Der Westen hat das Völkerrecht begründet, später das Menschenrecht. Seine Wiege ist Europa. Die Frage stellt sich dringend, warum er dieses Recht andauernd bricht. Wäre Europa eine Person, dann würde es sich um einen mehrfach traumatisierten Menschen handeln, der unfähig ist zu vertrauen. Diese Haltung wurde nach Übersee exportiert, in einen Freiraum unbegrenzter Möglichkeiten, der wie ein Sog auf geschundene Menschen wirkt. Genau diese Spannung macht die USA aus: Misstrauen gepaart mit Sinn für Machbarkeit.

Letzthin zappte ich in eine Dokumentation über ein Zen-Kloster. Die Mönche sassen aufrecht wie Kerzen, ihr Kopf wie stille Flammen, als hingen sie mühelos in der planetarischen Schwerkraft. Hin und wieder schepperte es im Hintergrund, oder ein Gong rauschte unerwartet, ohne dass die Mönche zusammenzuckten. Zufälligerweise geriet ich daraufhin in einen Film über ein Karthäuser-Kloster. Dort sah man, wie die Mönche über knarrende Böden schlurften, das schwere Haupt gebeugt und in eine Kapuze gehüllt, wie sie sich über Türschwellen schleppten. Im Vergleich zu den Buddhisten wirkten ihre Körper wie von Gicht entstellt. Und es herrschte völlige Stille, die Besonderheit schlechthin bei Karthäusern.

Der zufällige Vergleich machte den Eindruck, als wirkte im Westen eine höhere Schwerkraft als in Fernost. Und während die Zen-Mönche akustischen Schocks ausgesetzt waren, schienen die Karthäuser in ihrer Stille jede Form böser Überraschung von sich fernzuhalten. Woher dieser Unterschied? An der Schwerkraft kann es unmöglich liegen. Was ich zu dieser Frage an Gründen anführe, sind keine Wahrheiten, dazu fehlt jeweils die Bestätigung, sondern Vermutungen, die mehr oder weniger einleuchten.

Schon immer fand ich es bemerkenswert, dass Europa als Kontinent gelten soll. Dabei handelt es sich um einen Wurmfortsatz der asiatischen Landmasse. Vielleicht eine Überheblichkeit aus Notdurft? Diese europäische Notdurft zeigt sich aus meiner Sicht an einem berühmten Bild, das auch schon verfilmt wurde. Nämlich als die Engländer 1941 auf der Mole von Dünkirchen dicht zusammengedrängt und unter Beschuss auf Hilfe warteten. Auf dem ganzen Planeten ist es schon zu kriegerischen Konflikten gekommen, zumeist jedoch punktuell und eher kurzfristig. Europäern jedoch hat sich eine Erfahrung eingebrannt, so meine Behauptung, von der andere Regionen weitgehend verschont geblieben sind. Nämlich dass ohne jede Ankündigung aus den Tiefen dieser Landmasse ganze Horden heranbranden und die Einheimischen niederwalzen. Hunnen, Normannen, Mongolen, Osmanen. Als zögen die Völker einfach der Sonne nach und drängten so in die Enge Europas hinein. Es würde mich nicht wundern, wenn auch das konfliktreiche Durcheinander der Völkerwanderung im europäischen Gedächtnis eingeschrieben ist.

Menschengruppen in dauerhafter Anspannung bilden Bekenntnisse aus oder Ideologien, die sie sicherheitshalber derart schärfen und zuspitzen, dass es die Gruppe spaltet. Reformation und militärische Verhärtung des katholischen Glaubens führten zu blutigsten Kriegen. Auch Kapitalismus und Sozialismus sind europäischen Ursprungs. Noch heute sind sie in schlimmster Weise verfeindet. Der Wille, diese Lage zu verbessern, griff in Europa daher konsequenter als anderswo. Der Wille nämlich, eine perfekte Versorgung sicherzustellen, allem voran die perfekte Sicherheit. Dies führte zu Verwissenschaftlichung und Industrialisierung des Lebens und damit zu einer technologischen und wirtschaftlichen Vormachtstellung gegenüber Völkern, die zufälligerweise ruhiger leben.

Dazu fällt mir ein Sinnbild ein. Wäre nämlich Europa und damit der Westen ein Stück Sacher-Torte und würde die Schicht Marmelade dazwischen eine blutige Katastrophe bedeuten, die ganze Volksgruppen und mehrere Generationen zugleich traumatisiert, dann wäre dieses Sacher-Stück mehrschichtig in grausige Tiefe gestapelt.

Die inneren Spaltungen verdrängen viele nach Übersee, nebst Verarmten, auch religiös Verfolgten sowie Kriminellen. Die Entdeckung der neuen Welt wirkte wie ein Sog auf sie. Heute beklagen wir die Ausrottung Einheimischer. Keiner der Siedler würde auf diesen Möglichkeitsraum verzichten, nur damit sonderbare Einheimische ungestört weiterleben. Dem Druck dieses Geschiebes hält niemand stand. Niemand stellt es einfach so ab. Vor allem keine schöngeistigen Gutmenschen, die vom Sofa weg mit Pantoffeln an den Füssen die Geschichte nachträglich glauben korrigieren zu müssen. Sie meinen, mit ein paar Argumenten, mit etwas klugem Nachdenken könne man Katastrophen globalen Ausmasses, wenn sie sich anbahnen, einfach so abstellen. Nur zu rasch sind wir Gutmenschen dazu geneigt, ein ganzes Volk oder eine Schicht davon als bösartige Täter zu verteufeln. Umso dringender steht zu Gebot, dass wir dieses Geschiebe verstehen. Wenn also jemand die Ausrottung der Indianer beklagt, und das tun wir alle, dann jedoch soll er den Migranten mit stichhaltigen Argumenten im Hinblick auf ein würdiges Menschenleben beibringen, besser nicht zu siedeln. Erkläre das dem kläglichen Rest einer hugenottischen Familie, die es in La Rochelle knapp auf ein Schiff geschafft und die Überfahrt krank und halbverhungert überstanden hat. In «Horizon», einem neuen Western auf Amazon Prime, wird die europäische Heimat dieser Leute wie folgt beleuchtet:

Sie drehten Tag für Tag den gleichen Mühlstein, bis sie nicht mehr konnten. Und wenn sie versuchten, das zu ändern, dann führte das zu nichts. Genau das hat uns über den Ozean gebracht. Und keine Armee dieser Welt wird diese Planwagen aufhalten, so unerwünscht sie sein mögen. Viele werden scheitern, einige werden klug genug und zäh genug und skrupellos genug sein. [ca. ab 1:20:48]

Dieser Einblick in das Leben verarmter oder marginalisierter Europäer, die es nach Übersee zieht, verweist auf einen ganzen Katalog an säkularen politischen Massnahmen, wie ein Volk zu leben und zu wirtschaften hat. Alle diese Massnahmen betonen eine Spaltung in der Gesellschaft, und sie alle sind europäischen Ursprungs. Angefangen beim Kapitalismus, der Gewinner und Verlierer unterscheidet. Der Sozialismus hingegen bindet das Engagement Einzelner oder einzelner Gruppen, das der Liberalismus deshalb überbetont. Der Merkantilismus, derzeit wieder in Mode, unterscheidet Inland gegen Ausland, betont damit die Selbstbehauptung einer Nation unter anderen. Der Sozialdarwinismus als Treibkraft von Kolonialismus und Imperialismus unterscheidet Herrenrasse von Untermenschen, ein grauenhaftes Missverständnis der sorgfältigen Denke Darwins. Der Westen lässt sich meines Erachtens auf diese Formel zurückführen:

Wer mit traumatisierter Vernunft an seiner Sicherheit arbeitet, muss notwendig die Sicherheit anderer beschneiden.