Immer wieder höre ich die abgeklärte Meinung, wir könnten ferne Kulturen wie China nicht wirklich verstehen. Das riecht mir eher nach Überforderung und daher Ablehnung, als denn nach Weisheit. Bei zunehmend planetarischer Dichte sollte man diese Ansicht grundsätzlich zurückweisen. Alle Kulturen haben Gemeinsamkeiten, die dem Verstehen behilflich sind, sie zeigen sich nur nicht auf Anhieb. Am Strand von Kini auf Syros bekam ich eine Bestätigung dafür.

Eine chinesische Masseurin stolperte durch die Reihen, mit Augenblende und Umhängetasche, ich lag hingefleischt auf meiner Liege in der Abendsonne. Unkundig auch des Englischen streckte sie mir ein Stück Laminat vors Gesicht: Rückenmassage 35 Euro, Kopf 25 Euro. Da gab es noch Füsse und noch etwas. Ich wählte Rücken. Meine letzte Massage lag Jahre zurück, in einem Nobelhotel, in dem wir uns nach hartem Umzug ein paar Tage Aufenthalt gönnten. Die Massage dürfte damals weit über Hundert gekostet haben, wie alles dort, also das Vierfache, da erlesener Schnicksack eine Rolle spielte, wie Teeservice auf Bastmatte, gewärmte Tücher und Öle von erlesener Qualität, an der Wand Diplome in Gold.

Von jener Massage selbst ist mir rein gar nichts in Erinnerung geblieben. Diese hier nun brachte mich zum Fliegen.

Für das lumpige Geld.

Bevor die Frau mich attackierte, bat ich Moongirl, die neben mir lag, sie solle eingreifen und mich retten, sollte die Chinesin auf mir herumtramplen. Die Frau legte los, sie bearbeitete geheime Stellen in meiner Panzerung, ohne sie gross zu suchen. Und da es nun meine Eigenart ist, dass ich mein Gefallen eher schamlos als beherrscht zum Ausdruck bringe, quittierte ich ihre Attacke bald mit einem «Yess!» und «Good Point!» oder mit einem Knurren, das man in einer anderen Situation als bedrohlich hätte empfinden können. Moongirl erzählte mir später, die Chinesin hätte deshalb sie immer wieder angegrinst.

Sie hatte Freude an meiner Freude. Ein paar Mal kicherte sie sogar.

Auch war sie es sich offensichtlich gewohnt, dass Männer schweigsam ihre Dienstleistung durchstehen oder allenfalls sachlich auf Stellen verweisen, die sie bitteschön mehr zu bearbeiten in Betracht ziehen möge. Ihr wiederholtes Grinsen in Richtung Moongirl belegt meines Erachtens, dass das der Fall war. Die Frau hörte nicht auf zu massieren, ich hörte nicht auf zu stöhnen, und das Ganze führte dazu, dass sie mir obendrein die Kopfmassage schenkte, und auch die nahm kein Ende.

Als verlängerte die Chinesin ihr Vergnügen an meinem Vergnügen.

Nach der Kopfsache hiess sie mich mittels Zeichensprache, mich aufzusetzen, und dann ging es am Rücken wieder los. Dabei kombinierte sie beide Massagen, von der ich bloss eine bezahlen musste. Unter anderem strichen ihre Hände dem Hals entlang, was mich an die Meridiane erinnerte, die in der chinesischen Medizin üblich sind. Auch die Ohren und ihre geheimen Mulden kamen tüchtig zu Ehren, sie wurden regelrecht ausmassiert. Am Schluss, der dann doch kam, sprang ich umher und kurvte um die Liegen, mit den Armen in der Luft wedelnd, als würde ich nun fliegen können.

Und die Chinesin war entzückt.

Zwei Kulturen, die einander nicht entfernter sein können, keine gemeinsame Sprache, dennoch völliges Verstehen.

Freude an der Freude. Was braucht es mehr dafür?