Ein Jammer, dass Wissenschaft und Esoterik einander so schlecht vertragen. Gemeinsamkeiten gäbe es viele, jedoch mindestens ein Unterschied, der diese Bereiche hauchdünn, aber zäh voneinander trennt.
Wenn Esoteriker in ihrem Wirken wissenschaftliche Befunde mitberücksichtigen, machen sie sich einen guten Namen. Wissenschaftler hingegen bangen sofort um ihren Ruf, wenn sie auch nur einen Hauch von Esoterik undeutlich zurückweisen. Dazwischen herrschen Unverständnis und Verachtung, was ich zunehmend uneinsichtig finde.
Zunächst ein Blick auf die Wissenschaft: Dieser Verein hat klare Statuten. Entscheidend ist die Art der Wahrheitsfindung, obgleich Wissenschafter kaum von Wahrheit reden. Sie reden von Tatsachen und von mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit. Dennoch kommt Wahrheit oder Richtigkeit in der Wissenschaft nur in einer Art Dreischritt zustande. Es geht um ein Gutachten und ein Gegengutachten, das die Ersteinschätzung meist zu widerlegen sucht. Dazu kommt als Drittes ein Datum, ein Gegebenes, also ein Gegenstand, auf den sich die Gutachten beziehen. Dabei muss die Person beliebig austauschbar sein, die die Sache begutachtet oder gegenbegutachtet. Eine entsprechende Versuchsanordnung hat auf der ganzen Welt das gleiche Resultat, das gleiche Datum zu erbringen. Das Resultat muss daher immer gleich vorhersagbar sein und entsprechend eintreten. Erst dann ist von einer wissenschaftlichen Tatsache die Rede. Der Ausdruck Wissen erfordert also, dass das, was ich für wahr halte, für andere überprüfbar vorliegt, sei es als Messung oder als Interpretation oder Argumentation, wie in den Geisteswissenschaften üblich, und dass andere dies als zutreffend bestätigen.
Wissen ist also eine soziale Angelegenheit.
Zugegeben ich bin nicht einmal imstande, eigenhändig zu beweisen, dass die Leber das Blut reinigt. Auch wenn wir uns ausschliesslich an die Wissenschaft halten, sind wir gemessen an ihren heutigen Möglichkeiten bloss Gläubige. Das hat immerhin zur Folge, dass wir unsere Überzeugungen fortwährend anpassen statt dogmatisch an ihnen festhalten. Kaffee sei gesund, heisst es, man habe sich bis dahin geirrt. Ein paar Jahre später hören wir das Gegenteil, Kaffee sei doch schlecht für uns, das sei nun wissenschaftlich bewiesen. `Nach neusten Befunden`, heisst es oft im Tonfall wohlwollender Überlegenheit, als garantierte das Neuste abschliessende Richtigkeit.
Das tut es nie.
Die Naturwissenschaft verbessert fortlaufend ihre Messtechniken und kippt so bewährte Überzeugungen. Allerdings ist es in Mode gekommen, Daten zu schönen, vor allem, seit die Naturwissenschaft privaten Geldgebern verpflichtet ist, die auf bestimmte Resultate aus sind. Auch die Geisteswissenschaft verändert Überzeugungen, indem sie Diskurse anders auslegt. Im Zug erlebte ich zwei ältere Herren, die sich über neuste Studien zu Nero empörten. Wenn vertraute Überzeugungen fallen, ist das eben ein intim ökonomisches Problem. In diesen Studien war man zum Schluss gekommen, der Römer habe Wahnsinn strategisch eingesetzt, statt dass er ihm ausgeliefert gewesen wäre. Auch hier müsste ich einen Haufen Quellen und herkömmliche Studien durcharbeiten, um dies zu bestätigen oder zu widerlegen.
Wir sind Wissenschaftsgläubige. Fachleute vermitteln Wissen, die sich untereinander freilich kontrollieren, wir aber sind bloss nutzniessende Empfänger ihrer Vermittlung. Genau wie in der Kirche. Deswegen trugen Wissenschaftler früher weisse Kittel wie Hohepriester. Gerade an Hochschulen grassiert eine kritiklose Wissenschaftsgläubigkeit. Dort heisst es hundert Mal täglich: ‘Eine Studie besagt` oder ‘gemäss neusten Studien’, und schon wähnt man sich auf der sicheren Seite. Dabei wird nicht einmal unterschieden, ob es sich bloss um eine Beobachtungsstudie oder um eine randomisierte Kontrollstudie handelt, was ziemlich viel ausmacht. Wissenschaftsgläubige halt.
Was Überprüfbarkeit angeht, sollten wir es folglich nicht weiter anstössig finden, wenn ein Esoteriker wie Rudolf Steiner auf einmal eine Geheimwissenschaft vorstellt. Dieser Begriff widerspricht sich selbst, du könntest genauso gut etwas als hartweich bezeichnen. Das liegt eben daran, dass das Soziale, nämlich die Überprüfbarkeit durch andere, gänzlich wegfällt, wenn es geheim sein soll. Steiner versteht sich denn auch als Vermittler. Wie denn soll ich überprüfen und dann bestätigen, dass die Erde schon einige Wiedergeburten durchlaufen hat? Oder dass es ein lemurisches Zeitalter gegeben haben soll oder geben wird? Oder dass ahrimanische und luziferische Kräfte auf uns einwirken?
Wer umgekehrt die harten Statuten der Wissenschaft ablehnt, sollte diesem Verein einfach fernbleiben oder etwas Eigenes gründen. Niemand drängt darauf, dem Verein der Dorfschützen beizutreten, wenn er die Ballerei durch gemeinsames Häkeln ersetzen möchte. Die Härte wissenschaftlicher Grundsätze erklärt sich als Ausgleich jahrhundertealter kirchlicher Missbräuche, die allerdings eher politisch zu verstehen sind als denn religiös. Kirche bedeutet Politik mit religiösen Mitteln, früher zumindest. Ein Priester brauchte bloss den Zeigefinger zu erheben und einen Tagelöhner in die Schranken weisen, indem er verkündete, Gott habe gewollt, dass er sein Leben arm sei und bleibe. Kein Gutachten, kein Gegengutachten. Esoteriker betrieben diesen Schindluder rege während der Pandemie. So erklärte jemand aus dem Sessel heraus in die Kamera, es finde gerade im All in unmittelbarer Nähe der Erde ein Krieg zwischen verschiedenen Mächten statt.
Auch Esoteriker kommen zu Wahrheit in einer Art Dreischritt. Allerdings fehlt das Datum, das Gegebene, über das man sich verständigen könnte, zumindest aus Sicht derer, die eben Wissenschaft bevorzugen. Sehr oft tauschen sich Esoteriker über eine Erfahrung aus, die sie machen. Keiner fühlt, was der andere empfindet, doch die Worte, die dieser benutzt, führt dazu, dass man sich mitunter sofort bestätigt fühlt oder eben nicht, etwa als würde man gemeinsam die Süsse einer Speise feststellen, die anderen entgeht. So könnte bei einer Meditation mit Samenmantren jemand mitteilen, es kitzle sie in der Nabelgegend, was eine andere Person, die mitmacht, freudig bestätigt, während andere bloss die Schulter zucken. Für Esoteriker ist es keineswegs zwingend, dass alle hirngesunden Menschen die nötige Bestätigung zumindest erbringen können müssten, damit die Angelegenheit als Tatsache anerkannt wird. Immerhin vermeiden Esoteriker harte Begriffe wie Wahrheit, Richtigkeit oder Tatsache.
Dennoch gibt es methodische Gemeinsamkeiten. Wenn eine Astrologin bei mehreren Personen mit deutlicher Schwermut entdeckt, dass in ihren Horoskopen der Planet Pluto in einer Spannung zu den übrigen Planeten steht, kann sie nicht anders, als diese Gleichzeitigkeit zumindest als Korrelation anzunehmen, genau wie Wissenschaftler es tun. Diese gemeinsame Gleichläufigkeit oder dieses deutliche Sich-Aufeinander-Beziehen belegt noch kein Kausalverhältnis. Je mehr aber eine solche Korrelation in verschiedenen Fällen gehäuft vorkommt, desto eher neigen wir dazu, Ursache und Wirkung für belegt zu erachten.
Solche Gemeinsamkeiten von Esoterik und Wissenschaft wären sicherlich noch mehr zu finden.
Zum Glück gibt es Grenzgänger zwischen beiden Bereichen, wie etwa Rupert Sheldrake mit seinen morphogenetischen Feldern. Er bespricht Versuche mit Hunden, die dann unruhig werden oder sich vor die Haustür legen, wenn das Herrchen entweder von der Arbeit aufgebrochen ist oder die Absicht gefasst hat, jetzt dann bald nach Hause zu kehren. Leider funktionieren diese Versuche nicht immer, sie sind also nicht vorhersagbar. Daher kommen sie für die Wissenschaft nicht in Frage. Wäre dies der Fall, würde sie selbstverständlich nach dem Medium suchen, das das Ereignis des Nachhausekehrens mit der Veränderung im Hundeverhalten kausal verbindet. Nach Sheldrake wäre das eben die These vom morphogenetischen Feld.
Nicht zu vergessen der Physiker und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend, der sogar die Astrologie verteidigt. Wir halten es für Aberglaube, dass Planeten und Sterne unser Verhalten beeinflussen. Feyerabend argumentiert mit Plasmawolken kosmischer Gestirne, die einander durchdringen. Das wäre ein mögliches Medium. Astrophysiker argumentieren dagegen, diese Einflüsse seien verschwindend gering, kaum messbar. Vielleicht sind ihre Messgeräte für diese Thematik eben noch zu unausgereift.
Im Übrigen muss sich fragen, wer Astrologie und andere esoterische Praktiken wie Tarot für Humbug hält, wie es kommt, dass agrarische Gesellschaften ohne knallende Öffentlichkeit diese Methoden seit Jahrhunderten überliefert haben.
Bauern lassen Methoden oder Werkzeuge fallen wie heisse Kartoffeln, wenn sie zu nichts taugen.


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