Selten bis gar nie kommt es vor, dass eine Dokumentation mein Denken auf den Kopf stellt. Oder auf die Füsse, je nach dem.

Carmen Losmann, die Autorin der Dokumentation „Oeconomia“, stellt eine Frage, die völlig leicht zu beantworten scheint, nämlich woher das Geld für Gewinn kommt. Hier würde man eine Antwort aus dem Lehrbuch erwarten, wie sie Erstsemestrige der Ökonomie zu lernen haben. In dieser Dokumentation erleben wir jedoch, wie zwei hochkarätige Fachleute bei dieser Frage in Verlegenheit geraten. Ein Banker der Hochfinanz und der Säckelmeister von BMW. Einer wünscht sogar Aufschub für die Antwort.

Das stimmt einen hellhörig. Eine Gruppe von Laien hat sich im Empfangsbereich einer Bank in Frankfurt am Main eingenistet, um eben solche Themen zu besprechen, denen Ökonomen gerne ausweichen. Darunter ein Physiker, der zweifelt, dass auf einem begrenzten Planeten mit begrenzten Ressourcen unendliches Wachstum möglich sein soll. Ferner vernehmen wir in dieser Gruppe, ein Dozent für Wirtschaftswissenschaft soll auf Fragen dieser Art genervt klargestellt haben, dass ihn die Wirklichkeit nicht interessiere. Ebenso wird der prämierte Wirtschaftsjournalist Norbert Häring zitiert. Demnach dient die Ökonomie als Wissenschaft der Verschleierung von Macht.

Die Frage, woher Gewinn kommt, also der Geldbetrag, der nach Abzügen aller Dringlichkeiten übrigbleibt, hat mit der allgemeinen Tatsache zu tun, wie überhaupt Geld entsteht. Früher glaubte man, sämtliche Wertschöpfungen eines Gemeinwesens ergäben einen Kuchen, der von Staat und Markt verteilt wird, dieser durch Wettbewerb, jener mittels Gesetze zur Umverteilung. Bargeld vertritt dann jeweils einen Bruchteil dieser Wertmenge. So erklärt sich anschaulich, was Geldentwertung, also Inflation bedeutet: Denn je mehr Bargeld herausgegeben wird, desto geringer ist der Anteil am Gesamtwert oder am Bruttosozialprodukt, den das Bargeld vertritt. Seit der Liberalisierung, das heisst seitdem man die Geldwerte von Realwerten abgekoppelt hat, ist das nicht mehr der Fall.

Geld entsteht per Kredit. In dem Moment, da eine Bank einen Kreditbetrag einem Konto gutschreibt, hat sie Geld in Umlauf gebracht. Mehr noch, sie hat auf diesem Weg Geld geschaffen.

Geld setzt sich also gleich mit Schuld.

Daraus folgt, dass der Geldbetrag, der irgendwo einen Gewinn ausmacht, notwendig auf einer Verschuldung beruht. Das heisst, wer Reichtum scheffelt, muss damit leben, dass für diese überschüssigen Werte irgendwo irgendjemand sich irgendwann verschuldet hat. Meistens sind es staatliche Schuldscheine. Das wirkt harmlos, hat aber Folgen für die Steuerpolitik des entsprechenden Staates und damit für seine Bürgerschaft, die ihr Einverständnis dazu nicht gegeben hat.

Und genau der Zusammenhang zwischen Gewinn und Verschuldung wird ungern öffentlich klargestellt. Denn der erklärt, warum niemals alle reich werden können.

Für wirtschaftliches Wachstum ist eine steigende Verschuldung erforderlich. Daher ist der zentrale Akteur im Kapitalismus der Schuldner, indem er die Profite anderer ermöglicht und so ihren Vermögenszuwachs und damit Wirtschaftswachstum garantiert.

Das hat nebenbei auch Folgen für die Religion. Ein Thema, das in der Doku nicht vorkommt: Calvinistische Protestanten, das wäre die religiöse Hauptströmung etwa in den Vereinigten Staaten, glauben daran, dass wirtschaftlicher Erfolg, sprich Gewinn, sprich Reichtum ein Zeichen dafür ist, dass Gott der Person, die den Gewinn einstreicht, schon jetzt einen Platz im Paradies freihält. Das mag auf die veraltete Kuchentheorie passen. Nun aber, da kein Geld ohne Verschuldung entsteht, kippt dieses Zeichen in sein Gegenteil: Der reservierte Platz ist nun in die Hölle verlegt. Denn wer Reichtum scheffelt, nimmt in Kauf, dass andere sich verschulden.

Der Calvinismus hat sich erledigt seit der Liberalisierung. Die Person gewinnt mehr Freiheit dafür, dass andere sich in Abhängigkeit begeben. Dieses System ist nur dann unproblematisch, wenn jemand einen Kredit aus freier Entscheidung aufnimmt. Das dürfte aber die seltene Ausnahme sein.

Mehr Freiheit dank dessen, dass andere sich zusätzlich in Zwänge verstricken, das klingt nach Altertum, nach Mittelalter, nach Feudalismus.

Offensichtlich ist das heute noch so.