Europa schottet sich vor Menschen ab, die Vetternwirtschft und Klimawandel nach Norden treiben. Welche Politik soll das richten? Rechts gegen Links verschanzt sich in alten Gräben. Stattdessen sollte man neurobiologische Befunde zur Kenntnis nehmen sowie Einsichten der Gerichtspsychiatrie, die ein ernstes Wort zur Sache beisteuern.

In Europa wie in Übersee färben Rassismus und Rechtspopulismus zunehmend ihre gemässigten Varianten, die da lauten Nationalismus oder Traditionalismus, sprich Patriotismus, wie Trump es nennt. Abschottung gegen Empfang und Umverteilung. Eben Rechts gegen Links. Die Linke empört sich über die völkische Rückständigkeit der Rechten. Diese wirft ihr Überheblichkeit vor und Missachtung. Auch unterstellt sie ihr verdeckte Bevorteilung, da sie eine weltweite Vernetzung pflegt, die nicht über jeden Zweifel erhaben ist, wie es der vergangene US-Wahlkampf zutage förderte.

Die Neurobiologie hat deshalb ein Wort mitzureden, da sie erwiesen hat, dass selbst Gutmenschen rassistisch reagieren, wenn sie Andersfarbigen begegnen.

Der Reflex spielt sich dumpf im Gehirn ab, allerdings nur solange die Begegnung harmlos verläuft. Geht’s ans Eingemachte, übernimmt er die Führung: Eine Bekannte von mir, eine bekennende Multikulturalistin, kam infolge drastischen Nasenblutens in Behandlung. Der Notarzt war Inder. Wie er ihr Watte in die Nasengänge schob, setzte sie sich heftig zur Wehr. Das fiel nicht weiter auf, da der Eingriff doch intim war und schmerzhaft. Sie jedoch gestand beschämt ein, es habe daran gelegen, dass der Arzt farbig war.

Unsere Natur ist rassistisch. Im Notfall. Das gilt es anzuerkennen. Die Linke aber wird diese Einsicht zurückweisen, da sie der Rechten nach ihrem Dafürhalten wohl zu viel Verständnis entgegenbringt. Sie übersieht, dass auch indigene Völker, die wir als besonders naturnah verkennen, untereinander sich abschotten. Im Konfliktfall üben auch sie wenig Nachsicht. Die Abschottung muss eine natürliche Aufgabe haben. Die Frage ist, ob wir Menschen es einfach dabei belassen. Daher beruft sich die Linke zurecht auf den Anspruch, den wir überhaupt an eine so genannt zivilisierte Person stellen, nämlich dass sie einen Reflex im Zaum hält, wenn er sie zu Übergriffen verleitet.

Wie macht man das? Immerhin stellen Gerichtspsychiater klar, dass auch Gutmenschen sehr wohl ihren Zerreisspunkt haben. Das Leben kann jeden an den Punkt führen, wo er übergriffig wird, betonen sie. Ihre Einblicke in Menschen förderten Manches zutage, jedoch viel Denken sei da nicht zu finden. Und die Neurobiologie ergänzt, bei jeder Form von Gewalt handle die Täterschaft aus Verteidigung. So schlussfolgert sie aus den Daten ihrer Messungen. Das erklärt den Übergriff, entschuldigt ihn aber nicht, wie viele sogleich befürchten mögen. Es bleibt Sache der Justiz, den Grad an Schuld zu ermitteln.

Wer allgemein erwartet, dass wir unsere Reflexe unbedingt beherrschen, hat offensichtlich seinen eigenen Zerreisspunkt noch nicht kennen gelernt.

Und wahrscheinlich ist es der Fall, dass auch ganze Völker ihren Zerreisspunkt haben. Das lässt sich beispielhaft an der Türkei ablesen, die unter dem Druck des Syriendesasters zwischen Tradition und Moderne, zwischen sunnitischer und europäischer Kultur zu zerfallen droht. Wer aber ermittelt diesen Zerreisspunkt, wenn Zuströme von Migranten nach Europa drängen? Wer befindet darüber, er sei jetzt gegeben? Das lässt sich kaum schlüssig bestimmen, da er erst dann klar zutage tritt, wenn er überschritten wird.

Die Zunahme an Bekennern rechtspolitischer Agitation gründet also in einem natürlichen Reflex. Vielleicht wird man irgendwann im Rückblick bei diesen Vorgängen, die uns wohl auch noch bevorstehen, von einer spättierischen Phase der Menschheit sprechen.

Von einer Art Postanimalismus.

Mit Einsicht ist dem nicht beizukommen. Denn beide Seiten erwarten Einsicht von ihrem Gegner und bekommen sie nicht. Wie auch sollen wir einem natürlichen Reflex Herr werden, der uns angeboren ist? Man bedenke, selbst Hunde lernen das, in der Blockwohnung genauso, wie im Rudel in freier Wildbahn. Vielleicht sind sie darin sogar zuverlässiger als wir Menschen. Bei uns kommt viel Überlegung dazu, sodass man irgendwann Reflex und Denke gar nicht mehr unterscheiden kann. Die abertausend Wenns und Abers, die wir nüchtern kalkulieren. Einsichten, die uns förmlich befallen. Hinter ihnen lauert auch nur Todesangst.

Immer wieder flammen rassistische Unruhen auf. Krisenherde wie die Vereinigten Staaten oder Südafrika schwelen fort. Angeblich dulden Japaner in Sachen rassischer Reinheit selbst heute keine Nachsicht. Ihr Rassismus fällt nur nicht so auf. Europäer wollen keine Afrikaner unter sich haben. Und angepasste schon gar nicht. Das ist jedenfalls die Erfahrung der Hebdo-Attentäter. Auch einige von Trumps Wählern sind überzeugte Rassisten. Übernimmt dieser Reflex gehäuft die Führung, finden die Leute in ihren Ängsten zusammen und bestätigen und bestärken sich gegseitig in dieser Normalität. Sie verständigen sich darüber, die Lage werde nun überstrapaziert, sie gründen Parteien, gehen auf die Strasse. Man gewinnt tatsächlich den Eindruck, ein Organismus von Völkerschaften durchlaufe in Reaktion auf den Zustrom von aussen eine Art chemische Veränderung zur Abwehr. Seine Natur bildet Braunes aus oder ähnlich. Wie hört das auf, wenn wir uns dieser Natur nicht tatenlos überlassen wollen?

Ganz einfach: Indem die Rassen sich bewusst vermischen.

Dann gäbe es nur noch Mischlinge ersten bis mehrfachen Grades. Was genetisch betrachtet schon immer der Fall war. Streng genommen ist rassische Reinheit biologischer Unsinn. Und es war ja die Biologie, die diesen Begriff hervorgebracht hat, als die genetische Ausstattung der Lebewesen bloss zur Vermutung stand. Dennoch könnte die UNO einen Fond gründen, der gemischtrassige Familien begünstigt.

Auch Traditionen und Religionen liessen sich handlich auf einen Nenner bringen, wenn es denn sein muss. Der üble Streit zwischen ihnen entbrennt sich an Einzelheiten in der Ausprägung. Darüber, was ein Gutmensch sein soll, sind sich alle einig, nur merken sie es nicht.

Mischlinge sind Menschen der Zukunft. Sie werden dafür sorgen, dass dieser rassistische Reflex einschläft.

Damit würden sie diesem unsäglichen Postanimalismus ein friedliches Ende bereiten.