Es gehört zur intellektuellen Redlichkeit, dass ich die Position, die ich ablehne, in diesem Fall der Zionismus, am besten in seinem Selbstverständnis nachvollziehe. Dabei sind die Argumente wichtig, auf die er sich abstützt. Das ist ein Versuch. Er wird scheitern. Zumindest aus Sicht der Zionisten.
Wie muss man es verstehen, wenn die derzeitige Regierung eines zivilisierten demokratischen Volkes wie Israel im Kampf gegen einen arabischen Terrorismus, den man über Jahrzehnte geschürt hat, und zwar aus Not, wie Zionisten betonen würden, wenn die Likud-Regierung Israels also die Vernichtung wehrloser Menschen, die ihrerseits zivilisiert gelebt haben, als Kollateralschäden zugunsten geopolitischer Interessen in Kauf nimmt? Die zionistische Antwort darauf lautet wie folgt:
Israel soll so weit anwachsen, dass Juden weltweit Sicherheit finden vor zukünftigen holocaustähnlichen Ereignissen. Das ist die Not, die ich meine. Eine andere sehe ich nicht. Aus dem Grund dieser dringenden Vergrösserung an sicherem Lebensraum hat dieser Staat bisher keine Grenzen festgelegt. Erez Israel bedeutet demnach keine Grossmachtsphantasie, sondern beruht auf einer schlichten Rechnung: So viele Juden gibt es in etwa weltweit, soviel Platz werden sie benötigen. Der Zionismus ist eine weltliche Bewegung, die dieses Ziel vorantreibt. Und wenn auch die gläubigen Juden diesen Staat ablehnen, da sie allgemein Juden bis zur Ankunft des Erlösers dazu verpflichtet sehen, staatenlos umherzuirren, so werden auch sie diesen Schutz im Falle eines holocaustähnlichen Ereignisses dankbar nutzen, so die zionistische Denkweise, wie ich vermute.
Gründung und Ausweitung dieses Staates passieren in einem Atem, der Jahrzehnte beansprucht. Es ist eine klare Agenda, die in Schüben vollzogen wird. Das Ganze gelingt nicht auf Anhieb. Ein gewisser Druck ist aufrechtzuerhalten, der nicht ohne Weiteres einsichtig ist.
Das liegt daran, dass das jüdische Volk über Jahrhunderte immer wieder verfolgt und massakriert wurde. Dieses gigantische Verbrechen wurde nie gesühnt. Ob es eine Entschuldigung gab, weiss ich nicht. Es wäre höchste Zeit dafür. Diese barbarischen Verbrechen gegen Juden beruhten insbesondere auf einer unkritischen Bibellektüre, beschränkt auf das Neue Testament, insbesondere auf die Paulus-Briefe, insbesondere auf sein zweites Schreiben nach Thessaloniki, insbesondere auf der Textstelle 2.15, wo es nach Paulus in mehreren Übersetzungen heisst, die Juden hätten Jesus getötet. Die Evangelien als Wort Gottes jedenfalls unterstützen diesen heiligen Unsinn nicht. Der zeitliche Abstand zwischen diesen genozidalen Übergriffen verringerte sich zunehmend bis in das 20. Jahrhundert. Erst als diese Brutalität in Form der Shoa eine beispiellose Perversion annahm, machte sich unter den Mördern Betroffenheit breit. Nun schweigen die meisten und enthalten sich jeder Einmischung bei der Suche nach Sicherheit für Juden unter zionistischer Führung. Die Methoden bei diesen antijudaischen Massakern waren vielfältig. In Alexandria drängte man Juden in einem Stadtteil zusammen und verbrannte sie lebend, dies ebenso während der Pestpogrome im Spätmittelalter in Basel, Speyer und anderen Orten des christlichen Europa. Es kam zu Enthauptungen und Häutungen bei lebendigem Leib. In der Ukraine trieb man sie auf das Eis hinaus, wo sie einbrachen und ertranken oder erfroren.
Die Vorgehensweise gegen die im Einzugsgebiet des heutigen Israels ansässigen Araber wird von Zionisten als Selbstverteidigung begriffen. Damit ernten sie weltweit Unverständnis. In der Tat ist es schwer begreiflich zu machen, dass ein genozidales Vorgehen Selbstverteidigung sein soll. Wenn es aber der Zionismus nicht schafft, Erez Israel zu gründen, mit welchen Mitteln auch immer, werden erneut tausende Juden der nächsten Shoa zum Opfer fallen. Dass diese kommen wird, lässt sich aus der Geschichte des Judentums herauskalkulieren. Man könnte mit Wittgenstein einwenden, keine Regel zeige ihre notwendige Fortsetzung aus sich selbst heraus, das bliebe jedoch ungehört wie sonstige Beschwichtigungen verwöhnter Gutmenschen wie mich, die in der Postmoderne sozialisiert worden sind, denn hier geht es schlicht um Leben oder Tod.
Über Jahrhunderte hat man jedes Recht gegen Juden gebrochen. Sie wurden verfolgt und getötet allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit, auch wurde ihnen jedes Gehör verweigert, da nützte kein Anstand, keine sorgfältige Anpassung an kulturfremde Umstände, keine Gnade, nirgends und niemals. Und das über zwei Jahrtausende. Das Schweigen und die Enthaltsamkeit der ehemaligen Judenschlächter vor allem in Europa und Eurasien, von denen nebst muslimischen Ausnahmefällen die allermeisten christlich getauft waren, ist ohnehin zur Heuchelei verkommen. Kein europäisches Land hat entkräftete Holocaustüberlebende aufgenommen. Zugegeben, Zionisten auch nicht. Sie setzten auf fitte, zahlungskräftige Juden, vielleicht aus dem Grund, dem umstrittenen Staatsgebilde von Anfang an die besten Chancen einzuräumen.
Juden haben allen Grund für die Annahme, dass diese Rechtsbrüche gegen sie auch heute munter sich fortsetzen. Gerade jetzt, wo eine Weltkatastrophe beschworen wird, sollte das Klima tatsächlich kippen und die Finanzmärkte kollabieren. Die reichsten Juden haben sich ihre Bunker längst eingerichtet, wie wir über Rushkoff in seiner jüngsten Publikation erfahren. Geht die Gesellschaft vor die Hunde, wird auf Juden losgegangen, so die in der Geschichte mehrfach verbriefte Logik.
Warum sollte sich das auf einmal anders verhalten?
An dieser Stelle sind besonders Nicht-Juden zu folgender Frage aufgerufen: Wie erlangt jemand unter solchen Bedingungen Sicherheit? Man darf sich für die Antwort ruhig Zeit nehmen. In Rechnung zu stellen ist, dies sei erneut betont, dass keine Ach so reuigen Judenmörder und ihre schuldbewussten Nachfahren je zur Seite gerückt sind, um einen Beitrag zu leisten, dass Juden endlich ihren Sicherheitsbereich bekommen. Zionisten verkünden daher weder Sicherheit noch Wohlfahrt für alle Menschen auf der ganzen Welt, wie es sogar Holocaustüberlebende tun, die trotz ihres hohen Alters derzeit für die Palästinenser auf die Strasse gehen. Aus zionistischer Sicht ziehen sie die falschen Schlüsse aus der Geschichte. Für uns ist die Pille schwer zu schlucken, aber die Formel, die ich meine, lautet wie folgt:
Zionisten beanspruchen, genau wie christliche und säkulare Judenmörder während Jahrhunderten, ein Recht auf Rechtsbruch.
Die immense Liste dieser Rechtsbrüche steht den antisemitischen Widerwärtigkeiten sehr bald in nichts nach. Punkto Gaza fühlen sich Holocaustüberlebende heute haargenau an die entsetzlichen Verhältnisse von damals erinnert, fehlt nur noch der industrielle Massenmord. So widerwärtig das klingt, aber es erheben sich leider bereits Stimmen, die ein rasches Vergasen für glimpflicher halten als ein Zusammenpferchen, Ausbomben, Absnipern und Aushungern über Monate.
Es geschieht immer noch. Gerade jetzt.
Lange jedoch waren diese Rechtsbrüche sublimer und daher schwieriger greifbar. Angefangen bei der späten Gleichsetzung von Kritik an Israel mit Antisemitismus, die aller Sachlogik spottet. Vor Jahren habe ich den Bundesrat dafür kritisiert, dass er Kantone verwarnt, die das elende Frühfranzösisch abschaffen wollen. Nach dieser Logik hasse ich somit Schweizer und damit mich selbst. Diese Irrationalität wird nur verständlich auf dem Hintergrund dieser Not, die ich anspreche. Zu dieser Liste gehört ebenso der angebliche Mossad-Agent Ebstein mit seinen Honigfallen. Oder der zionistische Slogan «Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land», der nur dann keinen Widersinn darstellt, wenn man die Aussage politisch versteht. Die im heutigen Israel ansässigen Araber, Palästinenser genannt, bildeten keinen Staat und somit kein Volk oder Nation im modernen Sinn, sie lebten seit Jahrhunderten im Einzugsbereich von Grossmächten, erst die Römische Administration, dann das Osmanisches Reich, schliesslich das Great Empire. Der Slogan müsste lauten:
Ein Land voller Menschen für ein Volk ohne Land. Oder noch deutlicher, noch verrohter, wie ich einsehen muss:
Ein Land voller Menschen für Menschen ohne Land.
Da nützt alle Zivilisiertheit nichts, Demokratie schon gar nicht. Für dieses hochnotdürftige Ziel ist beides über Bord zu werfen. Das heisst, es gibt kein Land für Juden weltweit, ausser Weltgegenden, die unbewohnbar sind. Man hätte 1945 Bayern zu einem jüdischen Staat umfunktionieren sollen, wo die braun-schwarze Brühe gegen Juden zum ersten Mal auslief. Diese Strafe wäre gerecht gewesen. Die betroffenen Nachfahren dieser Verbrecher nehmen hin, dass die Araber dieses Opfer bringen. Sie meinen, aus der Geschichte gelernt zu haben, dabei vervollständigen sie ihren Antisemitismus, indem sie nun eine rassistische Haltung gegen Araber an den Tag legen.
Alles in allem gibt es für Juden keine Sicherheit ohne Vertreibung. Rechtsbruch aus Notrecht. So erklärt sich die ganze barbarische Misere, die sich in Palästina / Israel seit Jahrzehnten abspielt. Für diese offenbar notwendige Niederträchtigkeit wird viel Religion aufgeboten, etwa das Alte Testament mit seinen göttlichen Aufrufen zu Landbesetzung und Völkermord. Das können die christlichen Zionisten, die die jüdischen sogar zahlenmässig überwiegen, in ihrer schuldbewussten Nibelungentreue mühelos nachvollziehen.
Schon der Gründer des Zionismus besprach in seinen Tagebüchern die Notwendigkeit, die dort ansässigen Araber irgendwie ausser Landes schaffen zu müssen, während der erste Präsident Israels keinen Hehl daraus machte, dass die Aggression klarerweise von ihnen ausginge und nicht von den Einheimischen. Das Recht auf Rechtsbruch hat nicht erst seit zwei Jahren ein blutiges Gesicht bekommen. Die christlich-europäischen Mächte als Heimstätte der allermeisten Judenmörder verantworten straffrei weitere Genozide weltweit von früher. Manch indigenes Volk wurde von ihnen ausgerottet: Der Adel von Azteken und Inkas, die Indigenen Nordamerikas, die Menschen im Einzugsbereich des Kongo, die Roma und Sinti, die Muslimen Srebrenicas, die Herero und Nama.
Und natürlich: Juden. Immer wieder.
Daher heisst es aus zionistischer Sicht: `Auch wir haben ein Recht auf Völkermord.
Für unsere Sicherheit, die uns sonst niemand gibt`.


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