`Play hard`, müsste über dem Eingang zum Conny Land prangen. Mitten im Trubel befiel mich eine Vision über die Zukunftsfähigkeit solcher Einrichtungen.
Ein Vergnügungspark im Mini-Format. Eine halbe Stunde anstehen für kaum eine Minute Spass. Wo Betriebe dieser Art zur Grösse eines Stadtteils ausgewachsen sind, gilt eine Stunde Wartezeit für vielleicht drei Minuten Bauchkitzel. Nach der Cobra mit Looping und Überhängepartie, nach der Wasserbahn und dem Piratenschiff, nach dem Turm für freien Fall und dem verrückten Professor, der uns Ratten an den Hals hetzte, nach der Gondelbahn durch einen Mammutbaum mit ökologischer Belehrung aus dem Lautsprecher, die niemand ernst nahm, landeten wir schlussendlich in einem 4D-Kino und rasten durch die Bergwerke eines Planeten wie durch ein Aderwerk, wiederum mit Loopings und Passagen im freien Flug. Die Sitze rüttelten, die Tribüne unter uns wogte auf und nieder. Zuerst störte es mich, dass für uns zufällig nur die hintersten Ränge frei waren, auch kam ich an den Rand zu sitzen, was mich zusätzlich betrübte. Dieser Umstand entpuppte sich jedoch unerwartet als Vorteil, denn irgendwann löste sich mein Blick von der Leinwand, und schon etwas erschöpft von dem ganzen Trubel betrachtete ich die Menschenreihen vor mir und zu meiner Linken.
Da sassen wir voller Vertrauen in diese Technologie, mit schwarzen Plastikbrillen im Gesicht, jauchzend und japsend vor Kitzel und Spass, gegurtet und eingepasst in die perfekte Technik dieser Tribüne, die sich hob und senkte und uns durchschüttelte, wohlprogrammiert und abgestimmt auf die Geschichte, die vor uns ablief. Ich dachte an die Ressourcen, die dieser raffinierte Spass verbrauchte. Unter Ausnutzung postkolonialer Abhängigkeiten wurden sie aus aller Welt herangeschafft, wie die seltenen Erden der Smartphones in unseren Hosentaschen oder Rucksäcken, geschürft von Kinderhand.
Und mir fiel eine Weisheit ein, die angeblich auf Oswald Spengler zurückgeht, nämlich dass der Niedergang einer Kultur dann beginnt, wenn das Volk baden geht, wenn es anfängt sich zu vergnügen als Entgelt für vergangene Strapazen. Weiter erinnerte ich mich, wie ich vor Jahrzehnten mit einem Freund über Land radelte und das Conny Land besuchte für Hüpfburg und Riesentrampolin. Damals gab es sonst nichts für Kinder. Auch wenn dieser Park sein Miniformat beibehalten hat, ist er doch im Vergleich gigantisch angewachsen. Seit Jahren flattert die Rendite, früher noch dank Delphinen. Immerhin die Seelöwen sind geblieben. Zeitgleich, so kam wir weiter in den Sinn, während die Tribüne sich zur Seite neigte und ein künstlicher Luftzug uns anwehte, profitieren zahlreiche westliche Firmen davon, dass reguläre Streitkräfte in einem kolonialen Feldzug seit bald zwei Jahren massenhaft wehrlose Zivilpersonen als Kollateralschaden zugunsten geopolitischer Interessen abschlachten.
Da befiel mich eine Vision: Dies alles hat keine Zukunft.
Dies alles kann keine Zukunft haben.
Nicht dass ich das so wollte, es war kein Wunsch, schliesslich hatte ich Spass wie die Kiz, die ich zum Abschluss ihrer Grundschule begleitete. Bei diesem visionären Gedanken fühlte ich mich weder belastet noch befreit. Im Rückgriff auf Spengler, der von den Jahreszeiten aller Kultur sprach, kam es mir völlig natürlich vor, dass es sich wohl auch mit uns so verhält wie seit je. Der Frühling steht für punktuellen Aufbruch und Neuorientierung. Die jungen Grundsätze gelangen im Sommer erfolgreich zur Anwendung, sie lösen Probleme, schaffen aber neue. So geraten sie zunehmend unter Druck, was den Herbst bedeutet, bis sie im Winter verhärten und einfrieren, wobei in Rechnung zu stellen ist, dass Winter und Frühling zeitgleich passieren.
Und ich hörte Helmut Schmidt grummeln, Europa laufe Gefahr, Ende des 21. Jahrhunderts zu einer Randregion zu verkommen.
Gleichzeitig fuhr unser Bergwerkszug im Depot ein, er stoppte abrupt am Puffergebälk, sodass wir uns leicht nach vorne neigten, einzig der Einbildung wegen.
Das war ein riesen Spass.


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