Liberale Denker betonen die Freiheit, die einem zusteht, wenn man Erfolg hat. Jede Zwängelei zur Umverteilung persönlicher Überschüsse an Erfolglose wird abgelehnt. Die Stichhaltigkeit dieser Einstellung hängt davon ab, wie weit eine Eigenleistung wirklich eigen ist.

Kennedys sollen kurz vor Börsencrash 1929 ihre Aktien verkauft haben. Joesph Kennedy erkannte als erfahrener Trader die steigende Überhitzung des Marktes. Der zukünftige Vorteil beruhte eindeutig auf Eigenleistung. Angenommen Kennedy hätte aus Zufall oder zu anderen Absichten seine Papiere abgestossen, dann wäre es schwierig, dieses Vorgehen als Eigenleistung zu verbuchen. Im tatsächlichen Fall hat der Kenner also Souveränität bewiesen. Wenn wir nun die Ansprüche der liberalen Sichtweise feiner, sprich konsequent anwenden, hätte Kennedy seinen Vorteil auch mit denjenigen teilen müssen, von denen er in seiner Anfangszeit als Trader nützliche Tipps zugesteckt bekam. Damit fällt ein Damm zuungunsten liberaler Einstellung: Kennedy hätte an alle umverteilen müssen, die ihn in irgendeiner Form zu diesem Erfolg unterstützt haben. Diese Liste wird länger, je feiner das Argument zur Anwendung kommt. Kennedy müsste zum Beispiel an alle Urheber dankend verteilen, die bewirkt haben, dass seine Konkurrenten aus dem Spiel fielen, schliesslich zählt zur liberalen Einstellung, dass die Eigenleistung aus Wettbewerb hervorgeht.

Elon Musk verdankt seinen Aufstieg unter anderem seiner Mutter, die dem Jungen frühzeitig wissenschaftliche Anregungen verschaffte. Der baldige Trillionär müsste streng genommen an alle umverteilen, deren Mütter vor der Glotze abhingen. Mütter gelten ohnehin als verantwortlich für den sozialen Feinsinn, sie sorgen für eine Umgänglichkeit mit anderen, auf die schwer zu verzichten ist, wenn man reich werden möchte. Väter wiederum fördern deinen späteren Umgang mit Finanzen, sofern sie die Beziehung zu ihren Kindern schätzen und pflegen. Trump nutzniesste vom Vermögen seines Vaters, der erfolgreich Genossenschaftsprojekte in Brooklyn führte. So versteht sich, dass der lebenslängliche Sohn als Trader und Dealer dank dieses Rückhalts höhere Risiken einging als seine bedächtigen Mitstreiter. Auch Joseph Kennedy genoss Startvorteile, die sein Vater, ein Kind aus ärmlichen Verhältnissen, hart erwirtschaftet hatte.

Wann ist eine Eigenleistung wirklich eigen? Sehr wahrscheinlich nie.

Eine Reinheit ist in der Sache nicht zu erwarten, sie scheint graduell zu sein. Dieser Umstand schmälert den Anspruch des liberalen Arguments, was den Umgang mit persönlichen Überschüssen angeht. Kennedy, Musk, Trump und andere müssten ferner dankend an die gesamte Gesellschaft umverteilen, da deren Geschichte überhaupt für die Mittel gesorgt hat, in denen sie sich bewährten, wie Wettbewerb, Finanzwesen, Spekulationsorgane. Die meisten sind durch unternehmerische Produktion zu Reichtum gelangt. Was die Personal Computer anbetrifft, so war die Nachfrage in keiner Weise absehbar, die Typen in der Garage wurden lange Zeit verlacht. Umso mehr stände ihnen die Bescheidenheit gut zu Gesicht, dass sie zwar ein tolles Produkt als Eigenleistung verrechnen dürfen, die gewaltige Nachfrage jedoch, die den Erfolg erst möglich macht, unterliegt nicht ihrer persönlichen Kontrolle.

Ferner verdanken reich Begünstigte der restlichen Gesellschaft ein bestimmtes kulturelles Benehmen, mit dem sie Vertrauen schaffen, noch bevor ein Erfolg garantiert ist. Letztlich verdanken sie ihr eine Sprache, die sie in die Lage versetzt, sich überhaupt verständlich zu machen. Auch verdanken sie ihren Vorteil einer angeborenen Intelligenz, deren Erbgut tief in die Vergangenheit zurück wuchert. Der Dank geht auch hier an die Gesellschaft, die mit ihren Rahmenbedingungen den Erfolg der Vorfahren als Vermittler dieses Erbgutes mit ermöglicht hat.

Die liberale Sichtweise beschränkt ohnehin aus sich selbst heraus die Freiheit beim Umgang mit persönlichen Überschüssen, die sie so sehr betont. Ich meine die Rolle, die sie dem Staat zuschreibt. Dieser soll nämlich für die Rahmenbedingungen sorgen, die den Wettbewerb erst ermöglichen: Die Justiz etwa, die dafür sorgt, dass Verträge gelten, ohne die kein Handel zustande kommt. Dann Währungspolitik, Finanzwesen und Sicherheit. Auch sorgt der Staat für faire Startbedingungen zum Wettbewerb.

Der Staat aber, das sind alle anderen. Liberale und Libertäre sind also gezwungen, sich zweimal dankend an die Allgemeinheit zu richten. Zum einen, was persönliche Begünstigungen anbetrifft, zum anderen die Rahmenbedingungen zum Erfolg, die von allen anderen garantiert sind.

Dieser Dank liesse sich mit Steuern angemessen abgelten, doch reich Begünstigte nutzen diverse Kniffs, den Fiskus zu umgehen. Sie missachten, wie sehr Verhältnisse, in die sie zufällig geraten sind, sie unterstützt haben. Auch verkennen sie den Support durch Andere als deren Investition in ihre Person, also in jemanden, der kraft seiner selbst einfach herausragend ist. Das wäre der narzisstische Blickpunkt, der kaum vermeidbar ist, wenn Reiche ohne jede Freude das vierte Auto, den zehnten Kühlschrank, die dritte Jacht kaufen.

Irgendeine ständige Werterhöhung muss im Leben doch zu erwarten sein. Dieser Weg führt in Abgründe, die neuerdings in den Ebstein-Files nachzulesen sind. Jemand verwies dabei auf das unstillbare Begehren nach Lacan, das uns alle zeitlebens umtreibt. Also auch die Schwerreichen, die Mühe damit, neue Freude zu finden, die sie überraschen, verblüffen, die sie allgemein mit guten Gefühlen beschenkt.

Reichtum schmälert die Gelegenheiten für gute Gefühle. Die Jagd danach wird immer schwieriger.

Wir verdanken dem Leben alles an Begabung und Vernetzung. Über beides verfügen wir unentgeltlich. Ein Influencer mag sich besser fühlen als andere und sich dabei gewisse Freiheiten anmassen. Dies ändert nichts daran, dass er die nötige Technologie dazu anderen verdankt, er hat sie weder erfunden noch ihre Produktion wesentlich bezuschusst. Wir müssten noch heute wie Kelten damals aus einem Schöpfer trinken und dabei ein Teil davon zu Boden verschlabbern, hier aus Dank vor dem Schöpfergott, der uns ernährt. Bei uns heute immerhin aus Achtsamkeit darüber, dass Möglichkeiten massig für uns greifbar sind, ob natürlich vorhanden oder von Menschenhand oder sonstwie vermittelt.

Sehr wahrscheinlich gibt es keine Eigenleistung, die so rein wäre, dass es nach liberaler Gesinnung erlaubt wäre oder sogar dazu verpflichtete, dass wir irgendwelche Trillionen horten statt umverteilen.

Einfach aus Dank an alle für einträgliche Möglichkeiten, für nützliche Gelegenheiten, die uns das Leben zuspielt.