Bei mir erhärtet sich zunehmend der Eindruck, dass wir Menschenkinder tiefer in der Natur stecken, als wir für wahrhaben wollen. Dass wir Natur sind! Heute noch. Oder gerade heute, wo erneut Stammeslogik weltweit eine universalistische Haltung mit Füssen tritt.

Nach gängiger Auffassung sind wir dann der Natur unterworfen, wenn wir unsere Gefühle schlecht beherrschen, wenn wir atmen, verdauen, Lust suchen, Schmerz vermeiden, krank werden, Geburt und Tod. Diese Liste ist unvollständig. Mit Blick auf natürliches Gruppenverhalten ist leider einzusehen, dass wir auch dann der Natur unterworfen sind, wenn wir die Gruppe, die unser Überleben absichert, mit allen Mitteln verteidigen. Bis aufs Blut. Wir sind dann haargenau mit Rudeln oder Schwärmen vergleichbar, die um Futtergründe streiten. Am besten indem wir die Gruppe auslöschen, von der wir uns bedroht fühlen. Am besten mit einer Art Rundumspray namens Faschismus. Das betrifft auch die Gesinnung, die wir mit anderen teilen, wenn wir sie zur Ideologie schärfen.

Und das passiert gerade. Wahrscheinlich wird es zunehmen.

Wer dafürhält, wir seien aus der Natur entlassen, verfolgt ein ernstes Anliegen. Diesen Leuten geht es um Wahlfreiheit, die wir angeblich haben, und damit um Verantwortung. Das hat eine Kehrseite, die erst dann hervortritt, wenn unsere Wahlfreiheit in Zweifel gezogen wird. Verantwortung bedeutet nämlich Haftbarkeit. Und Haftbarkeit schafft Sicherheit. Darum geht es meiner Meinung nach, um nichts weiter.

Sicherheit aber ist ein natürliches Bedürfnis.

Diese hintergründigen Kehrseiten lauten in der Abfolge ihrer Aufdeckung wie folgt:  Wahlfreiheit, das ist die schillernde Oberfläche moderner Aufklärung. Dahinter lauert Verantwortung, diese verdeckt Haftbarkeit, die wiederum naturrreine Sicherheit blosslegt. Ehrlicherweise müsste man die Abfolge umdrehen. Alles beginnt bei Sicherheit, die Wahlfreiheit ist bloss ein Sahnehäubchen davon. Ich müsste zugeben, dass ich einfach nur sicher sein möchte. Daher verlange ich die Haftbarkeit aller. Also ist allen Verantwortung zuzusprechen. Und das setzt notwendig ihre Wahlfreiheit voraus, ob sie nun tatsächlich zutrifft oder nicht.

Beinah täglich höre ich Menschen die Menschheit als Katastrophe verwünschen. Ausgerechnet bei uns und nur bei uns soll die Evolution einen Irrweg eingeschlagen haben. Diese Kritiker schwärmen sonst von der Natur in ihrer wundersamen Perfektion. Nur bei Menschen soll sie sich vertan haben.

Daraus folgt, sie ist mangelhaft, denn sie hat uns Menschen hervorgebracht.

Das wäre die eine Schlussfolgerung, die sich notwendig davon ableitet. Die andere ist genauso unangenehm:

Unser menschliches Verhalten, wie immer wir es beurteilen, gehört mit zu dieser Perfektion der Natur.

Um es deutlich zu sagen: Die wunderbare Natur will, dass das raffgierige und selbstsüchtige Raubtier Mensch zur Welt kommt.

Ich teile diese zweite Schlussfolgerung. Man beachte die erheblichen Mühen, die die Natur unternimmt, damit die menschliche Intelligenz, dieses verklumpte Fett von Gehirn zur Welt kommt: Das Becken der Frau ist im Vergleich zu Primaten unnatürlich verbreitert, wegen der Gebärfähigkeit für diese schiere Grösse. Daher hat die Natur auch die männliche oder sonstwie geschlechtliche Reizbarkeit für diese Anomalie gewährleistet. Unser Schädelbereich bringt zigfach mehr Energie hervor als eine Handvoll Sonne. Wir würden dauerhafte Hitzschläge ausstehen, hätte die Natur nicht für ein System gesorgt, das Wärme aus der Schädelzone ableitet. Die menschliche Kindheit verläuft überlange im Vergleich zu anderen Primaten, bis es zur Geschlechtsreife kommt, denn je mehr eine Lebensform von ihrer Umwelt versteht, desto eher ist sie in ihrem Aufwachsen auf Pflege angewiesen. Verständlich auch, dass diese Lebensform mit Erkenntnisüberschuss dringend ihr Gehör auf eine Instanz hin ausrichtet, die ihr Tun und Lassen rund um die Uhr beobachtet und bewertet. Sei das nun Gott oder das Über-Ich. Diese Totalüberwachung bietet uns Sicherheit. Vor anderen?

Eher vor uns selbst.

Wir erleben uns als Urheber von all dem, was wir tun, was wir unterlassen. Daher zählt Verantwortlichkeit klarerweise zu unserem Selbstverständnis. Ein Gedanke taucht auf, dank dem wir eine Absicht fassen. Eine jähe Einsicht beschert uns ein Aha-Erlebnis von Null auf Hundert. Als käme aus dem Nichts, was uns da auf einmal bewegt. Wir stehen auf und handeln.

Das bedeutet im Grunde, dass das Leben aufsteht und handelt. Oder woher stammt das immense Erbgut, das meine souveräne Person ausmacht?

Dieses Erleben, wir agierten aus dem Nichts, leuchtet spielend ein, doch die Wissenschaft widerspricht ihm. Demnach zerfällt der Gesamtkosmos in Kausalketten. Nichts geschieht ohne Ursache, nichts ohne Grund, kein göttlicher Funke, der voraussetzungslos sämtliche Kausalfolgen in Gang brächte, die die Welt ausmachen. Mich bewegte schon immer der Verdacht, dass die Verantwortlichkeit, die uns die Moderne zurechnet, eine Verkehrung göttlichen Funkens in die Intimität eines menschlichen Phänotyps bedeutet. Aus alter Sicht eine Gotteslästerung schlechthin.

Dabei will die Moderne eben nur die Haftbarkeit jedes Einzelnen, indem sie ihn für frei erklärt und damit als zurechnungsfähig für Verantwortung.

Kein König mehr, keine Gruppenherrschaft mehr.

Das Erleben und damit die Überzeugung, wir beherrschten unsere Einfälle und Einsichten, unsere Absichten und Aha-Erlebnisse, indem wir meinen, wir erzeugten sie aus dem Nichts, belegt womöglich bloss den Umstand, dass wir selbst in Kausalketten stecken, sie mit ausmachen.

Und zwar in Kausalketten der Natur.