Wir leben in einer spättierischen Zeit. Ein Dritter Weltkrieg wäre eine natürliche Fortsetzung vergangener Konflikte. Leider.
Seit unlängst ist ein Dritter Weltkrieg in vieler Munde. Verdichtet sich das Intervall seiner Erwähnung, ja sogar seiner Beschwörung, ob nun als letztes Mittel gefordert oder als totale Gefahr an die Wand gemalt, in beiden Fällen wächst die Alarmbereitschaft, als würde man die zunehmende Eruption eines vulkanischen Gebietes messen. Also sollte auch ich gar nicht erst davon reden, wer aber schweigt, macht sie in anderer Hinsicht verdächtig. Am Schluss bricht die Sache los aus lauter Überreizheit, wie es vor dem Ersten Weltkrieg der Fall gewesen zu sein scheint. Rasseln alle mit dem Säbel, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass sich die Sache entzündet. Nach Clarke verteilt sich dann auch die Kriegsschuld auf alle Säbelrasseler und nicht nur auf diejenigen, die die Katastrophe zu beginnen gezwungen sind, da sie im Gegensatz zu anderen Beteiligten mit einer Mehrfrontensituation zu tun bekommen werden, eben weil die anderen, die auf beiden Seiten lauern, auch mit dem Säbel rasseln. Dabei sind auch Spannungen im Innern zu berücksichtigen.
Kriegsrecht schafft Ordnung auch im eigenen Staat.
Wer mit Krieg droht, schafft Dynamit zur Zündung heran.
Die sanften Weltverbesserer unter uns schütteln den Kopf. Diese Lehrer der Menschheit finden es unbegreiflich, dass viele noch immer nicht gelernt hätten, zu verhandeln, statt zu killen. Ihr Wunsch ist ernst zu nehmen, aber ihnen fehlt Sachverstand, was die Geschichte anbetrifft. Sie verkennen die gewaltigen Geschiebe, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart drängen. Wie Hochwasser oder Murggänge. Niemand stellt die einfach so ab, indem er Vernunft predigt, auch ein Gandhi nicht. Seine mentale Grösse ist gewaltig, aber sie reichte nicht aus, den Hass zwischen Hindus und Moslems abzustellen, ein Geschiebe aus Jahrhunderten. Das Land wurde sortiert, und Gandhi verhüllte sein Haupt. Diese Geschiebe treiben politische Mandatsträger vor sich her, auch über Grenzen hinweg, selbst über rote Linien, was besonders für Diktatoren gilt. Auch ihnen lässt dieses Geschiebe keinerlei Freiraum, der nötig wäre, damit sie einen vernünftigen Entscheid zugunsten aller Beteiligten fällen. Diese Verantwortlichen verkaufen ihre Entscheide als Massnahmen, getroffen aus persönlicher Souveränität, indem sie das cäsarische «Ich will!» und «Ich werde!» betonen, eigentlich ein Witz, wenn man die gesamte Sachlage bedenkt. Daher bekämpfen wir sie wie Teufel, denn wir sind blind gegenüber dem Geschiebe in ihrem Rücken.
Und wir verkennen, dass auch ihnen in erster Linie ihre Gruppenzugehörigkeit mehr am Herzen liegt, als das Wohlergehen anderer Gruppen. Das wäre, leider, nur natürlich. Auch Saddam Hussein war viel daran gelegen, in den Reihen der Sunniten zu bleiben und darin in der Gruppierung der arabisch-sozialistischen Erneuerer, der Baath-Partei. Auch Hitler sorgte sich um das Überleben deutschstämmiger Österreicher.
Das ist reiner Selbsterhaltungstrieb. Daher die Bezeichnung Postanimalismus.
Das betrifft nicht nur einzelne Akteure. Auch Gruppen sorgen sich um Selbsterhalt und Fortbestand. Moral und Ideologie, allgemein die Identität sind die nötigen Mittel dazu. Familien waren seit jeher genötigt, sich Fremden zu öffnen, um Frauen zu tauschen und so den Genpool aufzufrischen. Also war der Selbsterhaltungstrieb einer anderen Familie gegenüber zu zügeln. Erst diese Triebhemmung schafft nach Freud Kultur oder Zivilisation, das will ich hier nicht unterscheiden. In einer Fussnote erklärt er, nur jene Menschen seien in die Lage gekommen, das Feuer unter Kontrolle zu bringen, die dem Trieb widerstanden, darüber zu pinkeln. Diese Triebhemmung geschieht im Tierreich zuhauf. Nur schon wenn ausgehungerte Elterntiere Nahrung für die Brut heranschaffen, ohne sie zu schlucken. Am besten im Mund, auf Zunge und im Rachen. Was für eine Leistung, diesen Trieb unbefriedigt zu lassen. Auch junge Schimpansen-Weibchen verlassen ihre angestammte Gruppe zur besseren Vermischung der Gene. Irgendwann gehen sie einfach weg, blicken ein, zweimal zurück. Sie widerstehen dem Trieb der Gruppenzugehörigkeit. Damit überlassen sie sich der Todesangst.
Wir zücken die Erklärung, es sei eben Instinkt, wie einen Joker, der immer dorthin passt, wo uns weitere Erklärungen fehlen. Dabei ist der Instinkt weiter nichts, als eine These aus dem Stehgreif. Das ergibt eine Formel, die unbedingt zu kritisieren ist:
In der Natur herrscht überall Instinkt zur Selbsterhaltung, wir Menschen hingegen gelten für abgekoppelt davon, bei uns herrscht durchwegs Vernunft, die Instinkte sind darunter verkümmert, sie sind eingeschlafen.
Wie aber wollen wir belegen, dass die Instinkte bei uns fehlen, wenn sie bloss eine Adhoc-Hypothese, also bis dato unbewiesen sind?
Aus meiner Sicht sind sie bei uns nach wie vor am Werk, so frisch und blutig wie eh und je. Schlimmer noch, es ist unsere Denke, die Vernunft, oder wie immer wir diese Eigenschaft benennen möchten, die Noosphäre meinetwegen als Summe allen Denkens auf diesem Planeten, die die Selbsterhaltung aus Todesangst sogar umwühlt und zusätzlich anfacht, indem sie uns Gefahren ausrechnen lässt, die noch nicht einmal verursacht sind.
Daher sehe ich die Angelegenheit wie folgt: Selbsterhaltung aus Todesangst lässt Familien sich zu anderen zwecks Brauttausch öffnen, das erfordert Triebhemmung, der kümmerlicher Genpool führt zu Krankheiten in der Gruppe. Das weiss die Natur seit je. Kultur und Zivilisiertheit wirken im Innern der Gruppe, die Triebhemmung wird dauerhaft. Auch in einer Herde oder in einem Schwarm wird nicht jedes Verhalten geduldet, eine gewisse Norm gilt auch unter Bienen, wenn sie einen neuen Nistplatz suchen, diese wird je nach dem rüde durchgesetzt. Alphatiere eines Rudels setzen sogar zum Kehlenbiss an, wenn ein rangtieferes Tier glaubt, aus der Norm ausscheren zu dürfen. Zu anderen Gruppen jedoch wird barbarisches Verhalten zur Pflicht. Der Überlebenstrieb fremder Gruppen wird zum Bösen schlechthin, das mit allen Mitteln zu bekämpfen ist. Der Held ist immer ein Held für die Gruppe, der er angehört. Diejenigen, die er mit allen Mitteln bekämpft, sehen in ihm ein Monster. So öffnet sich Gruppen zu Stämmen, der Barbarismus wird überwunden, Triebhemmung als Zivilisiertheit gilt innerhalb des Stammes, gegen andere Stämme sind barbarische Mittel sogar geboten. Unter Druck veränderter Umwelt schlossen sich Stämme zu Völkern zusammen, das setzte Konflikte voraus, mit all dem Gemetzel, das zur neuen Einheit den Weg bahnte, Völker schlossen sich zu Nationen zusammen, die nötigen Kriege sind aus dem 19. Jahrhundert bekannt. Und die Nationen traten zwei Weltkriege los, bis sie sich zu Staatenbünden zusammenschlossen. UNO und EU mögen als Beispiel dazu dienen. Russland und China nenne ich Staatenbünde unter zentralisiertem Befehl, lokale Freiheit wird es gleichwohl geben, auch wenn sie unbedeutend sein dürfte, während die USA selbsterklärend schon als Staatenbund entstanden sind. Auch hier gilt Zivilisiertheit nach innen, gerade Diktaturen schwören darauf, sowie barbarisches, sprich rechtloses Vorgehen nach aussen.
Es kommt mir so vor, als sei auf Stufe Staatenbund der gleiche rohe Selbsterhaltungstrieb aus Todesangst am Werk, wie seit eh und je.
Womöglich steht ein Dritter Weltkrieg dafür, dass diese Grossmächte gegeneinander antreten, da die eine fürchtet, von der anderen geschluckt zu werden, die planetarische Enge erlaubt da kein Ausweichen mehr, auch die höhere Dichte an Menschen bewirkt bei allen einen Innendruck, der sich nicht mehr durch Abwanderung wie durch ein Aderlass lindern lässt wie damals, als dafür noch Platz war.
Verhindere, dass du gefressen wirst, indem du am besten den Feind selber gleich auffrisst. Das klingt doch nach roher Natur.
Menschen, die zur Weltmacht drängen, sehe ich nicht als Machthungrige, sondern als Personen, die erst dann gut schlafen, wenn sie alles Übrige unter Kontrolle haben. Solche Psychoten sind einem Gemeinwesen nützlich, wenn sein Überleben bedroht wird. Geh hin und leiste die nötige Drecksarbeit, am besten aus Pflichtgefühl.
Diese Dringlichkeit wird daran deutlich, dass die USA entgegen ihres tiefen Selbstverständnisses zu einer heimlichen Diktatur verkommen: Sie nutzen Lügen, um Kriege zu beginnen, Vietnam, Afghanistan, Libyen, Irak. Sie lassen zu, dass der meiste Reichtum auf eine verschwindend geringe Minderheit verteilt ist, unterstützen sie, indem sie deren Steuerpflicht streichen, und greifen ihr unter die Arme, wenn sie zu hohe Risiken eingeht und ihre Vorteile verspielt, was bei einer Einzelperson ein Grund zu ihrer Entmündigung wäre. Sie stützen Erziehung und Gesundheitsindustrie auf die Armen ab, die ungebildet sind und eher krank als Reiche. Sie stutzen die Meinungsfreiheit auf eine einheitliche Propaganda zusammen. Sie nutzen die Medien, um Ängste zu verbreiten, damit die Menschen eine Politik unterstützen, die sich eigentlich gegen ihre Interessen richtet. Sie lassen abhören, sie lassen foltern. Sie überfüllen Gefängnisse mit Menschen der gleichen Rasse also der gleichen Gruppenzugehörigkeit.
Dies alles sind notwendige Eigenschaften einer Diktatur.
Ein menschliches Gemeinwesen bildet diktatorische Verhältnisse aus, wenn es unter Druck gerät. Das scheint mir der Fall zu sein. Auch in Herden verstärkt sich die Hierarchie, wenn sie unter Druck kommt. Die Schwachen, Armen bilden dann eine Art Puffer, der sich notfalls opfern lässt, während die Gutbetuchten dank ihres persönlichen Selbsterhaltungstriebes erfolgreich die Gruppe in die Zukunft retten.
Zwischen tierischen Gruppen und menschlichen Gemeinwesen sehe ich derzeit leider keinen Unterschied mehr.


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