Evangelikale nehmen zunehmend Einfluss weltweit. Auch in politischer Hinsicht. Unter anderem bestimmen sie die Agenda mit, die Trump befolgt. Ihre Glaubensüberzeugung ist daher zu kritisieren. Besonders aber die Art, wie sie sie durchsetzen.
Die Selbstsicherheit, dass zutrifft, was sie glauben, ist schon bemerkenswert. Dazu gibt es verschiedene Gründe. Sie beten ekstatisch in Gruppen, wobei sie Stadien füllen und gigantische Kirchen bauen. Für viele bedeutet es zum Glück eine Nebensache, oder sie verkennen den Zusammenhang völlig, aber Evangelikale sind afrikanisiert durch den Gospel befreiter Sklaven, bevor dieser zum Jazz auswuchs und dafür sorgte, dass in den folgenden Stilen bis heute munter der Takt geschlagen wird. Das finde ich einen Hinweis wert, obgleich ich auf einen anderen Punkt abziele. An Evangelikalen lässt sich besonders gut ablesen, dass wir eine Überzeugung, die uns am Herzen liegt, die jedoch umständlich oder gar nicht zu beweisen ist, für wahrer halten, je häufiger sie geteilt wird. Daher suchen wir Mehrheiten und sind glücklich darüber, wenn sie zustande kommt und anwächst. Zerbröselt sie, macht sich Panik breit. Daher sind Evangelikale bereit, Mitglieder ihrer Überzeugung gehörig unter Druck zu setzen, sobald sie nur halbherzig bei der Sache sind. Eigentlich bedeutet diese Einstellung blanke Hilflosigkeit, sie bedeutet blanke Abhängigkeit.
Daher verteufeln sie Widersprüche, daher ächten sie Abtrünnige.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Einstellung an Naivität kaum zu überbieten. Politisch gesehen ist sie die Bearbeitungsmasse jeder Form von Propaganda. Nichts wird wahrer, bloss weil eine wachsende Menge den gleichen Irrtum teilt. Das gilt auch für die Politik einmal mehr auch in heutiger Zeit.
Natürlich ziehen Evangelikale Nutzen aus biblischen Geschichten und Weisungen für das Zusammenleben. Das gilt mitunter auch für mich. Jesua und die Ehebrecherin vermitteln eine Logik, die in der Antike bis dato unbekannt war. Kehre erst vor deiner Tür, heisst es heute. Sehr oft aber bleibt die Sachlogik auf der Strecke. Besonders dann, wenn sie andere wohlwollend zu überzeugen versuchen. Skepsis kommt auf, etwa wenn ein Dornbusch in Flammen steht, ohne zu verkohlen, wenn ein Mensch als angebliches Kind Gottes über Wasser geht. Damit der Verstand sein Futter bekommt, zücken Evangelikale, wo immer es ansteht, die Allmacht Gottes wie einen Joker und betonen, er habe in seiner vollkommenen Weisheit bei der rätselhaften Sache nachgeholfen. So sorgt er auch dafür, dass Stammesführer dreihundert Jahre alt werden. Auch die biologische Unmöglichkeit, dass aus zwei Menschen eine ganze Menschheit hervorgehen soll, wird mit seiner allmächtigen Nachhilfe wegerklärt. Er hat`s gerichtet, er wird’s richten. Wer an Adam und Eva glaubt, glaubt demnach notwendig, dass die Menschheit aus multiplem Inzest entstanden ist. Das jämmerlich dünne Erbgut würde nur Zombies hervorbringen.
Schwieriger wird die Sache bei scheinbar unwesentlichen Fragen, zum Beispiel wann Gott die Tiere erschaffen hat, ob vor dem Menschen oder danach. In der Regel heisst es, selbstverständlich davor. Die Eingangspassage der Genesis zählt die berühmte Abfolge auf. Mineralisches, also Wasser und Fels, dann Pflanzen, dann Tiere, dann Mensch. Blättert man eine Seite weiter, gerät man in den Paradiesbericht. Dort erschafft Gott Adam, und als er erkennt, dass die Einsamkeit dem Menschen schlecht bekommt, erschafft er die Tiere und führt sie ihm zu, damit er ihnen Namen gibt. Was gilt jetzt, davor oder danach? Evangelikale meinen dann, das sei nicht so wichtig, was ich mühelos nachvollziehe. Allerdings muss ihnen klar sein, dass sie die Hybris begehen, zu bestimmen, was bei Gottes Wort wichtig ist und was nicht. Diese Überheblichkeit wäre mir persönlich egal, Evangelikalen hingegen liegt sie besonders am Herzen. Die biblischen Texte sind ohne Anleitung überliefert, wie sie zu lesen wären, sprich ohne göttlichen Hypertext, welche Passagen für besonders wichtig zu nehmen sind, welche für eher ergänzend, und welche bloss fürs Gemüt wie etwa das Hohelied.
Was Evangelikale in ihrer erstaunlichen Gewissheit intim trägt, sind erhörte Gebete. Indem sie dies mitteilen, beweisen sie ein Vertrauen, das ich ungern blosstelle. Meine Kritik richtet sich denn auch nicht an das intime Leben einzelner Evangelikaler oder an Familien, die am Küchentisch aus der Bibel Klarheit für ihr Zusammenleben gewinnen. Sie richtet sich gegen Evangelikale als politische Bewegung mit globalem Anspruch.
Es geht mir keineswegs darum, die Kultur des Gebetes als Humbug hinzustellen. Gerade ein Evangelikaler, mit dem ich befreundet bin, vertraute mir an, als ich in meinem Leben in einem Engpass steckte, ich müsse mich auf die Knie werfen und einfach flehen. Er meinte dies, als würde er mir einen richtigen Werkzeuggebrauch empfehlen, also nicht als Aufruf zur Unterwerfung.
Das tat ich, und es geschah.
Ein Gebet löst ein Problem, diese Erfahrung machen viele Leute, sodass die Gewissheit kaum von der Hand zu weisen ist, dass dazwischen ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Nur fehlt ein Beweis dafür. Keine unabhängige Instanz bestätigt das Gebet als Ursache oder Grund für eine Problemlösung. Evangelikale entgegnen, diese Erfahrung habe sich bei ihnen eben wiederholt sowie bei vielen anderen, die sich mit ihnen zur Kirche versammeln. Damit dieser ursächliche Zusammenhang von Gebet und Problemlösung in seiner Wiederholung überhaupt belegbar wird, muss man allerdings selten beten und punktuell. Am besten nur dann, wenn es hochnotdringend ist. Wer ständig betet, ist gar nicht in der Lage, diesen Zusammenhang aus dem Rauschen seiner Beterei herauszulesen, da bewirkt das Gebet alles Mögliche. Und Evangelikale beten andauernd. Die Erkenntnis, dass Gebete Probleme lösen, setzt seltenes bis allerhöchstens punktuelles Beten voraus, sonst kannst du den Sachverhalt unklar aus dem Fluss deines Lebens herauslesen.
Gleichwohl sehen Evangelikale Gott darin bestätigt, dass ihre Gebete mithilfe biblischer Texte Probleme lösen. Aus dieser Gewissheit schöpfen sie diese beeindruckende Selbstsicherheit, sie sehen sich genötigt, ihre Religion über andere zu stellen, so leid es ihnen tut.
Aber sie täuschen sich, denn bei dieser Haltung handelt es sich um den typisch selbstbezogenen Chauvinismus, der natürlicherweise Gläubige kennzeichnet. Dieser stellt weiter keine Schwierigkeit dar, solange der Glaube privat bleibt, wie gesetzlich vorgesehen. Evangelikale aber missionieren mit Hochdruck, nun politisieren sie ihren Glauben möglichst weltweit in Form des Project 25, sie spenden Millionen, was dazu führt, dass ihre Prediger den leiden Mief an sich haben, dass sie als parfümierte und stets adrett gekleidete Millionäre dem Heiland, von dem sie andauernd predigen, so unähnlich sind wie einstmals katholische Würdeträger mit ihren echtgoldumflorten Monstranzen.
Evangelikale müssen sich damit abfinden, dass auch Muslime ihren Gott in seinem Wert anderen Bekenntnissen dadurch überlegen finden, dass ihre Gebete anhand einer bestimmten Sure an ihn Probleme lösen. Oder ein Buddhist erzählt, seine Gebete würden erhört, sobald er die Gebetsmühlen achtsam drehe statt beiläufig zur Erledigung. Oder ein Indianer besucht immer wieder einen Wasserfall, da die fallende Kraft der Wasserwesen seine Probleme löst.
Bei allen beweisen die gelösten Probleme die Existenz einer göttlichen oder sonst wie ausserzeitlichen Instanz, an die sie die Bitte um Hilfe adressierten.
Das ist unangenehm für Evangelikale. Eigentlich wäre es unangenehm für alle, sie jedoch missionieren mit Hochdruck. Daher müssen sie andere Formen als Irrtum ablehnen, seien diese nun muslimisch orientiert, hinduistisch, schamanisch oder was auch immer.
Meine Methode der flehentlichen Bitte, gefasst in die Worte eines Gebetes, unterschied sich noch einmal dadurch, dass ich unbewusst abstrakt betete, also weder zum biblischen Gott, noch zu einem indonesischen Schutzdämon, sprich ohne vorgestellten Adressat, einfach ins Leere hinaus, in eine Art Weisse um mich.
Und es geschah auch so.


Kommentar verfassen