völkermorde stecken uns Askenasim besonders in den Knochen. Die Tötungsarten all dieser Pogrome waren Verbrennen, Erschlagen, Henken, Erschiessen. Und: Vergasen. Denn zuletzt war die Shoa, wie nun endlich alle wissen. Dieses beispiellose Verbrechen hat endlich die Wende gebracht, man anerkannte das Unrecht, das seit Generationen an uns verübt wurde. Zwar gibt es unter unseren Mördern immer noch welche, die die Shoa leugnen. Das ändert nichts daran, dass Millionen von uns willentlich zu Tode gekommen sind. Diese Leugner stören sich an der Tötungsart. Für ihren Nachweis braucht es keine einzige Zeugenaussage. Die Papiere der Täter reicht dazu aus. Diese Tötungsart hatte zweierlei Bewandtnis: Die vertriebenen Massen verstopften den Nazis die Verbindungswege zur Front in Russland. Also musste man sie an Orten sammeln und auf eine Weise entsorgen, die die Mörder entlastete. Dazu waren Industrie und Bürokratie unabdingbar. Dies alles lässt sich aus Papieren und Aussagen der Täter selbst herleiten. Auf einen ihrer Führer persönlich geht das Anliegen zurück, dass es den tüchtigsten Schergen irgendwann überfordert, wenn er seine Pflicht erfüllt und er jüdische Kinder als Keimlinge zukünftigen Widerstandes am Laufmeter töten muss. So wurde eine Tötungsart gesucht und gefunden, die die Täter entlastet. Die Welt ist seither eine andere geworden. Das Abendland blickte geschockt in geöffnete Krematorien und auf Berge ausgezehrter toter Leiber. Und man musste einsehen: Der Antijudaismus der Shoa wäre ohne den abendländischen Judenhass unmöglich gewesen. Er spross an diesem fauligen Stock wie eine braune Warze. Unsere Verfolger sind nun gelähmt vor Schuld. Ein Aufschrei ging durch die Völker, die uns bis auf den Tod verachtet und misshandelt haben, der Ruf nämlich, das dürfe sich niemals wiederholen. Dieser Ruf wird lange nachhallen. Länger, als dir lieb ist. In den Reihen unserer Mörder erheben sich auf einmal Gutmenschen, die von der Shoa eine wunderbare Doktrin ableiten. Sie sagen: Erniedrigung und Vernichtung einer Minderheit mit allen Mitteln und um jeden Preis lehren uns Würdigung und Schutz aller Menschen mit allen Mitteln und um jeden Preis. Das klingt zu schön, wie man sagt. Leider schenken wir Juden dieser Zuversicht keinen Glauben.
Im Verlaufe der vergangenen Jahrhunderte kam es immer wieder zu solchen Morgenröten an Mitleid für unser Volk. Früher oder später verdunkelten sie sich alle. Diese Lehre kann für uns Juden nicht gelten. Was wir erinnern, untersagt jedes Vertrauen. Und das ist keine jüdische Rechnung, sondern eine menschliche. Niemand redet uns aus, es werde nach der schrecklichen Shoa ganz gewiss zu keiner Hasswelle gegen uns mehr kommen. Wir studieren diesen Hass seit Jahrhunderten. Dabei haben wir festgestellt, dass die Welle nicht nur wiederkehrt. Sie nimmt auch zu an Brutalität und Entschlossenheit. Daher richten wir täglich unsere Aufmerksamkeit auf die Anzeichen ihrer Rückkehr. Leider ist es so, dass sie jeweils mit leiser Kritik an unserem Volk ihren Anfang nimmt. Also markieren wir erste Kritiker sogleich als unsere Gegner. Wir müssen das tun, damit wir vor dem sicher sind, was darauf folgen könnte. Wie immer man uns beschwichtigen möchte, wir rechnen immer mit dem Judenhass, der wie ein schwarzer Bodensatz in Tiefen lauert und jederzeit hochgepflügt wird. Es ist schwierig in Worte zu fassen, aber unsere besondere Leidensgeschichte führt zu einer Art bewusster Ignoranz. Das werde ich dir genauer erklären, denn es wird auch dich in erheblichem Masse betreffen: Bewusste Ignoranz bedeutet die Regungslosigkeit und die Herzenskälte eines Wächters. Auch unter uns erheben sich immer wieder Stimmen, die Kritik am Jüdischen üben. Zum Beispiel hören wir die Sorge, dass wir, wenn wir Kritiker sofort als Gegner markieren, den Hass gegen uns damit zusätzlich befeuern. Das ist unmittelbar einsichtig. Aber wir können nicht anders. Nicht nach dieser Geschichte, die wir durchlitten haben. Daher missachten wir diesen sachlichen Einwand ganz entschlossen und bewusst. So lautet denn auch die Lehre anders, die wir aus der Shoa ziehen: Die Erniedrigung und vollständige Auslöschung unserer Minderheit mit allen Mitteln und um jeden Preis verkehrt sich in Würdigung und Schutz eben dieser Minderheit um jeden Preis und mit allen Mitteln. Eine andere Lehre können wir daraus nicht ziehen.
Wir sind schlicht ausserstande dazu. Gegner mögen diese Haltung als jüdische Sturheit verschreien. Wer immer diese Hasswellen studiert, wird unser Misstrauen in die schöngeistige Lehre heutiger Gutmenschen von Würdigung und Schutz aller Menschen nachvollziehen. Sie haben gut reden, denn sie teilen nicht unsere Geschichte, kennen diese Traumatisierung nicht, die in der Menschheit wohl ohne Beispiel geblieben ist. Es ist ein besonderes Gedächtnis wirksam, das von aussen kaum verständlich ist. Man weiss, dass Erinnerung und Bewertung von Gefühlen bei Menschen, die zu Tode verschreckt wurden, durcheinandergeraten sind. Zu diesem Trauma kommt die Gleichgültigkeit dazu, nein der Applaus der Anderen. Immer wieder stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Keine Sicherheit nirgends. Auf der ganzen Welt nicht. Kein Argument findet vor dem Standgericht Gehör, wenn man sich selbst zu verteidigen sucht, damit man dem sicheren Tod entgeht. Keine persönliche Rechtfertigung bewahrt dich vor ordentlicher Vernichtung. Allein deine angeborene Zugehörigkeit zum Judentum spannt dich ein in das Gebälk, damit die Henker in aller Ruhe Mass nehmen und ihr Werk sauber und völlig ungehindert an dir verrichten und durch dich hindurch. Und das über Jahrhunderte. Immer wieder. In all diesen verschiedenen Ländern, in denen wir zerstreut lebten. Diese Prägung kennt niemand. Ausser wir. Sie hat zur Folge, dass wir, sobald wir unter Druck geraten, alle Mittel gutheissen, die uns Sicherheit garantieren. Weisst du, was das bedeutet? Das heisst, dass wir, ob wir das nun wollen oder nicht, auf die Grundrechte anderer keine Rücksicht nehmen. Warum sollten wir? Niemand hat je unser Anspruch auf Grundrechte bei unseren Mördern eingefordert. Mir ist sehr wohl bewusst, dass wir ihnen dadurch ähnlich werden. Und die Bezeichnung dafür kommt mir nicht über die Lippen. Dazu kommt die Einsicht, dass wir Juden nur in einem rein jüdischen Gemeinwesen sicher sind. Auch dies lesen wir aus der Geschichte unserer Verfolgung. Bis zur Unkenntlichkeit angepasst überlebten wir mit anderen Völkern vermischt, und immer kam es früher oder später zu Hass. In Europa, in Asien. Nur die Neue Welt liess uns gedeihen. Nun sind wir mit Geldern ausgerüstet, die es uns gestatten, die Wüste hier zu begrünen. Aber es gibt auch im Amerika keine Garantie für uns, dass die Verhältnisse sich nicht über Nacht gegen uns wenden könnten. Das heisst, Bruder Araber, wir können hier niemals einen gemeinsamen Staat bewohnen.»
Der Palästinenser wirft ein: «Dabei ist es nicht das erste Mal, dass ihr bei uns Zuflucht sucht. Es gab kaum Hass zwischen uns.»
«Aber es wird ihn geben. Unsere Völker werden vor Hass ineinander verkrallt sein. Denn es gibt überall Menschen, die mit aller Härte zuschlagen wollen oder ein solches Vorgehen unterstützen. Nur das rein Jüdische, versammelt an einem Ort, geborgen in einem einzigen Schutzraum ist die einzige Garantie für unser Überleben. Diese Reinheit hat keine rassistische Bewandtnis, sie ergibt sich sachlogisch aus unserer Geschichte. Der Staat Israel ist als Arche zu verstehen. Auch die Shoa ging vorüber wie jedes Morden. Nun herrscht Ruhe, bis es irgendwann wieder anheben wird. Die Frage ist nicht, ob sondern wann. Diese Überzeugung teilen meine Familie und meine Ahnen seit jeher. Wisse, Araber, wir werden kommen wie Hochwasser. Von allen Seiten. Wir fluten das Land vom Meer bis zum Fluss. Nicht aus Grossmachtsgelüsten, sondern damit Platz genug sein wird für all die Juden, die vor der nächsten Hasswelle fliehen, wo auch immer diese losgetreten wird. Sie wird rollen, und sie wird der Shoa gleichkommen oder diese gar übertreffen, wie immer man sich das vorzustellen hat. Unsere Geschichte, unser klinisches Wissen über den Hass gegen uns lässt uns keine Wahl. Dazu kommt, dass die bewusste Ignoranz, von der ich sprach, auch unsere Mörder erfassen wird. Das Abendland, beschämt und blockiert vor Schuld, wird uns gewähren lassen. Zur Zeit lösen sie weltweit die Kolonialverträge auf, damit die einheimischen Völker sich endlich wieder selbst bestimmen. Nur hier werden sie diese Papiere weiterhin für gültig erachten, denn die Gelegenheit ist zu günstig, damit wir in dieses rechtliche Vakuum hinein unseren Staat gründen. Aber ich bitte dich, zu verstehen: Wir werden hierher geschoben. Aus Todesangst. Aus mehrfach in Tiefen der Geschichte gestapelter Traumatisierung. Mich schickten sie von Jerusalem hierher, damit ich meine Familie, meine Verwandtschaft hier aussähe. Damit das reibungslos gelingt, wird die schuldbewusste Weltöffentlichkeit dich und dein Volk bewusst ignorant für staatenlos erklären. Und sie werden euch das Besitzrecht an diesem Land absprechen, obwohl jedes Recht in Gewohnheit gründet. Niemand setzt sich für euch ein, genau wie bei uns damals, auch wenn die koloniale Schutzmacht, die am vergangenen Weltkrieg erschöpfte, euch wie Untermenschen behandelt. Sogar der Völkerbund traut euch keine Selbstverwaltung zu, verhandelt nur mit euren Stammesfürsten, die sich einen Deut scheren um dich und dein Volk, über das sie feudale Führerschaft beanspruchen. Diese rassistische Vorarbeit des europäischen Abendlandes nützt uns freilich beim Aufbau des Staates hier, den wir dringend benötigen, damit wir vor der nächsten Hasswelle zu Abertausenden hier Platz und Schutz finden. Entschuldige, wenn ich das immer wieder in Erinnerung rufe, aber es ist zu wichtig, um zu verstehen. Diese Abendländer christlicher Abkunft, die sich anmassen, Anwälte der Menschenrechte zu sein, unsere Mörder wohlgemerkt, sie nennen euch Sandneger hinter vorgehaltener Hand. Es ist die Scham ihrer beispiellosen Täterschaft, die uns gewähren lässt. Ihr werdet Gerichtshöfe für Menschenrechte um Hilfe ersuchen, aber sie werden euch bewusst ignorant jedes Gehör verweigern. Aus schuldbeladener Rücksicht auf uns. Das Hochwasser, von dem ich rede, schwemmt euch aus dem Land. Oder ihr ertrinkt darin, setzt ihr euch zur Wehr. Und das wird passieren, da euch niemand hört. Die bewusste Ignoranz wird zur Folge haben, dass eure Gewalt nur Terror sein wird und nichts anderes. Man wird euch zu Wölfen erklären und zum Abschuss freigeben. Daher bitte ich dich von Herzen, verlasse dieses Land. Verlasse deine Heimat. Auf dich wartet nirgends ein Keimling von Hass. Es gibt Brudervölker genug, die euch aufnehmen. Du schüttelst den Kopf? Das habe ich befürchtet. Ich weiss, deine Kinder wachsen hier auf, deine Ahnen sind hier begraben. Du wirst also nicht gehen. Nun müsste ich vor dir auf die Knie fallen und dich anflehen, dass du fliehst, aber mein Volk hat sich so oft auf die Knie geworfen und wurde doch nicht verschont. Als wären wir verdammt zu Schuld. Schon der Gründer unserer Bewegung für einen jüdischen Staat notierte in sein Tagebuch, man müsse die ansässigen Araber irgendwie aus dem Land schaffen. Das bedeutet, es wird Widerstand geben. Das heisst, wir werden unsere bewusste Ignoranz hochtrainieren müssen. Sie wird zu einem Stachel reinster Abwehr. Unsere junge Volkssaat soll hier endlich gedeihen. Jeder Keim von Schädling wird sofort ausgemerzt. Denn Rückkehr bedeutet für uns Hass und Tod, zwar der Möglichkeit nach, aber die Geschichte unseres Leids spricht dazu eine klare Sprache, sie lässt sich nicht ausdeuten, wie man gerade Lust hat. Bei kleinster Gegenwehr werden wir euch vertreiben. Nur der Wind wird durch die Dörfer heulen, die ihr gegründet habt. Damit unser Ruf und unser Gesicht bei dieser Schande gewahrt bleibt, erinnern wir uns daran, dass wir auserwählt sind, dass wir Opfer sind und dass ihr minderwertig seid. Das sind die Leitlinien, die es uns erlauben, die bewusste Ignoranz gegen euch aufrecht zu erhalten. Und das Abendland wird das stumm zur Kenntnis nehmen. Unsere ersten Industrien werden keine Araber beschäftigen. Wir werden Gesetze erlassen, die bewusst ignorant eure Grundrechte beschneiden, denn ihr seid staatenlos und keiner hört euch. Wer immer Steine gegen uns wirft, kommt in Beugehaft, ohne Verfahren, egal welchen Alters, wir verhören jeden ohne Beistand. Wir werden euch verbieten, eure Häuser zu erneuern. Verlasst ihr euer Heim für ein paar Monate, wird es mit Grund und Boden in den Besitz des jüdischen Staates übergehen. Und die Nachkommenschaft unserer Mörder wird dazu schamhaft schweigen. Wir werden diejenigen von euch, die zur Flucht ausserstande sind oder sie verweigern, zusammenpferchen, einzäunen und mit Mauern abschneiden, damit wir vor eurem Hass sicher sind. Und irgendwann werden eure Wölfe ausbrechen, sie werden unter uns Wehrlose meucheln, egal welchen Alters, und sie werden unsere Kleinen stehlen, denn wir halten ja eure Kinder in Schutzhaft. Und sie werden sie in euer besetztes Gebiet entführen. So zwingt ihr uns, dass wir euch vor Augen einer Weltöffentlichkeit auslöschen. Viele Völker haben ein anderes auf dem Gewissen. Warum nicht auch wir? So zwingt ihr uns in den Sumpf, wie eure Wölfe rufen, aber ihr werdet unter uns liegen. Denn viele von euch opfern sich lieber, als dass sie unsere bewusste Ignoranz, die brutal wird und entwürdigend für euch, weiterhin erdulden. Eure Wölfe werden sich willentlich unter euch mischen, was jedoch weltweit geächtet sein wird. So werden wir umso entschiedener auf euch feuern und euch unter Trümmern und Phosphor begraben, wie es der Plan eurer Wölfe auch vorsieht. Sie wissen genau, dass das immer neu verletzte Volk sich immer verbissener gegen weitere Verwundung zur Wehr setzen wird. Um jeden Preis. Mit allen Mitteln. Unter strikter, das heisst pflichtbewusster Missachtung der Grundrechte. Mit bewusster Ignoranz. So werdet ihr weltweit eine neue Hasswelle gegen uns auszulösen versuchen, damit sie euch befreit.»
Die beiden schweigen. Der Palästinenser erhebt sich und spricht zum jüdischen Siedler: «Komm, lass uns zusammen zum Gott Abrahams beten und dann essen. Wie früher. Noch ist nichts davon geschehen, was du voraussagst. Mag sein, dass ihr mich und meine Familie vertreibt oder gar tötet, da ihr eine Todesangst leidet, von der ich keinen Begriff habe. Trotzdem bemitleide ich dich und dein Volk. Denn so, wie es scheint, werdet ihr keine Ruhe finden.»
Ein Autofriedhof. Personenwagen, darunter eine Ambulanz. Alles vom 7. Oktober, alles ausgebrannt. Weiterlesen
Die Tech-Riesen des Silicon Valley stehen für die beispiellose Gewissheit, dass uns Computerisierung und digitale Vernetzung in der Evolution sprunghaft voranbringen. Sie machen uns weis, wir würden aus der sumpfigen Geschichte der Menschheit auf Metaebenen gelangen. Leider ist das nur Gewäsch, wie so oft. Oder zum Glück, je nach dem. Weiterlesen
Noch heute herrscht wenig Freude, wenn die so genannte Zahnfee ins Klassenzimmer kommt. Und immer liegt es an der Spezialpaste, die sie mitbringt. Es gibt keine Vorschrift, ob die Lehrkraft an dieser Übung teilnimmt. Meistens nutzt sie die Zeit für Arbeit am Schreibtisch. Dabei bestände hier die Chance, einem pädagogischen Grundsatz nachzukommen, der auch sonst sehr bedeutsam ist. Weiterlesen
Religionen verbinden Menschen miteinander. Über familiäre Klüngelei und Vetternwirtschaft hinaus. Im Vergleich zum Gruppenegoismus eines Stammes liegt darin ein Fortschritt. Aber leider gehen Religionen untereinander tunlichst keine Verbindung ein. Sie meiden sich wie Wurzelspitzen, die im Boden aneinander vorbeiwachsen. Nun aber, da die Bevölkerung auf diesem Planeten sich zusehends verdichtet, wirkt diese Abstandnahme wie fehl am Platz. Ihre Überwindung wäre politisch sehr von Nutzen. Religionen sollten ein Parlament bilden. Weiterlesen
Die Art, wie Vorgesetzte Aufträge in Worte fassen, entscheidet darüber, ob Angestellte sich ins Zeug legen oder die Faust in der Hosentasche ballen. Weiterlesen
Gerne wirft man anderen vor, sie seien blind betreffs einer bestimmten Angelegenheit. Sei dies Corona, das Klima, eine Schulreform oder die angebliche Überfremdung. Eigentlich wird damit bei anderen eine Beeinträchtigung festgestellt, ohne dass man Bedauern äussert oder Mitgefühl empfindet. Blindheit als Vorwurf ist sinnbildhaft gemeint. Unterstellt wird, die Person unternähme zu wenig gegen ihre Beschränkung, sie wehre sich störrisch dagegen. Das urteilt sich leicht, denn der Vorwurf selbst ist mit Blindheit geschlagen. Weiterlesen
Demokratie setzt Kritikfähigkeit voraus. Bildung und Aufklärung sollen diese Fertigkeit bei jeder einzelnen Person ausbilden helfen. Nun reden wir alle einander ins Zeug. Zuviel Kritik erschwert politisches Handeln, blockiert es sogar. Dieser Zustand wäre für Kant unvorstellbar gewesen. Es gibt nur eine anständige Methode, diesem hochwertigen Wildwuchs beizukommen.
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Nun wählen wir wieder. Kandidaten gibt`s genug. Gesichter landauf, landab. Sie garnieren ganze Plätze und Autostrassen. Als nach wie vor überzeugter Demokrat sollte mich das freuen. Weiterlesen
Die Schweiz bildet keine natürliche Einheit. Mit der Neutralität gibt sie Antwort auf ihre Angst, dass sie auseinandergerissen wird. Diese Angst ist ein Nachhall aus ferner Zeit. Heute besteht kein sachlicher Grund mehr dazu. Das hat Folgen für das Verständnis von Neutralität. Wir müssen verschiedene Neutralitäten annehmen.
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Selbständigkeit, Selbstgestaltung, Selbstorganisation. Weniger Einmischung, weniger Vorschrift. Ganz besonders in der Erziehung. Dieses Anliegen spricht für sich … selbst. Seine amtliche Durchsetzung lässt es allerdings verkommen. Und in der wissenschaftlichen Grundlage, dem dieses Anliegen beinah absolute Autorität verdankt, namentlich im Konzept der Autopoiese oder Selbstorganisation, steckt mehr Ideologie als Erfahrung. Schlimmer noch: Dieses Konzept sagt politisch viel aus, wissenschaftlich aber nichts. Oder nicht viel. Weiterlesen
Vor allem Religiöse sind um die Unabhängigkeit des Geistes besorgt. Sie erhoffen sich davon ein Weiterleben nach dem Tod. Fleischliches ist ihnen daher zu minderwertig, überhaupt alles Materielle. Also meiden sie auch die Wissenschaft, die auf Messbarkeit und damit auf Körperlichkeit setzt. Zwar ist die Wissenschaft ein Verein mit harten Statuten, doch das Verhältnis zu ihr sollte sich ändern. Denn mittlerweile bietet sie Angelpunkte, die Argumente für die Selbständigkeit des Geistes stützen könnten. Weiterlesen
Bahnbrechende Neuerungen führen zu Regelbrüchen. Aber sie gehen auch aus Regelbrüchen hervor. Durch Zufall oder willentlich oder aus Verzweiflung. Anders gesagt: Wer in der Norm verbleibt, bringt nichts Neues zustande. Die bahnbrechende Neuerung schlechthin ist die Relativitätstheorie. Wie wäre das für Einstein, wenn er heute lebte? Weiterlesen
Respektiert Erwachsene! Das bekommen Heranwachsende zu hören. Indes heisst es in der gegenwärtigen Politik: Respektiert Andersartige! Populisten wehren sich dagegen. Das liegt auch daran, dass auch ihnen keinerlei Respekt entgegengebracht wird. Respekt ist rasch gefordert. Dabei ist er ein schwieriges Geschäft. Weiterlesen
Viele hadern mit Prägungen aus ihrem familiären Umfeld. Ob absichtlich oder nicht haben Eltern oder Geschwister zu starken Einfluss genommen. Kriegt man diese Prägung nicht verarbeitet, kommt ein persönliches Scheitern dazu, das den Geschmack am Leben noch ganz vermiest. Diese Angelegenheit lässt sich anders sehen. Näher am Leben im Allgemeinen. Etwa anhand des Beispiels von Michel Foucault. Weiterlesen
Für Germann
Moderne Kunst gilt als schwer verständlich. Viele finden sie verschroben, aufdringlich, herausfordernd. Ganz richtig. Genau darin liegt ihre gesellschaftliche Aufgabe. Sie bricht mit etablierter Überzeugung, stösst sie vor den Kopf. Darin wäre jedoch keine Gegnerschaft, sondern eine Zusammenarbeit zu sehen. Etwa in der Art, wie ich mir das Verhältnis zwischen Gott und Teufel, sofern überhaupt, nur als Zusammenarbeit vorstellen kann. Alles andere dünkt mich blauäugig.
Für uns Moderne steht ausser Frage, dass die Meinungsfreiheit beschnitten wird. Unter anderem hat sie in Satire und Karikatur Tradition. Wer sich beleidigt oder gar bedroht fühlt, hat sich dieser Situation anzupassen. Das führt aber zu Spannungen, die eine Gesellschaft zerrütten. Derzeit liegt die Schwelle zur Empörung ohnehin beschämend tief. Wer das Grundrecht der Meinungsfreiheit für absolut sieht, geht von einer harten Öffentlichkeit aus. Demokratie und vor allem Freundschaft hingegen bieten Argumente, die dafür sprechen, dass man die Meinungsfreiheit sogar von sich aus beschränkt. Einerseits aus Rücksicht auf andere, andererseits aus Bekenntnis zur Demokratie.
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Der Wohlstand macht Traditionen überflüssig. Von Generation zu Generation dünnen sie aus. Indigene Kulturen verschwinden. Rund um den Erdball. Auch bei uns vor Jahren. Diese Entwicklung wird gerne beklagt. Auch unter uns, die wir kaum mehr Traditionen befolgen. Indigene Kulturen verschwinden aber auch deshalb, da ihre Mitglieder die westliche Kultur aus freien Stücken übernehmen. Genau wie wir es getan haben. Wer das bedauert, entmündigt diese Menschen. Wie zu Zeiten des Kolonialismus.
London Themse Südseite. Hier leben mehr Verlierer als Gewinner. Borough Market: Vollgestopfte Gassen, völkisches Essen. Allerorten blitzen Selfies. Ein Strassenkünstler hantiert mit einer kindlichen Handyattrappe, übergross und bunt glitzernd. Uns Passanten scheint er vor Augen zu führen, wie sehr wir auf dieses Gerät fixiert sind, indem er auch Gestik und Mimik überzeichnet. Was macht ihn so sicher, dass er die Angelegenheit richtig sieht und wir alle anderen falsch? Mir scheint, auch er hat nur mässig verstanden, was Leben ist.
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Mir ist nichts heilig! Wer das sagt, der würde gemieden. Ein Rohling der übelsten Sorte. Nach anderer Lesart wäre diese Person schlicht ein Weltenbürger der Zukunft.
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Die Lehre von der planetarischen Abdrift des Lebens durch uns Menschen wird so lange hypothetisch bleiben, bis Leben im All sich so verteilt hat, dass es kosmischen Katastrophen wie etwa Supernoven entgeht. Diese Lehre finde ich aus dem einzigen Grund aufschlussreich, da sie eine notwendige Umwertung besonders der menschlichen Konflikte erfordert, die im Rahmen kultureller Evolution geschehen. Diese Konflikte belasten ganze Generationen als sinnlos. Nun zeigt sich, dass sie wahrscheinlich einen Zweck erfüllen, der übergeordnet ist. Die These von der planetarischen Abdrift des Lebens ermöglicht somit eine Art Anti-Nihilismus.
Was meint eine esoterische Person genau, wenn sie vor einer dunklen Energie warnt? Energie ist doch wertneutral. Weiterlesen
Viele Angehörige meiner Generation verachten den Rummel, der um Serien veranstaltet wird. Sie sollten umdenken, sobald eine Familie gemeinsam eine Serie schaut. Generationen, sonst eher getrennt, verständigen sich über den Konsum von Serien, denn in eine Serie passt bekanntlich mehr Leben. Ein weiterer Vorteil, gewisse Serien wie „Outer Banks“ zu schauen, greift hingegen tief ins Archaische.
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Im Netz fiel jemandem auf, dass es seit Längerem in Wissenschaft und Gesellschaft zu keiner bahnbrechenden Neuerung mehr gekommen sei. Woran liegt das? Der möglichen Antworten sind viele. Mein Beitrag: Das Problem liegt an übermässiger Normierung. Sie würgt Neues vorweg ab. Zur Normierung gehört unter anderem permanente Zusammenarbeit in Teams. Eigenbrötlerei gilt heute für verdächtig. Dabei haben früher vor allem Aussenseiter bahnbrechende Neuerungen hervorgebracht.
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1. Aus der Betriebslehre von Google: «Wer Vertrauen bekommt, würdigt Vertrauen. […] Glaube den Technikern, nicht dem Marketing. […] Der Erfolg einer Firma hängt auch davon ab, ob die Angestellten ihrem Leitbild Glauben schenken. […] Die Sensoren der Menschen für Bullshit sind sehr fein. […] Wozu ein [BWL-]Plan? Ein Plan hält uns nur auf. […] Man muss Vertrauen in seine Leute haben und genug Selbstvertrauen, um sie den besseren Weg finden zu lassen.» Das ist das, was fehlt. Ein systemisches Misstrauen, das den Lehrberuf auf Primarstufe schlechterdings unattraktiv macht. Weiterlesen
Das Böse an sich halte ich für ein Missverständnis. Weiterlesen
Heute ist es leicht zu provozieren. Die politische Korrektheit hat Fallstricke feinmaschig ausgelegt. Damit schafft sie ungewollt zahllose Gelegenheiten zur Provokation. Nur ein falsches Wort, und schon brandet Empörung heran. Wer Aufmerksamkeit nötig hat, der bediene sich. In Diktaturen sind Provokationen unverzichtbar. Das heisst aber noch nicht, dass sie demokratisch sind. Sie sind es nicht.
Politische Korrektheit nimmt ein Anliegen ernst, das ganze Generationen beschäftigt. Aber es gibt scharfe Gegner. Diese richten sich weniger gegen das Anliegen selbst, eher stossen sie sich daran, dass politische Korrektheit unter sozialem Druck diktiert wird. Denn dieses Diktat stellt das Anliegen über andere Interessen, die genauso ihre Dringlichkeit hätten. Weiterlesen
Der hat seine Chance gehabt! Das hört man oft in einer Entschiedenheit, die Eindruck macht. Besonders Erzieher reden so. Erst üben sie milde Nachsicht ihrem Zögling, geben sich kameradschaftlich. Im Wiederholungsfall aber schlagen sie hart zu. Weitere Chancen stehen ausser Frage. Gewiss nehmen sie an, dass sie so vorbildhaft Werte durchsetzen, die für das gesellschaftliche Zusammenleben unverzichtbar sind. Dabei ist es reine Willkür. Strenggenommen benehmen sich diese Leute wie Gott. Vor allem aber ist ihr Verhalten unsportlich.
Nun schimpfen sie wieder. Schande auf mich und alle, die für satte Gewinne hohe Risiken eingehen. Die Kritiker haben recht. Ausnahmslos. Aber sie kapieren die Gesellschaft nicht, der wir alle angehören. Weiterlesen
Es ist bitter, wenn eine Person zum Schluss kommt, sie habe ihr Leben falsch geführt. Bei einer zweiten Chance würde sie andere Entscheide treffen. Von Anfang an. Einem Menschen in dieser Misere ist kaum zu helfen. Darüber hinaus wird diese Person vereinsamen, denn niemand will mit so einer Düsternis aus freundschaftlicher Nähe zu tun bekommen. Dieses Leid hängt aber wesentlich von einem bestimmten Menschenbild ab, das jemand selbstverständlich auf sich selbst anwendet. Ändert man das Bild, verschwindet vielleicht das Leid. Oder es wird abgemildert. Das klingt leicht, ist es aber nicht.
Durch Fernsehkanäle zappen gilt für verpönt. Spielt aber der Zufall mit, ergeben sich unerwartete Erkenntnisse. Man kriegt einen jähen Vergleich serviert, ohne den überhaupt keine Erkenntnis möglich ist. Weiterlesen
Zunehmende Kultiviertheit bedeutet, dass man immer wählerischer wird. Ein klarer Fortschritt im Vergleich zum rohen Naturzustand von ehemals. Kultivierte benehmen sich auch gerne herablassend gegenüber Hemdsärmeligen. Dazu besteht kein Grund. Wer kultivierter, sprich wählerischer lebt, verträgt rasche Umweltveränderungen schlechter als robuste Naturen. So wird man zu einer Orchidee im Wind der Evolution.
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Der Lehrermangel hat sicherlich verschiedene Gründe, aber nicht alle sind im Gespräch. Zum Beispiel der Zusammenzwang. Damit meine ich die Erwartung, dass die Schule regelmässig in der Öffentlichkeit als Einheit auftreten soll. Das erfordert ständige Teamarbeit, wie von Reformern dringend gewünscht, und somit Ablenkung von einem Kerngeschäft, das anspruchsvoll geworden ist.
Eine Generation zeigt selten Verständnis für die Altersgruppen, in die sie zeitlich gefügt steckt wie ein Verzehrgut zwischen zwei Sandwichbroten. Über diesen Missstand lässt sich leicht den Kopf zerbrechen, er hält sich hartnäckig. Seit je. Dieses Unverständnis unter Generationen mag uns Einzelne entmutigen, das Leben selbst scheint es zu wollen.
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Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen. Warum nicht Till Lindemann von den Rammstein? Zu provokant, möchte man beanstanden. Dieser Einwand bleibt an der Oberfläche, so nachvollziehbar er scheinen mag. Lindemanns Lyrik reizt einen Nerv, der aus der Öffentlichkeit hart verdrängt wird. Umso mehr wird er von Tausenden geteilt. Europaweit. Weltweit. Seit Jahren.
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Christliche Selbstliebe klingt nach einem Widerspruch. Alles dreht sich doch um Nächstenliebe. Dabei stellt der Grundsatz «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» klar, dass die Selbstliebe der Nächstenliebe vorangeht, sie sogar begründet. Daher kann durchaus von einer christlichen Selbstliebe die Rede sein. Dieser Ratschlag für ein gutes Leben unter Menschen hat aber seine Tücken. Auch hat er mit Problemen biblischer Übersetzung zu tun. Seine alternative Übernahme aus anderen Grundtexten wäre um Einiges hilfreicher für uns.
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Für Erasmus entsteht Krieg aus Krieg. Dabei geht den meisten Kriegen ein Friede voraus. Krieg entsteht also aus Frieden. Wie soll das gehen? Dem Frieden haftet tatsächlich eine Tragik an, die zu Krieg führt. Aber Frieden verhüten kann niemand wollen. Weiterlesen
Im Lehrberuf bin ich ein Quotenmann. Damit lässt sich gut herumwitzeln. Die peinliche Scham, dass ich womöglich bloss wegen meines Geschlechts die Auslese bestand, sollte mir zu denken geben. Wer dafür hält, dass in Führungsgremien Frauen vertreten sein sollen, muss andere Überzeugungen aufgeben, die ihm oder ihr am Herzen liegen. Andernfalls besteht ein Widerspruch, der die Politik für eine solche Quote angreifbar macht. Weiterlesen
Wer über Sinn oder Sinnlosigkeit des Lebens nachsinnt, denkt sozusagen im Leerlauf. Das Leben liegt jenseits davon. Sinn oder Sinnlosigkeit also: Weder das eine noch das andere macht Sinn. Das lässt sich sachlich herleiten. Bedauerlich für die, die sich in einem Sinn des Lebens sonnen, jedoch ein Glück für jene, die die angebliche Sinnlosigkeit des Lebens herunterzieht. Für beide gibt es gute Nachrichten. Weiterlesen
Den Namen des Ortes unterschlage ich. Es könnte eine Klage drohen. Genauso wie die Organisation hier sich systematisch gegen Klagen absichert, mit denen von allen Seiten zu rechnen ist. Liberalisierung klingt nach freundlicher Entspannung, wenn sie gesellschaftlich gemeint ist. Hier aber kommt sie in ihrer wirtschaftlichen Rolle daher. Das bedeutet Anspannung. Mittlerweile sollte man von einer Volkskrankheit sprechen.
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Für Fachunkundige: Ein INS-Kind ist ein Kind, das in die Regelschule einbezogen bleibt, trotz seiner Mühen, die beträchlich sind. Es wird also nicht in Kleinklassen abgesondert. In Augen der akademischen Tagespresse wie NZZ und Tages Anzeiger gilt diese Reform für gescheitert. Hier ein Beitrag aus der Praxis zur Stärkung dieser Ansicht. Weiterlesen
Das Meiste von dem, was wir von uns geben, wenn wir fremdes Verhalten beurteilen, sind blanke Unterstellungen. Wir massen uns an, das intime Leben einer anderen Person mit seinen Motiven und Strategien genaustens zu durchschauen. Dabei verhält es sich wie bei Schrödingers Katze: Wir müssten diese Intimität knacken, um die Bestätigung zu bekommen, wie es bei Schrödingers Gedankenexperiment auch vorgesehen wäre. Aber das gelingt selbst in engsten Bindungen kaum, wo man sogar trotz geteilter Intimität unerkannt leben kann.
Jede sexuelle Orientierung hat mit dem gleichen Leben zu tun. Genau wie ich. Einerlei, wie diese Orientierung aus dem Leben hervorgeht, ob aus persönlicher Entscheidung, ob therapeutisch gut begründet oder einfach als Lebensstil, ich interessiere mich dafür. Es sind Lebensformen, die ich abstrichlos anerkenne. Hier stehe ich, nein hier sitze ich und kann nicht anders. Wenn jedoch Dragqueens Kindern im Vorschulalter Märchen vorlesen, kommt mir das sehr angestrengt vor. Ich kritisiere unabhängig dieser Personen eine hemdsärmelig naive Bildungsmethode, bei der man zudem diplomatisch ungeschickt vorgeht.
Noch einmal: Wenn wir im Alltag Fremdverhalten beurteilen, handelt es sich zuallermeist um blanke Unterstellungen. Weiterlesen
Weg mit diesem Techno-Zeug! So ein Elter zu seinem oder ihrem Kind mit Bildschirm. Diese Ignoranz erinnert an das neuzeitliche Unverständnis, das man Leuten entgegenbrachte, die in Bücher starrten wie auf ein Stück Holz. Damals wie heute gilt: Von Aufklärung keine Spur. Nehmen wir an, das Kind spielte gerade Woodoku, mein neustes Vergnügen für Zwischendurch. Da lohnt sich ein genauer Blick, statt Abwehr aus Abstand.
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Der Jugend geht es schlecht. Da gibt es wohl manche Ursachen. Corona zum Beispiel. Mit dieser handlichen Begründung lässt sich ein Missstand abfedern, der im Grunde einer Gesellschaft den Bankrott erklärt. Denn wer die Jugend verheizt, hat wenig von irgendeiner Zukunft zu erwarten. Sicherlich gibt es Weiteres punkto Ursachen zu bedenken. Zum Beispiel die Praxis der Scheinselbständigkeit, die wir den jungen Menschen zumuten.
Wie heisst es schon wieder richtig? Politische Korrektheit erfordert eine besondere Sachkenntnis. Einmal mehr bekommt die Mehrheit von einer Minderheit eine bessere Welt verschrieben. Die Wortwahl bleibt keineswegs dem persönlichen Gutdünken überlassen. Dies zu beanstanden muss man kein Populist sein. Demokrat genügt. Immerhin wird in dieser Sache ein gesellschaftlicher Druck ausgeübt, der von keinem Mehrheitsentscheid beglaubigt wird.
Wenn sich in einer Gesellschaft Schichten ausbilden, halten wir das für ungerecht. Früher fand man sich damit ab: Die Reichen und die Armen, diese Prekären, zu denen der Mittelstand absinkt. Folglich wird Schichtbildung als rückständig erachtet. Die Aufklärung, die für Gerechtigkeit für alle einsteht, versagt immer wieder. Das kann einen zusetzen. Bevor man sich selbst aber gleich aufgibt, sollte man bedenken, dass Schichtbildung immerhin natürlich ist. Weiterlesen
Ursachen zum Lehrermangel sind vielfältig. Unter anderem bestehen im heutigen Bildungssystem markante Widersprüche. Sich diesen zu beugen, kann für Lehrkräfte schambehaftet sein. Einer dieser Widersprüche betrifft den Umgang mit Metakognition als unabdingbarer Voraussetzung zu Selbständigkeit.
Die Frage, wie wir uns aus Zwängen lösen, beschäftigt uns Menschen grundsätzlich. Sehr oft stehen uns dafür überzogene Erwartungen im Weg, die wir ans Leben stellen. Die Veränderungen, die dazu nötig wären, bedingen viel Aufwand und eine hohe Disziplin, an der viele scheitern. Die erste Einsicht wäre die, dass wir unsere Erwartungen einfach herunterschrauben. Das wäre die handlichste Massnahme, sie gelingt aber kaum. Ein anderer Weg, Freiräume zu erlangen, besteht darin, die Sachlage, die uns zusetzt, anders zu deuten. Dazu diese Fingerübung.
Die Idee, mit dem Panoramazug die Berge zu durchgondeln, überkam mich spontan. Sie ist etwas altbacken. Zwar bekam ich zu sehen, was das Angebot versprach. Hautnah jedoch erlebte ich die New Economy mit ihrem klinischen Charme. Weiterlesen
Fortschritt und Wohlstand laufen auf mehr Schmerzfreiheit hinaus. Das bedeutet aber auch mehr Wehleidigkeit.
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In Reaktion auf die Zustimmung des Moskauer Patriarchen zum Krieg in der Ukraine 2022.
Allein bin ich zur Welt gekommen, allein werde ich sterben. Allein, das heisst: Eins mit dem All. Zwischen Geburt und Tod liegt mein Leben. Keines sonst. Demnach geniesse ich wie alle Lebewesen einen bevorzugten Zugang zum Kosmos. Diesen intimen Zugang jedoch habe ich weder gewählt, noch mir zugespielt. Weiterlesen
Einmal mehr gerät die Geisteswissenschaft unter Beschuss. Vielleicht sollte man dafür Verständnis aufbringen, schliesslich hat sie das Erfahrungswissen während Jahrhunderten geringeschätzt und klein gehalten. Das ändert nichts daran, dass sie heute gegenüber der Naturwissenschaft ungeahnte Vorzüge zu bieten hat.
Das Mädchen deutet an den Nachthimmel, und es möchte wissen, ob es Blinksterne gebe. Weiterlesen
Meinungsvielfalt überfordert manche. Gerade Populisten haben damit Mühe, denen wiederum Reformer am liebsten einen Maulkorb verpasst sehen würden. Offensichtlich fällt es schwer, in Meinungsvielfalt ein Grundrecht zu erkennen, das hart errungen wurde. Schlimmer wird es, wenn die Meinung obendrein geändert wird. Ein Meinungswechsel bedeutet Stärke wie Schwäche zugleich.
Wer den Anspruch erhebt, aufgeklärt zu sein, dem schwebt ein faires Urteil vor in allen Belangen. Also kann ich nicht Ukraine-Versteher sein oder Putin-Versteher. Beides muss ich sein. Und nur beides. Weiterlesen
Jemand bereut einen Hauskauf, eine Ehe, ein Kind. Dinge, von denen man sich nur trennt, wenn man sein Leben moralisch ernsthaft beschädigt. Reue in dieser Grössenordnung bedeutet eine besondere Form der Marter. Bevor man jedoch darin versinkt, sollte man in dieser Angelegenheit Möglichkeiten für etwas mehr Selbstwertschätzung beachten. Weiterlesen
Kinder leben im Morgen. Wir nicht. Weiterlesen
Ein Flüchtling hält Lesungen zu Texten über die Heimatlosigkeit, die ihm aufgezwungen wurde. Das Schweizer Publikum zeigt sich betroffen und verschreckt ob der Vorstellung, uns würden wie ihm die Wurzeln gekappt. Von diesem Leid habe auch ich keinen Begriff. Das verpflichtet mich zu Respekt. Dennoch fällt mir an diesem Menschen eine merkwürdige Sturheit auf. Weiterlesen
Was ist eigentlich Geist genau? Da gibt es verschiedene Antworten. Eine ist mir während der Pandemie aufgegangen. Und auch jetzt beim Krieg in der Ukraine. Dieser Ansatz ist aber eher anstrengend. Denn es geht darum, dass man verschiedene Narrative in Gedanken austauscht, also Geschichten, die in diesem Fall Missstände wie die Seuche oder diesen Krieg erklären. Die Sicht auf die Welt kippt dadurch von einem Extrem ins andere und wieder zurück. Das ist Geistarbeit.
Primaten sollen Menschenrechte zugesprochen bekommen. Damit bringen wir sie mit uns auf Augenhöhe. Eine wünschenswerte Neuerung zwar, aber sie verdeckt massive kulturelle Probleme, die uns betreffen, nicht die Tiere.
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In Machthabern vermuten wir Menschen, die aus blanker Souveränität handeln. Als verfügten sie über endlose Reserven. Vielleicht überschätzen wir sie, damit wir wachsam bleiben. Wäre Putin jedoch eine Matrjoschka, was genau spränge als sein Innerstes zuletzt heraus? In seinem Fall müsste man eigentlich von einer Patrjoschka sprechen, sofern es das gäbe. Wer also könnte das sein?
Gerade jetzt, wo bei mir eine Leidenschaft für alternative Theorien heranreift, stellt die Regierung die baldige Aufhebung lästiger Massnahmen in Aussicht. Damit wird der Streit im Volk verrauchen, doch die Frage, wie wir miteinander umgehen, stellt sich weiterhin. Auch überlege ich mir, wie ich mit dem schlimmstmöglichen Fall umginge, sofern dieser denn einträte, wie er alternativ zu Corona verlautet wird. In beiden Fällen hängt der Friede davon ab, ob wir Natur und Mensch getrennt sehen oder als Einheit. Weiterlesen
Letzte Woche gedachte man der Befreiung von Ausschwitz zum 77sten Mal. Die Leugnung des Holocaust sprich der Shoa spielt auch eine Rolle in alternativen Corona-Theorien, die ein Weltjudentum am Werk sehen. Leugnen lässt sich dieses Ereignis sehr wohl, wie alles, was Tatsache ist. Zu seiner Belegung ist keine einzige Opferaussage nötig, so leid es mir tut. Die Täter selbst sorgen dafür.
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Ein Corona-Friedensvertrag hat eine moralische Bedeutung. Also gibt es keinen Gerichtsstand und daher keine Möglichkeit, den Vertragspartner einzuklagen. Wer von den Willenserklärungen abweicht, aus denen der Vertrag besteht, hat einfach moralisch verloren. Weiterlesen
Selten bis gar nie kommt es vor, dass eine Dokumentation mein Denken auf den Kopf stellt. Oder auf die Füsse, je nach dem. Weiterlesen
Vor Jahren traf ich einen Berufsschüler im Zug. Seinen Rucksack hatte er derart mit losen Arbeitsblättern vollgestopft, dass der Sack tiefer war als breit. Ein gepresster Block, bestehend aus Schulmaterial. Ohne Reiter oder Mäppchen dazwischen, die Orientierung geboten hätten. Über diesen jugendlichen Eigensinn sehe ich Leute den Kopf schütteln. Und ich sehe mich, wie ich diese Kritiker kopfschüttelnd mit Unverständnis bedenke. Sie könnten es besser wissen.
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