Die Agenda, die Trump befolgt und die nicht seine ist, läuft auf simplen Konservativismus hinaus. Parolen dagegen sind leicht zur Hand. Vor allem für mich als Kind der Postmoderne. „Weg damit“, könnte ich rufen, oder „Fortschritt und Vielfalt über alles.“ Damit setzte ich bloss das Wechselspiel politischer Extremismen fort. Somit verlängerte ich auch das Leid, das damit unweigerlich zusammenhängt. Wie könnte das aufhören?

Weisse Rasse, Christentum, familiär und evangelikal, Vollzeitbeschäftigung des Vaters, kein Bildungsfernsehen für Kinder, Abbau von Bürokratie, Abtreibungsverbot, freie Marktwirtschaft. So lässt sich Project 25 umreissen. Dazu kommen weitere Eckwerte, wie etwa die Zumutbarkeit von Diskriminierung. Demnach sollen sich Transmenschen aus der Öffentlichkeit fernhalten. Auch Rassentrennung wäre sinnvoll und wünschenswert.

Dieses populistische Grauen lässt sich im Handstreich ablehnen. Ein Transparent wäre rasch gefertigt: «Schluss mit Project 25» oder «Populisten raus». Das scheint mir eher ein bewusster Reflex zu sein, sofern es das gibt. Natürlich haben wir Postmoderne andere Antworten auf Belange wie Familie, Abtreibung, Bürokratie und so fort. Zum Beispiel halten wir die Selbstbestimmung der Frau für massgebend. Aus triftigen Gründen, wie wir meinen. Und triftig bedeutet dringend für alle. In diesem Anspruch unterscheiden wir uns nicht von Verfechtern des Project 25. Auch sie erklären ihre Werte für triftig und somit für allgemein dringend. Darin zeigt sich eine bequeme Ursünde politischer Gegnerschaft:

Wir verlangen vom Gegner, dass er gewisse Belange in Kauf nimmt, die wir für zweitrangig halten.

Anders gesagt: Wie kann ich mir sicher sein, dass meine Werte in jedem Fall für alle in jeder erdenklichen Situation von Vorteil sind? Erfüllen sie also den kantischen Imperativ? Oder habe ich einfach schlechte Dinge erlebt und teile nun scheinbar allgemeingültige Werte mit anderen, die zufällig den gleichen Schlamassel erlitten haben?

Generationen laufen fast notwendig in die Falle scheinbarer Werteobjektivität.

Die meisten sind sich ihrer Sache beneidenswert sicher, ob Populisten oder Postmoderne, ob Kreationisten oder Wissenschaftsgläubige. Also bleibt mir nur übrig, mit besserem Beispiel voranzugehen.

Zunächst zum Konservativismus im Allgemeinen. Lehnen wir dieses politische Programm ab, weisen wir damit ebenso an die drei Jahrtausende Konfuzianismus zurück, der noch heute in China wirkmächtig ist. Das wirkt doch sehr überheblich, wenn man es recht besieht. Bewahrende Kultur gründet in der Einsicht, dass wir es am besten genau so machen wie unsere Vorfahren, da wir den leibhaftigen Beweis dafür abgeben, dass sie es richtig gemacht haben müssen. Zumindest haben sie es nicht falsch gemacht. Konservative Ordnungen geniessen den Vorteil, dass sie schon mehrfach geprüft worden sind, und zwar mit Gütesiegel, andernfalls wären sie abgeschafft worden, wohingegen fortschrittliche Neuerungen ihre Prüfung erst bestehen müssen. Progressive, Revolutionäre, aber auch Reformer sperren sich oft dagegen. Auch sie möchten auf ein gelungenes Leben zurückblicken. Daher fangen sie an, eigenartig zu argumentieren, wenn ihr Projekt unter Druck gerät.

Wir politisieren für Abtreibung oder dagegen, auch wenn die gegnerischen Argumente bekannt sind. Auch sind diese oft stichhaltig, weshalb wir sie gerne ausgeblendet halten. Wer für das Recht auf Abtreibung einsteht, muss eine Antwort haben auf die Geschichte eines Arztes, dem die Selbstbestimmung von Frauen ein Anliegen war. Einmal erlebte er jedoch per Video mit, wie der Fötus sich wehrte, als er sich anschickte, das kleine Lebewesen zu zerschneiden. Dazu kommt, dass man im konkreten Fall nie weiss, ob der Fötus seine Schmerzfähigkeit schon vor dem Zeitpunkt ausgebildet hat, der im Durchschnitt verbindlich gilt. Befürworte ich die Selbstbestimmung der Frau, muss ich diese Problematik in Kauf nehmen.

Bürokratie erscheint uns als Garantie für Transparenz und Gerechtigkeit, als Mittel gegen korrupte Mauscheleien zwischen Tür und Angel. Wo immer das soziale Leben komplex wird, zücken wir Postmoderne die Systemtheorie und legen sie wie eine Folie über die verzwickte Sachlage. Schon hat man eine Handvoll neuer Ämter geschaffen, mit den entsprechenden Mandatsträgern, die entsprechend zu entlöhnen sind. Diese Beamten machen sich gerne unverzichtbar, indem sie Formulare am Laufmeter herausgeben. Luhmann würde sich im Grabe umdrehen. Ist uns also klar, wieviel Gelder Bürokratie verschlingt, wieviel Aufmerksamkeit sie bindet, die vom so genannten Kerngeschäft abgezogen wird? Vielleicht werden Ökonomen irgendwann zum Schluss kommen, dass eine Gesellschaft billiger ist, wenn sie autoritär abläuft wie früher. Bürokratie entpuppt sich dann als Raubbau am Volksvermögen.

Was ist besser, die Sortierung nach Rassen oder ihre Durchmischung? Haben wir Daten zum Vergleich statt bloss Überzeugungen mit Sendungseifer aus Betroffenheit? Und von wem stammen diese Daten? Welches Interesse verfolgt die Person oder die Einrichtung, die solche Daten zusammenstellt? Sind sie allenfalls beschönigt, da andere Dringlichkeiten den Anspruch auf wahrheitsgetreue Abbildung unterordnen? Meistens sind das ökonomische Belange.

Die gegnerische Position ist uns ein derartiger Gräuel, dass wir uns gar nicht mehr damit beschäftigen. Man hat schliesslich ein Leben zu führen, hat also kaum den nötigen Schnauf, die Grundwerte, nach denen dieses Leben geführt wird, immer wieder in Frage zu ziehen. Auch bestehen kaum Ressourcen, um die gegnerischen Grundwerte in einem anderen Lichte zu begreifen. Im schlimmsten Fall könnte es sein, dass wir unsere bisherige Sichtweise deshalb auf den Kopf stellen müssten.

Aber genau das fordern wir politischen Gegnern ab. Dass sie ihre Grundwerte aufgeben oder entschärfen und stattdessen die Dringlichkeit unseres Programms einsehen.

Wir verlangen von anderen ab, was zu tun wir keinesfalls bereit sind.

Und dann noch von Gegnern.

Das klingt nicht besonders intelligent.