Demokratie setzt Kritikfähigkeit voraus. Bildung und Aufklärung sollen diese Fertigkeit bei jeder einzelnen Person ausbilden helfen. Nun reden wir alle einander ins Zeug. Zuviel Kritik erschwert politisches Handeln, blockiert es sogar. Dieser Zustand wäre für Kant unvorstellbar gewesen. Es gibt nur eine anständige Methode, diesem hochwertigen Wildwuchs beizukommen.

Ein Durcheinander an Kritik sorgt für Unsicherheit. Wir führen Grabenkämpfe. Öffentliche Ämter geraten zur Tortur. Die Themen sind denn auch komplex geworden. Globalisierung, Liberalisierung, Klimawandel, verschiedene Wirtschaftssysteme, verschiedene Gesellschaften. Welche Bildung soll es sein? Welche Aussenpolitik? Die Leute mundtot zu machen, verbietet das Grundrecht der Meinungsfreiheit. Jemand müsste entscheiden, wessen Ansicht geschreddert gehört. Die Ausmarchung dieser mächtigen Instanz verkäme von Anbeginn zur Schlammschlacht.

Die Figur eines Hamlet steht genau am Beginn der Moderne. Seine Zerrissenheit lautet: Wahr oder falsch? Spricht der Geist seines Vaters die Wahrheit? Hamlet organisiert eine Versuchsanordnung, ein Experiment, um das herauszubekommen. Gutachter und Gegengutachter, sprich sein Vertrauter Horatio beobachten scharf, wie der Onkel als mutmasslicher Möder sich verhalten wird.

Für uns heute steht bei den genannten Themen mehrfach wahr gegen wahr. Und der üppige Rest verläuft sich in Wahrscheinlichkeit. Daraus basteln wir eine politische Klarheit, die kaum das Zeug zur Wahrheit hat.

Denn im Gegensatz zu Hamlet sind wir bei diesen schwierigen Themen zu irgend einer Beweisführung kaum in der Lage.

Das ist eine Grundbedingung, die sich nicht wegdebattieren lässt. Wir sind zu Gläubigen des Wissens geworden. Überdies bekommt niemand von uns je die Bestätigung, ob wir über alle nötigen Kenntnisse verfügen, die für den Gegenstandsbereich sachlich einschlägig sind, in dem wir uns um Wahrheit bemühen. Denn nur, wenn wir über sämtliche Informationen verfügen, beurteilen wir angemessen einen bestimmten Sachverhalt. Daher untersagt es sich, wenn wir bei diesen hoch strittigen Themenkomplexen irgendwelche Wahrheit in Anspruch nehmen und sie dann frontal gegen andere ins Feld führen. Bei dieser Einsicht beginnt die Methode, die ich anspreche. Wir legen uns eine Klarheit zurecht. Mehr nicht. Also wäre eine Politik der Klarheit naheliegend, die anhand dieser Argumentation bei Gegnern, aber auch bei sich selbst für die nötige Bescheidenheit sorgt.

Bescheidenheit klingt altmodisch. Sie gehört zur Tugend der Mässigkeit, die wir Moderne auf unsere Art nachzuholen haben. Unsere Zeit kennt Tapferkeit gewiss, Klugheit steht auf ihren Fahnen, Hoffnung weniger, eher Zuversicht oder positives Denken. Dazu kommt Wissen statt Glauben, während Liebe zur Privatsache wird. Aber Mässigkeit widerspricht dem Wesen der Moderne, denn sie findet immer heraus, was in jeder Hinsicht möglich ist. Bescheidenheit lehrt uns heute keine Prophetie aus dem Stehgreif, wie sie während Corona blühte, sondern die Sachlage von der Unmöglichkeit, Beweise zu führen.

Genau genommen sind wir ausserstande zu irgend einer Wahrheit in dieser verzwickten Grössenordnung.

Die Einsicht in die persönliche Unfähigkeit zur Beweisführung treibt uns in die Arme von Experten. Leider bietet auch das keine Sicherheit mehr. Auch Experten reden einander ins Zeug. Ausserdem lässt sich statistisch nachweisen, dass ihnen in etwa gleich oft Fehler unterlaufen wie Laien. Einstein gilt als Idealtyp eines Experten, aber auch er hat zahlreiche Messungen vergeigt [p 68]. Oder Experten geben auf dieselbe Frage völlig gegenteilige Antworten: Ob Vitamin D gegen Krebs hilft, wird einmal bejaht, ein anderes Mal verneint [p 56].

Und die aktuellste Studie spricht leider nie das letzte Wort.

Dazu kommt die leide Eigenart, dass wir ein Richtig oder Falsch ohne Wenn und Aber einfordern. Daten beeindrucken uns, während uns aufwändige, aber sorgfältig erarbeitete Argumentationen überfordern. Aber selbst im raren Fall, wenn unter Experten Einigkeit herrscht, wie Bertrand Russell es auf den Punkt bringt, so besteht trotzdem leider die Möglichkeit, dass sie falsch liegen [Zit. p 121].

Was wir uns also zurechtschustern, ist keine Wahrheit, sondern eine Klarheit. Mehr nicht. Eine Politik der Klarheit aber, die Bescheidenheit in der freien Meinungsäusserung nahelegt, riecht nach zu viel Vernunft. Gesucht wird eine noch härtere Methode, diesen Wildwuchs zu stutzen, ohne dass man grobschlächtig und hilflos am liebsten ein Meinungsverbot verhängte: Leute, die sich für aufgeklärt halten, geben gerne Vorhersagen ab. An Verstand mangelt es ihnen ja nicht, aber eben an Mässigkeit. Nebst den Irrtümern von Experten sollte man in der Vergangenheit nach Vorhersagen suchen, die der Lauf der Dinge schändlich widerlegt hat, und sie zu einem Handbuch zusammenstellen, das etwa nach Funktionsbereichen der Gesellschaft geordnet wäre.

So hat man 1992 die Zukunft der Schweiz pechschwarz an die Wand gemalt, sollte sie den Beitritt zum EWR ablehnen. Diese Vorhersage ist in keiner Weise so eingetroffen.

Auch wenn dieses Vorgehen destruktiv wirkt, leistet es einen förderlichen Beitrag zu dem Problem, dass zu viel Kritik eine Gesellschaft zersetzt und blockiert.