Wie kommt es, dass Heranwachsende keine Streiche mehr spielen? Im Gasthof Landhaus zu Schönenbaumgarten erzählten mir die Alten, wie sie damals zu ihrer Schulzeit einmal ein paar Frösche durch eine Mostpresse gedreht hatten. Lebend, versteht sich. Die Maschine gehörte dem Lehrer persönlich. Ohrfeigen bekamen sie verpasst oder das Lineal auf die Finger geklopft, zu Hause wie im Schulzimmer. Natürlich hatten sie die Presse zu säubern. Dann aber war die Sache gegessen. Sie kam nie wieder zur Sprache.

Schläge gibt’s nicht mehr. Heute hätte ein vergleichbarer Streich stattdessen zahlreiche Gespräche zur Folge. Mit dem Lehrer. Mit dem Schulsozialarbeiter. Mit den Eltern. Mit den Eltern und dem Lehrer. Mit dem Lehrer und dem Schulsozialarbeiter. Mit allen zusammen. Emails würden hin und her geschickt, Protokolle machten die Runde, Vereinbarungen würden getroffen und unterschrieben. Von den Eltern, vom Lehrer, natürlich vom Kind, damit es sich in seiner Selbstbestimmung angesprochen fühlt. Vielleicht würde ein Psychologe hinzugezogen. Die Behörde müsste Kenntnis davon bekommen, wobei erst abzuklären wäre, wiederum unter mindestens sechs Augen, inwieweit sie einzubeziehen sei. Und die Sache ginge einfach nicht wirklich vergessen. Es wird soviel geredet, dass der Vorfall zwangsläufig immer wieder zur Sprache kommt. Als Beispiel zum Vergleich, als Hinweis.

Also lohnen sich Streiche nicht mehr. Es ist löblich, wenn man Gespräch führt, statt dreinzuschlagen. Dass diese Methode jedoch einen stärkeren Abschreckungseffekt haben würde, sollte manchem Gutmenschen unter den Erziehern, die alles immer so spannend finden, hoffentlich zu denken geben. Die Jungs von damals müssten sich zum Beispiel die Frage gefallen lassen, was genau sie dabei gefühlt hätten, als sie die Frösche in der Presse zerdrückten.

Smarte Zwänge wie solche Gespräche sind regelrecht in Mode gekommen. Das Management einer Krankenkasse beraumt Care-Gespräche für Mitarbeiter an, die öfter krankheitshalber ausfallen. Das will ausdrücklich als Fürsorge verstanden sein. In einem lockeren Gespräch erkundigt sich der Vorgesetze über die Umstände der Ausfälle, damit geholfen werden kann. Es dürfte kaum verwundern, dass seit Inkrafttreten dieses Angebots die Absenzen zurückgehen. Besonders jene an Freitagen oder Montagen.

Auch Lernziele gehören zu Einrichtungen dieser Art. Sie dienen der Selbstständigkeit der Schüler. Ihr pädagogischer Wert gilt unbestritten, auch wenn vergessen geht, dass zum Beispiel die Generation, die vor einigen Jahrzehnten für die Hochkonjunktur verantwortlich war, kein einziges Lernziel kannte. Wie auch immer. Lernziele greifen ebenso in die Arbeit der Lehrkraft ein. Je genauer sie verfasst sind, das heisst, je mehr Angaben sie zu den Umständen enthalten, unter denen die Prüflinge ein bestimmtes Können messbar vorzeigen, desto eher regeln sie die Arbeit der Lehrkraft bis hin zur Disziplinierung. Lernziele dienen genauso der Qualifizierung von Lehrkräften. Was gilt nun? Pädagogischer Wert oder Disziplinierung? Egal, wer immer eine Deutung vorzieht, hat sie auch zu verantworten.

Es wäre naiv zu meinen, eine Gesellschaft könne irgendwann ganz auf Druck verzichten, während ihre Versorgungssysteme selbstverständlich rund um die Uhr auf Hochtouren laufen. Von Anpassungsdruck ist die Rede. Früher wurde geschlagen, gedroht und beleidigt. Nun wirken smarte Zwänge, die so gar nicht auf der Hand liegen. Ihre erstaunliche Wirksamkeit verrät vielleicht, wozu sie eigentlich gedacht sind.

Der Druck soll aus der Struktur selbst kommen, nicht mehr von Mensch zu Mensch. Ein solches faschistoides Benehmen gehört wirklich der Vergangenheit an. Ach so, dann haben wir ja einen Fortschritt zu feiern.