Wenn Vorurteile verschwinden, wird ein Stück Welt zugänglich. Mehrfach bestätigte Vorurteile verdicken sich zu einer Patina, einer Art Staubschickt, die den Dingen aufliegt. Vorurteile behindern mich in meinem Welterkennen. Umso leidenschaftlicher wische ich sie fort. Oder ich begrüsse ihre Säuberung. So zum Beispiel, was unsere Beziehung zu Beton angeht.
Beton ist hässlich, Beton schadet der Umwelt, baut sich schlecht ab. Beton beschleunigt den Fortschritt und damit die Ausbeutung von Mensch und Umwelt. Ein Vorurteil? Eher eine Erfahrung. Aber jede Erfahrung kann zu einem Vorurteil verdicken und den Blick auf den Sachverhalt einschränken. Diese Einstellung gegen Beton teilten wir in den Achtigern, als das Waldsterben in aller Munde war. Dank leidenschaftlichen Sammlern im Internet ist nun die entsprechende Bezeichnung für Architektur mit Beton in Umlauf gekommen, nämlich: Brutalismus.
Wie passend. Ein anderes Wort für Hässlichkeit, möchte man meinen. Aber ich sehe in diesem Wortgebilde etwas noch viel Schrecklicheres oder Brutaleres, das dieser Bezeichnung von einer ganzen anderen Seite her gerecht wird. Dazu muss ich etwas ausholen. Mit Hässlichkeit lässt sich immerhin mehr recht als schlecht leben. Gerade bei Beton teilen viele Menschen darüber hinaus die Erfahrung einer drastischen Veränderung ihrer Gewohnheit, zu der niemand ihre Zustimmung eingeholt hat. Das kann verbittern. Diese Erfahrung hängt nicht am Beton allein, denn heutige Architekturen, die vor allem Innenstädte verdichten, lassen Beton hinter sich, soweit es die Aussengestaltung anbetrifft, gleichwohl stossen sie persönliche Gewohnheiten vor den Kopf.
Le Corbusier jedenfalls war vom Beton begeistert. Wer hätte je gedacht, dass man Mauern einfach giessen kann, anstatt Steine aufeinander zu türmen. Die Statik war bekannt, die beinahe freie Gestaltung der Gussform setzte für die Architektur eine Unzahl neuer Möglichkeiten frei, die zu beschreiben fast unmöglich ist, wenn man sich zum Beispiel die Geisel-Bibliothek in La Jolla, Calfornien von 1970 ansieht. Die Unterfütterung mit Stelzen verweist auf Le Corbusier. Dazwischen sind die verglasten Raumwürfel so eingebaut, als hätte man eine Handharmonika aufgezogen. Trotz seiner Begeisterung scheint sich Le Corbusier allerdings nur gedämpft dieser neuen Möglichkeiten bedient zu haben, wenn man die zahllosen Beispiele von Brutalismus zum Vergleich nimmt, die derzeit die Reels fluten. Demnach erscheint der Brutalismus als eine Orgie ungeahnter Möglichkeiten, die von einer neuen Technik auf einen Schlag freigesetzt wird. Der Katalog brutalistischer Gebäude mutet an wie ein Kuriosentätenkabinett, bei dem sich alle punkto Ideenreichtum überbieten.
Was mich dabei beschäftigt, ist viel allgemeiner, als zunächst vermutet: Eine neue Technologie setzt neue Möglichkeiten frei, die auf Anhieb offenbar sind. Ein ganzer Möglichkeitsraum öffnet sich. Dieser Raum wirkt wie ein Sog auf all jene, die sich von diesen Möglichkeiten einen beträchtlichen Nutzen errechnen. Wer aussen vor bleibt, da er oder sie zufällig kein Interesse daran hat, sieht gerne Raffgier am Werk und mahnt zu Mässigung oder gar Einstellung dieser überstürzten Vorhaben.
Das ist leicht geurteilt. Womöglich allzu leicht. Bei allem, was wir tun oder unterlassen, erleben wir uns als souveräne Urheber davon. Seit Menschengedenken versteht es sich von selbst, dass wir als menschliche Akteure von der Natur wie abgekoppelt vorgehen, auch wenn wir uns nicht selbst hervorgebracht haben, sondern eben die Natur. Oder das Leben. Daher beurteilen wir einander moralisch sehr empfindlich. Die Überzeugung unserer besonderen Souveränität widerspricht jedoch dem wissenschaftlichen Weltbild, wonach alles in Zeit und Raum kausal vernetzt ist. Demnach hängt alles nach Ursache und Wirkung, nach Grund und Folge zusammenhängt. Das Eine geht aus dem Anderen hervor, notwendig oder hinreichend. Ein Impuls, der ohne Ursache in die Welt funkt und so eine Kette von Folgen auslöst, ist wissenschaftlich ausgeschlossen. Der Theorie nach müssten wir ihn für göttlich halten. Was immer wir tun und unterlassen, geht also nach Grund und Folge aus dem Leben hervor.
Das heisst, was immer wir tun oder unterlassen, tut oder unterlässt auch das Leben selbst.
Es könnte genauso gut der Fall sein, dass wir bei allem, was wir souverän entscheiden und ausführen, vom Leben in Dienst genommen sind, ohne dass wir dies bemerken. Und wo immer wir auf das Leben blicken, zeigt sich, dass es Möglichkeitsräume flutet, sobald die sich öffnen. Wie eine Katze, die sofort in einen Raum schlüpft, sobald die Tür auch nur einen Spalt breit aufgeht. Nirgends gibt es ein Halten. Genauso greifen Akteure zu, wenn man auf einmal Mauern als Beton giessen kann. Sie reizen neue Möglichkeiten aus. Und zwar naturgemäss bis zur bitteren Neige.
Wer dies verurteilt oder mit Argwohn sieht, muss sich die Frage stellen, wie man andere dazu bringt, dass sie diesem verheissungsvollen Sog widerstehen.
Das hat nur dann etwas Brutales an sich, wenn man die Flutung von Möglichkeitsräumen als rücksichtlos erlebt. Neues verdrängt Altes, früher oder später. Da sind immer Opfer im Spiel, auch wenn das Beispiel Brutalismus harmlos erscheint.
Unser Leiden etwa an der Hässlichkeit und Wucht von Brutalismus verringert oder verändert sich, wenn wir das Leben als eigentlichen Akteuren erkennen.
Zum Schluss noch einmal Le Corbusier, der eher gemässigte Brutalist: Die Allgemeinheit lässt drastische Veränderungen zu, wenn auch zum Teil widerwillig, etwa durch brutalistische Architektur, jedoch keineswegs beliebig. So schlug Le Corbusier vor, man solle Städte entkernen und die Häuser auf Stelzen bauen, sodass sich das öffentliche Leben mit viel Licht, Luft und Grün unterhalb der Bauten abspielt. Mit diesem Ansinnen hatte er nirgends Erfolg.


Kommentar verfassen