Letzthin im Sihlcenter fiel es mir wie Schuppen von den Augen, wie hässlich, wie witzlos, wie lebensfeindlich die Welt der Renditenmoral geworden ist.

Wer als Gast in solchen Betrieben bequem sitzen möchte, muss das Kissen selber mitbringen. Die Wände sind kahl und ohne Schmuck, es riecht nach billigem Putzmittel, der rechte Winkel herrscht vor, ohne Pfiff und Proportion wie bei Bauhaus, dazu unverkleidetes Schraubenwerk, grelles Neonlicht. Das Servicepersonal, durchs Band Arbeitskräfte mit Niedriglohn, das täglich unter die Nase gestrichen bekommt, es könne froh sein, hier zu arbeiten, radebrecht Deutsch, allenfalls kommt ein sonderbares Englisch daher, was in diesem Zusammenhang kein fremdenfeindliches Argument darstellt, sondern einen weiteren Beleg dafür abgibt, dass sämtliche betrieblichen Belange der Renditenmoral folgen. Das Essen, eine Art klebriges Thaigericht, wird aus der verschweissten Packung gelöst, unter Bestrahlung gestellt und vom Gast abgeholt, nachdem seine Abholnummer erklungen ist oder vibriert hat.

Mittlerweile ist allseits bekannt, welche Massnahmen Renditenmoral nahelegt: Arbeitsplätze in Billigländer auslagern, dortige Grundrechtsbrüche bei der Produktion in Kauf nehmen, etwa Kinderarbeit oder lausige Verhältnisse in Fabriken, Sollbruchstellen in Produkte einbauen, Ersatzteile verschweissen, finanztechnisch tricksen, Steuern umgehen, Shareholder befriedigen, die rechtliche Beschränkung der Kundensouveränität in Unterparagrafen der allgemeinen Geschäftsbedingungen verbergen, die zu lesen Stunden beanspruchen würde, was eine Art Naturrechtsbruch darstellt, neuste Befunde aus Neurobiologie und Verhaltenspsychologie nutzen, um die Kundschaft zu manipulieren, Fleisch mit Papier strecken, Tabakwaren mit Substanzen anreichern, die das Suchtpotential fördern, Lohneinsparungen betreiben, auch wenn dadurch das Kerngeschäft an Qualität einbüsst, wie etwa im Pflegebereich. Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Tricks dieser Art werden keineswegs schamhaft begangen oder verklausuliert, sondern offen, da die Renditenmoral solches Verhalten sogar als Pflicht einfordert. Ich erinnere mich an eine Führungskraft im Facilitybereich, die angeordnet bekam, maximale Einsparungen zu tätigen. Diese Person entwickelte geradezu eine Leidenschaft dabei und jubelte bei jeder neu entdeckten Möglichkeit. Auf die sozialen Folgen ihres Tuns hingewiesen, stutzte sie zwar und hielt kurz inne, meinte dann aber, das müsse eben trotzdem geschehen.

Trotzdem.

Der Ausdruck Moral wirkt in diesem Zusammenhang ohnehin befremdlich. Wie fehl am Platz. Vertreter dieser Auffassung, ehemals Liberale, folgen zumeist einer engagierten Ayan Rand, die auf literarischem Weg den Egoismus verteidigt. Ernster zu nehmen ist die wissenschaftliche oder philosophische Unterfütterung dieser weltweiten Strömung. Milton Friedman etwa, ein Gott für Reagan, Thatcher, Blocher und deren Gefolgschaft bald über Generationen, hat sich, genau wie Ayan Rand, mit seinen Argumenten am Sowjetkommunismus abgearbeitet. In dessen Extremform handelt es sich um Stalinismus, in diesem Fall verkörpert durch Breschnew, den Friedman unentwegt im Blick hat. Dabei zeigt sich einmal mehr, dass jemand, der ein Extrem bekämpft, Gefahr läuft, einem blanken Gegenextrem zu verfallen. Dabei lohnt sich ein Blick in die Geschichte, dieser von Liberalen und Libertären verlachten Fachdisziplin, da sie Neuerungen im Wege steht. Im Überblick ganzer Jahrhunderte weist sie nach, dass Extrempositionen eine kurze Lebensspanne haben, allenfalls ein paar Generationen, dann geraten sie unter den Dampfhammer und werden entsorgt. Das gilt auch für Gegenextreme, die darauffolgen.

Der Westen hat wesensgemäss keinen Sinn für die goldene Mitte, die uns etwa Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik anempfiehlt.

Friedman ersinnt zur Verteidigung der marktwirtschaftlichen Freiheit, die auf Renditenmoral hinausläuft, ein Gedankenexperiment in philosophischer Manier, bei dem vier Robinson Crusoes je auf einer Insel stranden, von denen drei karg und lebensfeindlich beschaffen sind, die letzte jedoch fruchtbar und voller Bodenschätze. Friedman betont, es bestehe für diesen vierten Crusoe keinen Zwang, seinen Vorteil mit den anderen zu teilen.

Fertig.

Mehr kommt ihm dazu nicht in den Sinn. Auch wird klar, warum es vier Crusoes sein müssen und nicht bloss zwei, denn die drei, die leer ausgehen, wären als Ursozialisten durchaus in der Lage, den vierten zur Umverteilung zu zwingen.

Muslime, Buddhisten, Christen, Hindus, Kommunitaristen, Ordoliberale, Anarchisten, Hippies, Mütter, Väter, sie alle würden dem vierten Crusoe wenigstens Respekt und Anstand anmahnen, dass er von seinem Vorteil, der ihn bloss zufällig begünstigt hat, auch an die anderen abgibt, die ebenso zufällig leer ausgegangen sind. Das gilt auch für Liberale. Sie befürworten den ungeteilten Nutzen von Vorteilen, sofern man sie eigenhändig erwirtschaftet hat, aber nicht aus Zufall. Und fairerweise ist zu sagen, dass Friedman sich hiermit nur gegen den Zwang richtet, da es ihm sehr wohl darum zu tun ist, dass der zufällige Vorteil freiwillig geteilt wird.

Oder eben nicht. Je nach dem.

Das ist blosse Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Auf diese Freiwilligkeit hofft man weltweit vergebens, denn Renditenmoral und sanktionierter Egoismus gehen Hand in Hand und machen vor keiner Beschränkung Halt, die ihnen eine freiwillige Umverteilung nahelegen würde.

Und jede Dekadenz wird als persönliche Freiheit ausgekostet. Dem sanktionierten Egoismus entsprechend gilt sie vorweg als legitimiert.

Aus diesen Renditenmoralisten hat sich eine schwerreiche Elite herausgebildet, die den Westen aus Hintergründen anführt. Sie nutzen den menschengemachten Klimawandel argumentativ für Massnahmen, wie sich die Menschheit zahlenmässig verringern liesse, sprich wie man verarmte Gesellschaftsschichten politisch neutralisiert oder gar loswird. Ihr sanktionierter Egoismus treibt schwärzeste Blüten, denn nun ist klar geworden, dass es sich dabei offenkundig um erpressbare Kinderschänder handelt.

Selbst ein Milton Friedman würde sich an dieser Stelle vor Abscheu übergeben.