Die Frage, wie wir uns aus Zwängen lösen, beschäftigt uns Menschen grundsätzlich. Sehr oft stehen uns dafür überzogene Erwartungen im Weg, die wir ans Leben stellen. Die Veränderungen, die dazu nötig wären, bedingen viel Aufwand und eine hohe Disziplin, an der viele scheitern. Die erste Einsicht wäre die, dass wir unsere Erwartungen einfach herunterschrauben. Das wäre die handlichste Massnahme, sie gelingt aber kaum. Ein anderer Weg, Freiräume zu erlangen, besteht darin, die Sachlage, die uns zusetzt, anders zu deuten. Dazu diese Fingerübung.

Wenn Schnaken oder Schmeissfliegen, vorzugsweise jene, deren Panzer grün glänzen, im Haus umherschwirren, sorgt das gerne für Ärger oder Aufregung, ebenso Wespen im Spätsommer, wenn wir unter der Sonne frühstücken. Dabei kommt es anerkanntermassen zu Panik und Ekel. Die Viecher schlüpfen in Kragen, unter Ärmel, in Nasenlöcher. Schnaken, Mücken, Hummeln, alles wedeln wir ungeduldig weg, sobald es zu nahe kommt.

Dieses Verhalten ist als normal anerkannt. Kaum jemand schüttelt darüber den Kopf, obgleich es mitunter kindisch erscheint. Die Umdeutung dieser lästigen Sachlage beginnt sehr oft damit, dass wir diese Normalität zurückweisen, aber nicht, damit wir dieses Benehmen verurteilen oder lächerlich machen, sondern damit wir zu einer Sichtweise auf die Sachlage kommen, zu einer anderen Lesart, die bestenfalls diese Aufregung abmildert. Sobald diese Patina der Gewohnheit, die allem staubdick anhaftet, was wir für normal halten, einmal fortgewischt ist, lässt sich die Frage erneut stellen, worum es geht bei dieser Situation. Was ist die Sachlage genau? Ein Insekt, das stört. Das wäre von der Person hergedacht, die nervös wird.

Jedoch vom Blickpunkt einer Schmeissfliege aus gesehen, die einem Bratengeruch folgt, handelt es sich um eine Lebensform, die ihre Umwelt erkundet hat.

Um mehr nicht.

Wenigstens bei mir hat diese Umdeutung zur Folge, dass ich mein Verhalten von allein ändere: Ich lasse dem Tier die nötige Zeit, bis es einsieht, dass es bei mir nichts zu holen oder zu finden gibt. Auch regt sich nach dieser Lesart mein Interesse für diesen Organismus, und ich beobachte entspannt, als wäre ich der Insektenforscher Jean-Henri Fabre in seinem Harmas, wie sich das Tier orientiert.

Während ich mich sogar daran begeistere, denke ich: Es ist das Leben, das Umwelten erkundet.

Und es ist das gleiche Leben, das sich daran begeistert.