Europa denkt das Ganze nicht. Ihm entgeht die kosmische Einheit von allem. Daher vielleicht sein tiefes Misstrauen gegenüber der restlichen Welt. Europas Wohlstand wurzle in Leichenbergen, heisst es. Mir leuchtet ein, dass viele Völker genug haben von der so genannt westlichen Kultur als Abkömmling Europas. Nur ein ökologischer Platonismus kann die schlimme Traumatisierung Europas von innen her heilen.
Die Einheit von Allem zu denken ist sowieso unmöglich, da dies Eine nur dann zur Einheit wird, wenn es sich von etwas Anderem, von etwas Zweitem, Dritten unterscheidet. Aber das ist nur ein logisches Problem. Daher gibt es sonderbare Namen dafür, die bei uns so verheissungsvoll klingen, wie Dao oder Braman. Für Europa und sein Christentum ist die Einheit von allem erst dann gewährleistet, wenn der Satan sich bei Gott entschuldigt. Das eine Ganze zu denken erfordert nämlich, dass man dem Bösen einen Platz darin zuerkennt. Im Judentum, etwa bei Hiob, wirkt Satan gemeinsam mit Gott an derselben Sache, denn je bösartiger er zersetzt und vernichtet, desto eher wächst das Gute dagegen, wie es heisst. Auch bei den Hindu bedeutet das Böse eine göttliche Kraft, die gleichberechtigt ist, Shiva mit Kali als seiner personifizierten Kraft zur Zerstörung. Die Hellenen wandten sich an Apollo als Hüter von Grenzen, während sie ebenso Dionysos huldigten, der Grenzen verwischt. Im Daoismus gibt es kein Böses an sich. Böses ergibt sich dort aus einer schlechten Mischung der beiden Urkräfte. Nietzsches Werk steht und fällt mit der Einsicht in die extreme Einseitigkeit des Christentums, das Dionysos ausgrenzt und verteufelt, statt sein Wirken im Gesamtzusammenhang der Schöpfung einzuordnen.
Der arme Platon jedoch misstraute sogar den eigenen Göttern. Das ist eigentlich kaum verwunderlich, schliesslich sind griechische Götter heimtückisch, verlogen, intrigant und sehr kindisch. Die Griechen projizierten das zwischenmenschliche Leben in all seinen Schattierungen in den Himmel hoch. Platon suchte daher Sicherheit in einem abstrakten Reich von Ideen. Es gibt schöne Dinge, also muss es eine Idee des Schönen geben. Damit bahnte er die scharfe Einseitigkeit des Christentums vor, denn Ideen sollte es nur von guten Dingen geben, vom Schönen, vom Wahren, vom Heiligen. Eine Uridee des Zerfalls wagte Platon nicht zu denken. Seine Nachfolger spitzten dieses Konzept dahingehend zu, dass in allen Ideen letztlich die Idee des Einen Guten innewohnt, und dies paarte sich wunderbar mit dem Monotheismus des Christentums. Im Gegensatz zu den Griechen gewinnt man tatsächlich den Eindruck, das Christentum habe die himmlische Ordnung gemäss Überlieferung auf die Erde herunterprojiziert. Damit schuf es die Kastenordnung des europäischen Mittelalters.
Wer nur das reine Gute anerkennt und Zerfall und Zerstörung aus seinem Weltbild verbannt hält, wird von den Geschehnissen fortlaufend traumatisiert. Er hat keinen Umgang damit, der ihn trotz allem lebensfähig machte. Ausserdem ist eine solche Person ein ungemütlicher Zeitgenosse. Das Christentum, das das reine Gute hochhält, hat im Vergleich zu anderen Religionen weltweit eine Blutspur ohne Beispiel hinterlassen. Menschen wurden verbrannt oder zwangsgetauft, damit ihre Seelen vor dem Zugriff des ewig Bösen bewahrt blieben. Der Herr als Ausgeburt an Vollkommenheit erlässt völlig unverhältnismässige Strafen. Auf ewig zu brennen hat der brutalste Verbrecher nicht verdient. Das Konzept ewiger Verdammnis ist daher einfältig. Es riecht nach sozialem Druck, mehr nicht. Je länger, je mehr leuchtet mir ein, dass teufelsgläubige Christen zur Abwehr des Bösen wenig Gutes bewirken, aber viel Böses verüben. Ein ökologischer Platonismus, der auch eine Idee des Zerfalls, der Auflösung, der Zerstörung annimmt, würde diesen Extremismus entschärfen.
Europa denkt das Ganze nicht. In seinem Sinn gelingt Wahrheit nur, wenn Beobachter und Gegenstand strikt voneinander getrennt sind. Somit bedeutet Wahrheit immer die Ausgrenzung des Beobachters, was zur Folge hat, dass die kosmische Einheit von Allem notwendig verfehlt wird.
Ein Nachteil gegenüber anderen Weltanschauungen.
Aber man muss Nachsicht üben. Seit Jahrhunderten kennt Europa immer wieder nur das: Zerfall, Zerstörung, Zersetzung, Feindschaft, Krieg und nochmals Krieg. Und alles im Grossformat. Wie will man sich unter diesen Umständen zum Ganzen hin öffnen? Würde man Europa mit einer Person vergleichen, dann wäre diese infolge mehrfachen Missbrauchs hochgradig traumatisiert. Und sie wäre immun gegenüber Beschwichtigungen aller Art.
Besonders von jenen Völkern, die mit Europa und dem Westen leben müssen.


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