Wer hat eigentlich Jesus von Nazareth auf dem Gewissen? Das ist keineswegs eindeutig. Und vor allem ist es unwichtig, wenn man die christliche Theologie als Richtmass nimmt. Der stupide Judenhass beruht auf schlechter Bibellektüre und auf Hörigkeit gegenüber Superheiligen.
Was den gewaltsamen Tod Christi angeht, lassen sich verschiedene Weichenstellungen ausmachen. Die eine Richtung dieser Stellung führt zu seinem notwendigen Tod, die andere zu seinem Überleben, zumindest der Möglichkeit nach. Diese Weichenstellungen in ihrer zeitlichen Abfolge rückwärts durchzugehen, ist von daher gesehen aufschlussreich, da so deutlicher zutage tritt, wer die allererste Weichenstellung verantwortet, die alle anderen überhaupt möglich macht. So gesehen wäre bei dieser ersten Weichenstellung der eigentliche Mörder Jesu zu finden.
Also hier die letzte Weichenstellung, die unmittelbar zu seinem Ableben führte: Körperlich zu Tode gebracht wurde Jesua von römischen Legionären, diese hätten sich weigern können, was klarerweise ausser Frage stand, sie befolgten Befehle, schützten ihre Familien. Die nächste Weichenstellung, die den Nazarener seinen Henkern zuführte, war die Amnestie anlässlich des Passah-Festes. Jerusalem war immer von verschiedenen Ethnien durchvölkert, Phönizier, Juden, Samariter, Kanaaniter, Griechen und andere Ethnien aus dem Römischen Reich. Die Annahme geht also fehl, bloss Juden hätten gegen den Heiland gestimmt. Das Volksgemisch wählte den Zeloten, da der fremde Typ in den Latschen wenig Bekanntheit genoss. Diese Weichenstellung geht auf Pilatus zurück, der sich damit aus der Verlegenheit half, nicht zu wissen, wie er genau mit dem Nazarener verfahren soll. Auch die Weichenstellung davor geht auf sein Konto, die Auspeitschung nämlich, mit der er hoffte, sich das Nazareners aus eben dieser Verlegenheit zu entledigen. Römische Geisselungen überlebte in der Regel niemand, da Widerhaken im Leder ganze Fleischstücke herausrissen. Der Statthalter selbst verkörpert in der Sache ohnehin eine Weichenstellung für sich. Seine Verlegenheit beruhte auf einem Widerspruch im Bemühen der Pharisäer um Entsorgung des Nazareners. Sie warnten nämlich Rom vor seinem politischen Ehrgeiz, der angeblich darin bestanden haben soll, König der Juden zu sein, was das römische Kaisertum unmittelbar in Frage stellt. Pilatus hatte gewiss Mühe, die Angelegenheit richtig zu verstehen. Zum einen war der gefährliche Mann völlig wehrlos und verarmt, zum andern betrieben die Hohenpriester, die ihn anschleppten, gesetzlichen Widerstand gegen Rom. Wie war es also zu verstehen, wenn jemand seinen Feind vor einer Gefahr warnt? Pilatus hätte Nichteintreten beschliessen und die Juden mitsamt ihrem Problem davonjagen können, aber es war ihm klar, dass er sich mit dieser jüdischen Partei trotz Widerstand irgendwie ins Benehmen setzen musste. Immerhin schätzten sie die Gefahr dieses Landstreichers grösser ein als die Folgen der Besatzung. Auch waren sie Mandatsträger oder Abgesandte des Sanhendrin, der obersten religiösen Behörde des besetzten Volkes. Offensichtlich störten sie sich daran, dass der Nazarener die Überzeugung, er sei Sohn Gottes, unbestritten liess. Damit hat er womöglich das eher kindliche Verhältnis überbetont, das Juden zu ihrem Gott unterhalten. Peitschung und Amnestie sind Auswege aus dieser Verlegenheit, mehr nicht. Weiter ist die Weichenstellung, die der Auslieferung Jesu vorangeht, der Verrat des Judas. Jemand musste also auf den Nazarener deuten, sein Äusseres war unbekannt, man hätte sich weigern können, das zu tun. Von Judas wird neuerdings gesagt, er habe keinen Verrat verübt, sondern tatkräftig dabei geholfen, dass die Erbsünde durch Opferung von Gottes Sohn überwunden wird. Bei diesem Mysterium handelt es sich um ein Herzstück christlicher Theologie. Wenn man zudem den Lehrsatz der Dreieinigkeit in Rechnung stellt, kommt man sogar zum Schluss, wie im Frühchristentum damals verbreitet, dass nämlich Gott selbst getötet wurde.
Das verschärft die Verruchtheit dieses Mordes immens. Und umso mehr gehört die Täterschaft, die ihn begeht, zur Rechenschaft gezogen.
Mehr noch: Sie hat ihre Daseinsberechtigung völlig verwirkt.
Direkte Mörder Jesu sind bloss die römischen Soldaten, aber ihnen fehlt ein Motiv, was somit keinen wirklichen Mord ergibt. Die restlichen Genannten sind Zuträger der tödlichen Situation, sie haben sie lediglich mitorganisiert. Das erfahren wir in den Evangelien, dem Wort Gottes also, vorzüglich bei Markus, der den anderen zur Verfügung stand. Wenn nun Paulus Juden als Mörder Jesu bezeichnet, verkürzt er diese schwierige Gemengenlage zu einer Klarheit, der das Wort Gottes widerspricht. In seinem ersten Brief an die Bevölkerung von Thessaloniki stellt er unter Absatz 15 klar, die Juden hätten Jesus getötet. Immerhin zwei verschiedene Übersetzungen benutzen die gleichen Worte. Es ist leider die Falschaussage eines Superheiligen, mit schwerwiegenden Folgen bis heute.
Juden ist es strikt untersagt, einen Angehörigen ihrer Volksgemeinschaft hinzurichten. Also lieferten sie den Nazarener aus, verkauften ihr religiöses Problem als politische Gefahr an Rom. Auch die Evangelien äussern sich zum Teil abfällig über Juden. Ein Beleg aus meiner Sicht, dass es sich dabei unmöglich um ein Wort Gottes handeln kann, das ist aus meiner persönlichen Sicht auch gar nicht zwingend, wenn man die Weisheit dieser Texte annehmen möchte, abgesehen vom Geraune gegen Juden.
Denn die eine und alles entscheidende Weichenstellung scheint Christen kaum geläufig zu sein, wenn sie diese Sache thematisieren, doch nur diese eine und erste Weichenstellung hat Bedeutung für sie. Jesua von Nazareth wusste nämlich sehr genau, was auf ihn zukam. Er hätte Jerusalem meiden können, um ein ganzes Leben lang zu wirken. Die Weichenstellung zu seinem Tod, die er selbst verantwortet, geschieht durch vorsätzliche Unterlassungen seinerseits, nämlich indem er es unterliess zu fliehen, genau wie Sokrates Jahrhunderte vor ihm, allerdings aus anderen Beweggründen. Während der Grieche fand, er würde bestätigen, ein schlechter Mensch zu sein, wenn er die Flucht ergriffe, blieb der Nazarener in Jerusalem, damit die Rettung der Menschheit durch seinen Tod gelingt. Auch unterliess er es, Judas Lügen zu strafen, als der ihn küsste. Das hätte er tun können, um seiner Verhaftung zu entgehen, der Sanhendrin hätte Probleme bekommen, womöglich einen Unschuldigen auszuliefern.
Nur diese eine Weichenstellung hat uns zu interessieren. Alles andere ist Zufall.
Und wenn sogar ein frühchristlicher Bischof von Sardes behauptet, Gott selbst sei von den Juden ermordet worden, dann rede ich als aufgeklärter europäischer Christ genauso hirnrissig vom passiven Selbstmord Gottes.
Wie kann man einerseits die Juden als Mörder Jesu verfolgen, während man andererseits die Theologie dieses notwendigen Opfers als zentral befürwortet? Diese Haltung scheint mir völlig irrational.
Irgendjemand musste den Nazarener ja zu Tode bringen, denn wäre er im Greisenalter irgendwo abseits verstorben, hätte sich dieses Mysterium höchstens als Gerücht in einer Handvoll Familien herumgesprochen. Eine gewisse Öffentlichkeit war dazu nötig gewesen, wie sie damals in Jerusalem bestand. Und würde ich an eine göttliche Vorsehung glauben, so müsste mir auffallen, wie sorgfältig dieser Tod orchestriert wurde. Die Täterschaft ist eben schwierig zu ermitteln, damit keine Rachespur die Menschheit durchzieht.
Aber genau dies passierte. Die zweitausendjährige Blutspur heisst Antijudaismus, eine Peinlichkeit für Christen schlechthin.
Hätte der Superheilige Paulus seine Worte anders gewählt, wäre es vielleicht schwierig gewesen, Juden vom Fleck weg abzuschlachten. Man bedenke, welchen Aufwand Zionisten zu betreiben haben, wenn sie die Araber zu Tiermenschen herabwürdigen, damit sie ohne Gesichtsverlust gegen sie vorgehen können. Die Judenmörder, von denen die allermeisten christlich getauft waren, brauchten bloss aus dem Neuen Testament zu zitieren. Was immer Paulus mit diesem Hinweis beabsichtigt hat, es war eine Falschaussage, die auf Kosten eines ganzen Volkes ging.
Bis heute. Nun leiden die Araber unter dieser Dummheit.
Religionen mögen bestimmte Menschen verbinden und ihnen Halt geben, sie verbinden sich nicht untereinander. Das bisschen Ökumene ist Lidstrich, mehr nicht. Auch nutzt jedes Bekenntnis alle Mittel, wenn ein fremder Glaube scheinbar überhandnimmt, jedes Bekenntnis heisst dann das barbarische Verhalten gut, das sie seinen Mitgliedern untersagt.
Bei zunehmender planetarischer Dichte halte ich daher die Zukunftsfähigkeit von Religionen für fragwürdig.


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