Ein paar Gedanken anlässlich Corona: Ökos oder Hippies, allgemein Naturverbundene geben sich derzeit besonders kämpferisch. Sie sehen Verschwörungen am Werk. Wie begegne ich ihnen, wenn nicht einfach nur auf zwei Metern? Ihre Naturverbundenheit gilt für mustergültig. Zu ihrem Verhaltenscodex gehört es zwingend, dass sie Stoffe ablehnen, die künstlich hergestellt sind. Also steht fest, dass sie Chip und Impfung verweigern, sollten diese einmal flächendeckend geboten sein. Womöglich wird die Corona-Krise die moralische Einstellung dieser Aussteiger oder Umsteiger bestätigen. Das ändert nichts daran, dass sie das Leben falsch verstehen.

Ich weiss: Wenn man eine Ansicht für richtig erklärt und alle anderen als falsch vom Tisch fegt, lehnt man sich weit aus dem Fenster. Also passe ich meine Behauptung an, vorsichtshalber: Ich vermute, Naturverbundene verstehen das Leben falsch. Das ist zwar geflunkert, gibt sich aber friedfertig. Schliesslich weiss ich nie, ob ich über sämtliche Kenntnisse verfüge, die für ein Nachdenken über das Leben einschlägig sind. Das ist ziemlich sicher nie der Fall.

Auch was das Virus selbst betrifft, das uns zusetzt, wird unter Naturverbundenen der Verdacht geteilt, es handle sich um eine künstlich erwirkte Kreuzung eines Corona-Abkömmlings mit dem Aids-Virus. Fachleute bekräftigen diesen Verdacht, andere widersprechen. Auch verweisen sie darauf, dass eine ganze Gesundheitsindustrie ins Stottern geraten ist, da wir mittlerweile zu gesund leben. Auch dies bleibt nicht unwidersprochen. Der Bedarf von unten nimmt ab. Daher werden Massnahmen angestrengt, die von der Spitze her Notwendigkeiten schaffen. Eine weltweite Impfkampagne zum Beispiel würde die Kassen füllen. Vielleicht geniesst die Gesundheitsindustrie wie das Bankenwesen das so genannte Grössenvertrauen. Das bedeutet, dass dieser Wirtschaftszweig um jeden Preis am Leben erhalten wird. Das liegt daran, dass er den gesamten Baum schädigt, wenn er abbricht. Die Weltwirtschaft dient dem Gemeinwohl. Früher gab es Nationalökonomien, die das Volkswohl im Auge hatten. Nun ist es leider der Fall, dass Volkswirtschaften besonders schnell an Katastrophen gesunden, so paradox das erscheinen mag. Der Vietnamkrieg steht beispielhaft dafür.

Also wird das Gemeinwohl kurzfristig geschädigt, damit es langfristig gesichert ist.

Dieser Widerspruch mag für Ökonomen kein Problem darstellen, wenn auch nicht nach dem Grundsatz, dass das Leben den Tod einrichtet, damit es sich immer wieder auffrischt. Sie befolgen bloss die nüchternen Ergebnisse ihrer Kalküle. So will es zumindest das Idealbild, das von ihnen geläufig ist. Unter Menschen aber, die an der kurzfristigen Schädigung leiden, ohne dass sie ihr Einverständnis dazu gegeben hätten, wirkt dieser Widerspruch zündend. Die Französische Revolution entlud sich auch deshalb, da man das Paradox einsah, dass der König gegen das Volk seine Macht richtet, die er ursprünglich von eben diesem Volk anvertraut bekommen hat.

Alles, was Grössenvertrauen geniesst, sodass auch paradoxe Mittel zulässig sind, gibt den Naturverbundenen Recht. Denn sie verzichten auf den Wohlstand, der durch kurzfristige und vorsätzliche Schädigung des Gemeinwohls erhalten bleiben soll. Der Verdacht besteht, dass die Coronakrise genau diese Aufgabe erfüllt.

Auf den Punkt gebracht bezwecken die Verschwörer die Reduktion der Weltbevölkerung. Zur Verbesserung der Menschheit. Als Gesamtorganismus.

Ein Neo-Sozialdarwinismus ist folglich hier am Werk. Andere sprechen von Neo-Imperialismus. Beides passt ausgezeichnet. Das Böse schlechthin ist klar verortet: Gezüchtetes Virus, seine Freisetzung, private Milliardenspenden an Stiftungen mit Eingriff in deren Geschäfte, später dann die Zwangsmassnahmen, womöglich zur Einschränkung der Bürgerrechte und so fort. Falls dieses Szenario insgesamt zutreffen sollte, stehen wir alle sofort als Gutmenschen da. Und einmal mehr besteht Anlass, das Menschengeschlecht als Übel in Grund und Boden zu verwünschen. Eigentlich nichts Neues. An Bösem dieser teuflischen Tragweite liefert die Geschichte Beispiele genug.

Wie schlecht wir Menschen doch sind. Diese Klage lässt sich seit je vernehmen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die menschliche Art mit zum Leben gehört. Mit allen ihren Eigenschaften, so bedenklich sie sein mögen. Die Natur hat für diese Lebensform gesorgt.

Wir nicht.

Und unser Einfluss auf uns selbst gelingt nur, da uns das Leben mit der nötigen Eigenschaft ausgestattet hat. Nennen wir sie Selbstreflexion, Selbstregulierung, Moralität oder ähnlich. Wie kann man eins bleiben mit Mensch und Leben, wenn sich dies alles bewahrheiten sollte, was zur Corona-Krise hintergründig vermutet wird? Wenn also das weltweite Gemeinwohl unter Inkaufnahme drastischer Opfer für kurze Zeit geschädigt wird, damit es zugunsten einer Handvoll Menschen eine beschleunigte Evolution durchläuft? Es verbietet sich, einfach die Schultern zu zucken. Schlicht aus Achtung vor denjenigen, die das Leben kreuzigt und verscharrt. Mit Kreuzigung meine ich nebst der christlichen Bedeutung den Vorgang, dass man ein Stück Leben planmässig und zielsicher hinrichtet.

Es wird ausgebreitet und fixiert. So lässt sich das Fadenkreuz darauf richten. Mit Sorgfalt und in aller Ruhe.

Präzise also. Aber es muss nicht gleich Tötung bedeuten.

Sollte diese verruchte Bosheit zutreffen, ändert sich an meinem Menschenbild gleichwohl nichts. Oder an meinem Lebensbild, sofern es das gibt. Das liegt nur vordergründig daran, dass ich mich weigere, über den Abschaum Mensch zu klagen, nur weil eine Elite angeblich Machenschaften spinnt. Diese Weigerung gelingt mir wiederum nur deshalb, da mich das Leben bislang vor massgeblichem Elend verschont hat. Und zwar durch Zufall.

Vielleicht leiste ich mir deshalb die Ausgefallenheit, das Ganze zu denken.

Oder es zu versuchen. Denn das Ganze bleibt undenkbar.

Das Ganze heisst: Mensch, Natur, Gutes und Böses als Einheit. Das Leben überhaupt, das alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, damit die menschliche Intelligenz zur Welt kommt. Ohne unser Dazutun. Die Corona-Krise gibt Anlass genug, dass man sich erneut der Frage stellt, was das Leben sein könnte. Wenn wir jedoch das Leben als Ganzes befragen, steht uns ein weiteres Hindernis im Weg: Wir sind immer moralisch befangen. Für uns gilt die Sortierung nach Gut und Böse. Aber das Leben liegt jenseits davon. Die Religionen lehren uns, das Böse auszugrenzen. Damit scheitern sie am Ganzen. Mir ist keine bekannt, die das Böse in die gesamte Ordnung einbezogen sieht. Denn die Ganzheit über Gut und Böse hinweg wirft Probleme auf: Die Schlange mit ihrer Verführungskunst sowie die ersten Menschen mit ihrer Schwäche, ihr zu erliegen, verweisen auf einen Schöpfer, der entweder Fehler begeht, weshalb auch seine Schöpfung unvollkommen und daher alles Böse entschuldigt ist. Oder er hat es als besondere Wirkungsweise vorweg eingeplant. Auch diese Annahme würde uns nötigen, das Böse anders zu sehen.

Die Herausforderung, diese schwierige Einheit zu begreifen, steht noch aus. Auch die Wissenschaft lässt aus klaren Gründen die Finger davon, das Ganze beschreiben zu wollen.

Verbrechen und Moralität sind Gangarten des Lebens auf einen Zweck hin, der uns unbekannt bleibt. Das Ja zu Möglichkeiten unter allen Umständen genauso, wie das moralische Nein, das empfindlich darüber wacht, welche Möglichkeiten wir wozu in Anschlag bringen.

Naturverbundene haben eine Ganzheit vor Augen, die von Fehlern wie künstlichen Stoffen bereinigt ist. Unter ihnen findet keine Debatte darüber statt, ob sie zur Natur gehören. Klarer Fall, nein. Mir dient dieses Beispiel handlich dazu, das Ganze aufzuzeigen, das Mensch und Natur verbunden hält. Das heisst, die strikte Trennung natürlich gewachsener Stoffe von synthetischen lehne ich ab. Synthetik bedeutet nämlich, dass wir Stoffe auseinanderlegen, gewisse Bestandteile herausfiltern und diese dann anders zusammensetzen. Dieser Vorgang kommt aber durchwegs in der Natur vor. Bienen machen genau das, wenn sie Honig herstellen. Selbst die Pflanze filtert Licht, Wasser und Nährsalze aus ihrer Umwelt und stellt Fruchtzucker her. Fotosynthese stellt sehr wohl eine Form der Synthetik dar. Man könnte einwenden, der Blütenstaub sei auch von der Natur dazu vorgesehen, dass Insekten sich an ihm gütlich tun, damit die Bestäubung erfolgt. So gibt es Nahrungsquellen, die vom Leben als Erstes zum Verzehr gedacht sind. Wie Nüsse oder Früchte. Gandhi ist bekannt dafür, dass er nur Nahrungsmittel genossen hat, die das Leben eigens dafür bereithält. Dennoch kommen auch in der Natur Fleischesser vor, die Muskeln verzehren. Gewebe somit, das in erster Linie zur Fortbewegung gedacht ist und nicht zur Sättigung anderer Lebensformen.

Die Zweckentfremdung, die wir begehen, wenn wir künstliche Stoffe anfertigen, kommt in der Natur zuhauf vor. Sie gilt sogar als Motor der Evolution. Genauso wie Egoismus und Altruismus Motoren oder Gangarten des Lebens bedeuten, die für uns streng nach Gut und Böse sortiert sind, jedoch beide das Leben vorzüglich voranbringen.

Einmal mehr, selbst im Zuge dieser Krise sehe ich uns Menschen kaum als Beherrscher des Lebens. Das Virus lehrt uns das. Eher sind wir, wie vieles andere nur Mittel des Lebens, dass es einen Weg zurücklegt, der sich unserer Kenntnis entzieht.

Und sollten die bösen Choreografen der Corona-Krise uns beherrschen, erfüllen auch sie bloss eine Gangart des Lebens, sofern sie damit Erfolg haben.

Welche Massnahmen zur Anwendung gelangen, ob sie nun sozial verträglich sind, oder verrucht und bösartig, dürfte für das Leben nur zweitrangig von Bedeutung sein.

Wenn überhaupt.