Der Westen hat moralisch nicht mehr viel zu sagen. Seine rassistische Doppelmoral ist im Falle Ukraine-Gaza offenkundig geworden. Für Dreiviertel der Weltbevölkerung war das nie anders. Schon seit Jahrhunderten sehen sie in ihm eine monströse Kraft, die keine Rücksicht nimmt. Viele Rechnungen sind noch heute unbeglichen: In China, in Indien, in Südamerika, in Nahost, in Russland, in Afrika ohnehin. Vielleicht sollten wir uns warm anziehen.
Stichworte wie Opiumkrieg, Sklaverei und Ausbeutung benennen solche offenen Rechnungen, die die Welt mit dem Westen hat. Dazu gibt es weniger bekannte Beispiele. So wäre es besser gewesen, man hätte in den 90ger-Jahren die Chicago-Cowboys an die Leine genommen, statt sie Russland ausweiden zu lassen. Gewisse Gauner, die wir heute als Putins Opfer bedauern, stahlen nach dem Zerfall der Sowjetunion verwaiste Parteikassen zusammen. Wen wunderts, wenn eine traditionsbewusste Bevölkerung einen Führer wie Putin zulässt, der keine Skrupel kennt, das Land wieder zu sanieren. Am besten bis zur Grossmacht, damit sie sicher ist vor einem Westen, der Russland immerhin schon zweimal überfallen hat. Wir wenden ein, es seien die Franzosen gewesen, dann die Deutschen. Damit verlangen wir der Welt eine Feinunterscheidung ab, die wir ihr vorenthalten.
Ähnliches geschieht derzeit in den USA. Die Grossmächte kommen sich ins Gehege, sie setzen sich wechselseitig unter Druck. Je mehr Gefahr droht, desto eher verkommt das Gemeinwesen zur Diktatur.
Diese offenen Rechnungen bedeuten Menschenrechtsbrüche. Dabei erhebt der Westen Anspruch auf Anwaltschaft moderner Grundrechte. Das Menschenrecht schlechthin, das Grundrecht von Zivilisten auf ein unversehrtes Leben, wird jedoch einmal mehr geopolitischen Interessen untergeordnet. In der Ukraine gilt dies sogleich als Völkermord, zu Gaza herrscht Schweigen, obgleich beide Kriegsparteien die Zivilbevölkerung sogar an der Flucht hindern, sie vorsätzlich aushungern und brutalste Qualen durchstehen lassen. Eine bestialische Zumutung seit über einem Jahr, wo selbst den Kleinsten Schmerzmittel verweigert sind. Würde mir jemand die Dummheit abverlangen, den Schuldigen zu benennen, der für die Hölle in Gaza verantwortlich ist, dann würde ich im Hinblick auf das zweitausendjährige Gesamtbild dieser Tragödie ohne zu zögern auf uns selbst zeigen.
Auf den Westen.
Der grausige Antisemitismus ist sein Werk, im christlichen wie im säkularen Westen gegen die Juden, heute gegen ihre Brüder, gegen die Araber. In dieser Geschichte sind rote Linien zuhauf überschritten worden. Solche Überschreitungen sind immer masslos brutal. Für die Opferseite und ihre Fürsprecher gebietet diese erlittene Brutalität, dass das katastrophale Ereignis von seiner Vorgeschichte gekappt wird. Man sagt, die Dinge seien so, wie sie sind, weil sie so geworden sind. Aus Achtung vor den Opfern von Menschenrechtsbrüchen wird jede Vorgeschichte als mögliche Verharmlosung der jeweiligen Täterschaft unterbunden. Und da uns nicht alle Opfer gleich nahestehen, ziehen wir die roten Linien anders, wie eben in den Debatten zum Gaza-Krieg: Wer die beispiellose Brutalität des IDF in Gaza und die altbiblischen Massnahmen der Administration Netanjahu gegen die Zivilisten in Gaza beklagt, leugnet den grässlichen 7. Oktober als notwendige Vorgeschichte. Wer hingegen auf dem 7. Oktober als Startpunkt dieser Misere pocht, missachtet Verdrängung, Besetzung und systematische Entrechtung der Palästinenser, die weit vor 1948 bis zum rassistisch geprägten Völkerbund und noch weiter bis zur Schutzherrschaft Englands zurückreicht, für die Araber in typisch kolonialistischer Manier bloss Sandneger waren, Untermenschen, eigentliche Indianer, mit denen nach Belieben zu verfahren ist. Geheimdienste verfügen bestimmt über Handbücher, wie man ein Volk behandeln muss, damit es Terrorismus ausübt, um es dann gänzlich zu binden oder eben zurecht ausser Landes zu schaffen. Da wittern manche eine Verschwörungstheorie. Ihnen sei empfohlen, bei Noam Chomsky über Staatsterrorismus nachzulesen.
Wer schliesslich den Zionismus als Urheber dieser Katastrophe in Nahost brandmarkt, ignoriert eben die breite Blutspur namens Antisemitismus, genauer Antijudaismus. Die Schande schlechthin, die sich durch Jahrhunderte abendländischer Geschichte zieht. Über zweitausend Jahre hat man Juden immer wieder gedemütigt, entrechtet, verfolgt und vernichtet. Christliche Könige zwangen sie zu Geldgeschäften, bevor sie sie aus ihrem Schutzbereich jagten. Und niemand hat je geholfen oder ihnen zugehört. Die allermeisten Judenschlächter waren christlich getauft. Sie brauchten nur Paulus zu zitieren, und schon sahen sie sich ins Recht gesetzt, mehr noch in die Pflicht genommen, die Mörder Jesu zu meucheln. Zionisten müssen die Araber immerhin erst mühevoll zu Tieren herabwürdigen, damit sie, wenn sie gegen sie vorgehen, ihr Gutmenschentum behalten. An dem Druck, der sie dazu bringt, gnadenlos in Palästina einzudringen und noch weiter das versprochene Gross-Israel zu erreichen, daran bemisst sich der Wille, der ebenso gnadenlos, sprich mit allen Mitteln auf einen Schutzraum für Juden insgesamt hinarbeitet, damit sie vor zukünftigen holocaustähnlichen Ereignissen sicher sein werden.
Das ist die eigentliche Misere. Und daran ist der Westen schuld, der christliche wie der säkulare.
Die Schande des Antisemitismus hat den Westen spätestens seit dem 2. Weltkrieg eingeholt. Das ist spät genug. Schuldbewusst gewährt er seither den Opfern unter Führung des Zionismus freie Hand bis zur Straflosigkeit. Europa wollte auch nach der Shoa keine Juden, nun sollen die dortigen Araber die Sache ausfressen. Dabei beanspruchen die Zionisten, nach dem Vorbild Englands oder den USA, ein indigenes Volk straffrei auszurotten, damit Sicherheit garantiert ist. Zionismus bedeutet, dass Sicherheit einmal mehr auf Kosten eines anderen Volkes geht. Die gewaltige Enteignung der Palästinenser bis heute bemisst sich an der Tatsache, dass zur Zeit des Völkerbundes beinah das ganze Land in arabischem Besitz gewesen war.
Die rassistische Doppelmoral, die ich anspreche, zeigt, dass das Menschenrecht für den Westen entgegen seiner vollmundigen Beteuerung keine allgemeine Gültigkeit hat, sondern genauso wie andere Mittel taktisch zum Einsatz kommt. Die USA nutzen das Menschenrecht, um ekelhafte Diktaturen zu knacken. Allerdings nicht zu dem Zweck, den Menschen Freiheit zu bringen, sondern um an die Rohstoffe zu gelangen, auf denen diese Diktaturen sitzen. Gemäss ihrer eigenen Doktrin lagern die meisten Rohstoffe im so genannten Randland Asiens. Das ist der Bereich, in dem die USA seit dem 2. Weltkrieg Kriege führen. Der Zugang dazu scheint für sie zunehmend erschwert zu sein, dabei benötigen die USA übermässig Rohstoffe. Denn Freiheit ist teuer. Wenn man den Leuten Freiheit verspricht, muss man sie mit Wahlmöglichkeiten versorgen. Soll ich meinen freien Nachmittag im Säntispark verbringen oder im Alpa-Mare? Beides verschlingt immens Energie.
Westliche Freiheit als Wahlfreiheit klingt verlockend für viele Menschen. Die Sache aber hat eine Kehrseite, die wenigen bewusst ist, nämlich die Haftbarkeit. Wer seine Wahlfreiheit nutzt, wird von den anderen zur Rechenschaft gezogen.
Freiheit von Verantwortung gibt es nur in Diktaturen.
Nur wenn ein Gemeinwesen unter Druck steht, in diesem Fall der Westen, allen voran die Vereinigten Staaten, lässt es zu, dass Unschuldige durch die Hölle gehen wie eben die Palästinenser in der doppelten Falle Gaza seit über einem Jahr. Wer weiss, was für den Westen kommt, wenn die Brics-Staaten enger zusammenrücken und Bündnisse schliessen, wenn das Dreieck China-Iran-Russland unverhofft aus Eisen geschmiedet sein wird. Zwischen diesen grossmächtigen Bündniskomplexen herrschen rechtsfreie Räume. Niemand wird bei seiner Verteidigung das Menschenrecht für seine Gegner berücksichtigen. Die Akteure mögen sich besonders zivilisiert vorkommen, dieser Eindruck liegt auch an der Propaganda, die bei Gefahr sofort anläuft. Auch der Westen wird diesen rechtsfreien Möglichkeitsraum so barbarisch wie möglich ausnutzen.
Ich wünsche mir keine Diktatur nach chinesischem, slawischem oder arabischem Zuschnitt. Die Werte des Westens sind meine Werte. Und am Ende wird von mir Dankbarkeit erwartet, wenn Freiheit weltweit durchgesetzt wurde. Aber ich widerspreche entschieden der Art ihrer Durchsetzung.
Soweit die Anklage.


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