Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, so das berühmte Diktum von Clausewitz. Vor Jahren hat Michel Foucault diese Gleichung umgestellt. Demnach ist Politik die Fortführung von Krieg mit anderen Mitteln. Nie hätte ich gedacht, dass die Urmutterserie von Netflix «House of Cards» genau dies zeigt.


Bereits die Titelmelodie gibt dazu Aufschluss: Der kurze Trommelwirbel zu Beginn, gefolgt von Trompetenstössen erinnert an das amerikanische Militär im 19. Jahrhundert. Dass die Hauptfigur Underwood später eine Schlachtordnung aus dem Szessionskrieg mit Figuren nachstellt, scheint diese Annahme zu bestätigen. Ein weiterer Beleg könnte darin zu finden sein, dass die Sicherheitsleute ihren Schützling Underwood als «Little Joe» bezeichnen, wie in einem Western üblich.

Wenn Politik Krieg sein soll, sucht man vergebens nach Waffen. Dass Underwood zweimal mordet und dann selber beseitigt wird, finde ich daher völlig uninteressant. Es dürfte der Einschaltquote geschuldet sein, sprich des Ertrags an Streaming, mehr nicht. Politik als Krieg bedeutet Sieg durch Überzeugung. Mit grösstem Vergnügen jedoch verfolgte ich Folge für Folge die politische Überzeugungsarbeit aller Beteiligten. Ob nun heimlich zwischen Tür und Angel oder gemäss Protokoll in klassizistischen Büroräumen. Die Argumente orientieren sich zunächst an der Sache. Verfehlen sie ihre Wirkung, kommen Druckmittel zum Einsatz, die meistens bei Kellerleichen und persönlichen Schwachstellen des Adressaten ansetzen. Auf diese Abfolge nimmt ein Ratschlag Bezug, der in der Serie genannt wird. Demnach sei Gehorsam billiger als Dickköpfigkeit.

Der kriegerische Gehalt der Politik zeigt sich zunächst in einer Begrifflichkeit, die keineswegs metaphorisch, sondern wörtlich dem Krieg entlehnt ist: Auch in der Wirtschaft ist diese martialische Nomenklatur gängig, immerhin gibt es da «Offiziere», die «Strategien» aushecken. Underwood meint einmal, dass zwei Stimmen dazugewonnen, damit eine Vorlage durch den Kongress kommt, bedeute bloss «Waffenruhe». Ein Hacker in der Hand des FBI bezeichnet sich selbst als «Krieger», während erneut der Trommelsound der Titelmelodie erklingt. Ein anderes Mal schlägt Underwood vor, sie sollten einen politischen Gegner zu einem «Frontalangriff» verleiten. Anlässlich eines bestimmten taktischen Vorgehens meint er, man treffe dort einen bestimmten Gegenspieler «auf seinem Boden».

Wenn wir die Bekleidung befragen, was sie vielleicht vom Krieg verrät, so werden wir daran erinnert, besonders in dem Moment, als Abgeordnete trotz hitzigen Aussentemperaturen gnadenlos in Langarmhemden weiterschuften, dass Uniform und Krawatte militärischen Ursprungs sind. Krawatten dienten dem Schutz des Halses, während Uniformen allen zeigten, dass die Gewalt, die zum Einsatz kommt, keine persönliche Note hat, sondern dem Allgemeininteresse dient. Ein Soldat tötet weder aus Rache, noch aus Habgier. Es ist seine Pflicht zu töten. Und zwar zum Nutzen aller Mitglieder des Gemeinwesens, dem er angehört. Als Underwood vom Kongressabgeordneten Russo bedingungslose Loyalität erwartet, erhebt er sich erst vor ihm, schiebt den Whiskey zur Seite und knöpft sein Jackett zu, macht seine Uniform unbequem, sprich kampfbereit, womit er zeigt, dass er Hiebe erwartet, und das bedeutet, dass er gegenüber Russo zum Äussersten gehen wird, sollte dieser nachlassen. Diese Hinweise betreffen die Serie nicht als solche, hingegen interessiert die Kleidung von Underwoods Frau Claire, die ihm in Sachen Ränkewesen in nichts nachsteht. Sie trägt Roben, die an Schilder oder Rüstungen erinnern, wie es die Figur der Journalistin Zoe Barnes auch wörtlich umschreibt. Sie meint, das Kleid sei wie aus Stahl. Und sie zieht es sogar an. Einmal hat Claire Underwood die Brust eng mit einem wollenen Tuch umschlungen, als die Rede von einer Frau ist, die wie sie vom gleichen Täter vergewaltigt wurde. Als sie sich erkundigt, wie es dieser Frau nun gehe, löst sie kurz das Tuch, um sich dann gleich wieder damit zu bedecken. Das kann natürlich zufällig passiert sein und nicht auf Anweisung hin. Im Zusammenhang der Deutung, die ich vorschlage, fällt es freilich ins Auge.

Weitere Hinweise auf Politik als Krieg erscheinen meines Erachtens in einem subtilen Geflecht aus Anspielungen, die eher metaphorisch oder symbolisch sind. Zunächst der Name der Hauptperson. Ich kann mir unmöglich vorstellen, dass er zufällig gewählt wurde. Immerhin ist Underwoods Vorfahre als Südstaatler angeblich im Unterholz verreckt. Aber das versteht sich vielleicht nur als Hinweis. Das politisch kriegerische Ränkewesen lebt von Verschwiegenheit und Unsichtbarkeit. Wie wenn jemand im Unterholz wühlt, abseits der Öffentlichkeit. Eine heimtückische Vorgehensweise, die notwendig zum Kriegshandwerk gehört und daher öffentlich anerkannt ist. Nicht so in der Politik, da ist sie zwar gängig, jedoch verfemt.

Wer Überzeugungsarbeit leistet und sich dabei genötigt sieht, immer schmutziger vorzugehen, also fern der Sachlichkeit, um die es geht, benötigt am Schluss einen letzten Handstreich, um die Dinge endgültig auf seine Seite zu bringen. Ein Stich, ein Schlag, als Inbegriff des Rohen überhaupt. Daher wirkt Underwoods Doppelklopfen so reizvoll. Es verrät eine gewaltige Reserve an Tricks und Möglichkeiten, auf die er zugreift, sofern es ansteht. Traditionell dient es der Abwehr schlechter Einflüsse. Doch warum doppelt? Man klopft zweimal an Türen, damit es als Zeichen verstanden wird. Ein einmaliges Klopfen wäre ein zufälliges Geräusch. Und in der Armee lernt man den Doppelschuss. Das heisst, du zielst genau und schiesst zweimal hintereinander. Wurde ich als Kind geohrfeigt, bekam ich das Gefühl, die Person sei bereits am Ende ihres Lateins angelangt. Kam es hingegen zu einer Kopfnuss mittels zweitem Fingergelenk, kurz und knackig, eine Blitzesschärfe, die vorüber ist, ehe man sich versieht, also genau in der Art, wie Underwood auf den Tisch klopft, dann erstarrte ich angesichts weiterer Gangschaltungen und Möglichkeiten, über die dieser Erwachsene verfügte.

Die sozusagen im Unterholz lauerten.

Das eigentliche Sinnbild, das Politik und Krieg gleichzeitig aussagt, bekommen wir oft im Hintergrund zu sehen und mehrmals im Intro, nämlich der Obelisk in Washington. Auch dieses Symbol steht für gewaltige Reserven, mit denen jemand zu rechnen hat, der dieses Gemeinwesen in Frage stellt. Immerhin verbinden Obelisken ihrem Ursprung nach die Erde mit dem Himmel, indem sie in die Höhe strahlen. Die berüchtigten Scheinwerfer der Nazis, die ihr Licht senkrecht in die Nacht hinauf warfen, lassen sich damit vergleichen. Der Obelisk in Washington, das Washington Monument, ist genau auf das Kapitol als politische Mitte einerseits und auf die Lincoln Gedenkstätte zu Ehren des Bürgerkriegspräsidenten andererseits ausgerichtet. Nach meiner Lesart setzt sich dieses Sinnbild in der Serie mehrfach fort: Es wird zum Brieföffner, der zuletzt auch als Stichwaffe zweckentfremdet wird, zur Zigarette, mit der Underwood ein Brandloch in einen Stern der US-Flagge sticht, die hinter seinem Schreibtisch im Oval-Office steht. In diesem Zusammenhang wird die ganze Sache umso brisanter, als die Serie uns die Vermutung nahelegt, Underwood sei impotent. Jedenfalls duldet er, dass seine Frau Claire ihre Befriedigung anderswo bekommt. Auch Zoe Barns ist von seiner überstürzten Fickerei keineswegs begeistert.

Underwoods Klopfen hat auch die Bedeutung, dass er im richtigen Moment Normen bricht. Zum Beispiel verabscheut er Geburtstage. Claire stellt ihm trotzdem eine kleine Torte hin, mit einer Kerze darauf. Underwood würgt das Licht ab, mit zwei feuchten Fingerkuppen, schnell und zielsicher.

Und er klopft dabei zweimal auf Holz.

Der Name von Underwoods Stabschef gehört ebenfalls in diesen Sinnzusammenhang: Doug Stamper. Ein dienender Machtpolitiker, der im richtigen Moment den Dingen den Stempel seines politischen Herrn aufdrückt. Daher zählt auch Underwoods Siegelring zu dieser symbolischen Ordnung. «Doug» als Abkürzung für Douglas erinnert wohl mit Absicht an Dog, an Hund. In der Mitte der Serie wird er vorübergehend abgehalftert, seine Alkoholsucht hängt wie ein Damoklesschwert über ihm. Und er bettelt um Wiederaufnahme in den politischen Dienst, indem er sich auf einem Sofa des Oval-Office niederbeugt und sich tatsächlich wie ein Hund an Underwood anschmiegt, der inzwischen Präsident geworden ist und telefonierend daneben sitzt. Die Figur Doug Stamper finde ich besonders aufschlussreich, wenn es um die Frage geht, was Macht eigentlich ist und woher sie kommt. Zu dieser Frage zitiert Underwood Gore Vidal. Demnach ist Macht völliger Selbstzweck. Als wichtigste Eigenschaft des Menschen, so Vidal, bedeutet sie einfach den instinktiven Drang zu obsiegen. Der raffinierte und kaltblütig vorgehende Stamper, der aber hochgradig verletzlich ist und unsicher, eben wie Claire Underwood, die sich vor Hieben schützt, sucht die unmittelbare Nähe zu Machtmenschen wie Underwood. Warum? Macht bindet Schwache, garantiert ihnen Schutz. Unsichere Menschen fühlen sich im Umfeld von Machtmenschen besonders sicher, da sie Normen brechen.

Aus dem einfachen Grund, dass jemand, der sich über Normen hinwegsetzt, über mehr Möglichkeiten verfügt als andere, die sich peinlich genau an Regeln halten. Wobei zu beachten ist, dass Machtmenschen dieser Art den Übergang von Normen zu Gesetzen als fliessend begreifen.

Solchen Leuten steht ein ganzes Unterholz an schmutzigen Chancen zur Verfügung.

Vielleicht erklärt sich daher der Erfolg eines Trump, von dem es hiess, er habe Underwood an Widerwärtigkeit übertroffen. Das sehe ich anders. Immerhin ist Trump kein Heuchler wie Underwood, indem er offen zu seinen Machenschaften steht. Dass er sich nötigenfalls über Normen hinwegsetzt, daraus macht er keinerlei Hehl.

Ganz im Gegensatz zur Serienfigur Underwood.