Kinder leben im Morgen. Wir nicht.

Irgendwo griff ich diese Weisheit auf. Nein, sie befiel mich regelrecht. Seither nutze ich sie, wann immer möglich. Besonders in Gesprächen mit Eltern, wenn sie sich darum besorgt zeigen, dass ihr Kind ganze Stunden am Bildschirm verspielt. Sogleich wird Sucht vermutet, hilflos, angsterfüllt, beinah panisch. Zunächst gebe ich zu bedenken, dass die vermutliche Sucht, die Kinder am Bildschirm hält, sehr bürgerlich ist. Das setzt schon mal Fragezeichen. Ginge es bloss um das Spiel, dann würden sich die Kinder nach geraumer Zeit langweilen. Das Spiel jedoch lockt mit zunehmenden Schwierigkeitsgraden. Es gibt Spiele, die über hundert Level anbieten, wobei die Schwierigkeit zunimmt. Daher benötigt man immer mehr Zeit, einen Level zu schaffen. Allerdings verbessert sich die Geschicklichkeit und damit der Ehrgeiz. Es kommt vor, dass Kinder wütend werden, wenn man sie vom Bildschirm wegbefiehlt, etwa zum Essen, das keinerlei Aufschub duldet. Erwachsene, die nicht mehr im Morgen leben, sehen darin ihre Sucht bestätigt. Dabei stehen die Kinder kurz vor Bewältigung eines Levels. Steigen sie aus, fallen sie um eine Stufe zurück. Unverschuldet, aus ihrer Sicht.

Dieser Ehrgeiz ist doch sehr bürgerlich: Zunahme an Geschicklichkeit, an Selbstbewusstsein, an Zielstrebigkeit. Natürlich geschieht das am falschen Ort, so der Einwand. Mag sein. Schule und Beruf jedoch schaffen es trotz aufwändigster Reformen nicht, Kinder derart als souverän Handelnde anzusprechen, als Akteure mit Haut und Haar, wie es Spiele vermögen. Das Kopfschütteln bleibt. Was für ein trübseliges Morgen steht uns da bevor, klagen die Erziehungsberechtigten. Eigentlich müssten sie Erziehungsbefohlene heissen, dann wäre ihre hartnäckige Sorge eher nachvollziehbar. Auch der folgende Gedanke hilft dem nicht ab: Wenn es ums Morgen geht, dann ist zu bedenken, dass gegenwärtig Sonden im All kreisen, von Menschenhand gefertigt und verschickt. Was immer sie an Kenntnissen übermitteln, wird eine bemannte Raumfahrt von längerer Dauer angesagt sein. Da dürfte es um Jahre gehen. Und wer soll diese Reise bewältigen? Etwa Leute, die täglich joggen und geschäftlich herumkurven, von Meeting zu Meeting, von Tagung zu Tagung, von Kundenbesuch zu Kundenbesuch? Die auf Berge klettern oder übers Wochenende Grossstädte bereisen, damit sie sich erholen? Ich kenne Asperger, für die während Corona weder Quarantäne noch Isolation irgendeine Veränderung mit sich brachten. Die Person vertrieb die Zeit wie sonst auf ihrem Zimmer vor dem Bildschirm.

Und was wäre eine Reise zum Beispiel zum Mars, wenn nicht eine mehrjährige Isolation?

Ob diese Aussicht wirklich zutrifft, kann niemand wissen. Es wäre ein Blick in die Zukunft vonnöten. Wenn ich aber Kinder und Heranwachsende eben in dieser Art vom Morgen her beurteile, trete ich in ein anständiges und lebenswertes Verhältnis zu ihnen, auch wenn ich über dieses Morgen nie sicher sein kann. Im Übrigen gilt diese Unkenntnis über das Kommende auch dann, wenn wir überhaupt die Gegenwart beurteilen. Eine Freundin meinte, wir lebten vorwärts, verständen die Dinge aber rückwärts. Die gängige Klage, wie heruntergekommen die gegenwärtigen Verhältnisse doch seien, ergibt sich nur, wenn wir das Jetzt vom Gestern her beurteilen. Anders geht es nicht. Doch das Heute hat, wie die Kinder vor dem Bildschirm, Sinn und Zweck im Morgen.

Beurteile die Gegenwart vom Morgen her. Das geht aber nicht. Also empfiehlt es sich, wenn man stattdessen den Mund hält.