Wer radikal vertraut, begibt sich in höchste Gefahr. So die genervte Antwort, wenn man jemanden davon zu überzeugen versucht. Seit Jahren erlebe ich das genaue Gegenteil. Bei diversen Menschen. Radikales Vertrauen verbindet. Es gibt Hilfestellungen für diesen Schritt, aber die sind rein gedanklicher Art.
Wir Menschen trinken Vertrauen wie Muttermilch, wenn wir sie denn bekommen. Wer radikal vertraut, schafft sogar Gemeinschaft. Die Logik dabei ist wie immer einfach: Wer Vertrauen erfährt, fühlt sich als vertrauenswürdig anerkannt. Diesen Zustand verscherzen Menschen höchst ungern. Das nenne ich eine anthropologische Konstante. Davon gibt es viele, auf die abzustützen wäre, etwa bei der Begegnung mit Fremden oder Andersdenkenden.
Wenn diese Person nun miterlebt, dass andere genau wie sie auf radikales Vertrauen ansprechen, sorgt das für eine Art Verbindung unter ihnen. Nicht auf Anhieb, aber durchaus mit der Zeit. Das wäre Gemeinschaft auf der Grundlage nicht von Druck oder Anreiz, sondern auf der Basis einer anthropologischen Eigenart.
Wenn man sich dies vor Augen führt, fällt es leichter, radikal zu vertrauen.
Vorbehalte gegenüber Anderen sitzen tief. Vor Fremden, vor Jugendlichen, vor Andersdenkenden im politischen wie religiösen Diskurs. Immer wieder treffe ich auf Personen, für die entschieden ist, es gäbe Menschengruppen, die derart anders ticken, dass es unmöglich und somit fahrlässig wäre zu vertrauen, sei dies eine bestimmte Ethnie oder eine entfernte Kultur, bei der wir angeblich ausserstande wären, sie zu verstehen. Auch höre ich einen Vater mit Prosecco in der Hand von seinem Sohn sagen, so weit käme es noch, dass er dem Jungen Vertrauen schenke. Diese Abwehr wirkt beinah reflexartig. Ähnlich bei Ekel, etwa wenn wir eine klebrigschleimige Nacktschnecke lieber in der Sonne verdorren lassen statt sie zu berühren.
Leben hat seinen eigenen Stallgeruch, könnte man sagen.
Und es sorgt auch selbst dafür, dass sich diese intimen Eigenarten nicht vermischen. Zum Beispiel durch unser Misstrauen gegenüber Anderen. Die so genannte Biodiversität rührt daher, dass Leben in beinah sämtliche planetarische Sphären vorgestossen ist.
Dabei durchlief es notwendig organische Anpassungen, die es von sich selbst entfremden.
Das ist der Preis für seine unverschämte Flexibilität.
Daher halte ich das so genannte Böse bloss für Leben, dass sich bei seiner Ausbreitung in die Quere kommt. Das zeigt sich bei der blossen Fremdbegegnung sehr deutlich. Lieber suhlen wir uns in unserem Stallgeruch, als dass wir uns vor Augen führen, dass wir bei jeder Begegnung mit Lebendigem das immer gleiche Leben antreffen.
Tatsächlich ist die Grundlage, die dir Sicherheit gibt, um radikal zu vertrauen, die Tatsache, dass es letztlich immer das gleiche Leben ist, dem ich begegne, dem ich vertraue.


Januar 16, 2026 at 7:12 a.m.
Lieber Pascal, Deine Aussagen, aber insbesondere die Schlussfolgerungen kann ich kaum nachvollziehen. Im Gegenteil,nicht bestreite sie! Lass uns mal ein Gespräch führen.
Januar 17, 2026 at 8:02 a.m.
Ich glaube, ich weiss, was du meinst. Wenn jemand funktional eingebunden ist, kann man nicht radikal vertrauen. Etwa ein Polizist gegenüber einem Verdächtigen, ein Manager gegenüber der Belegschaft und umgekehrt. Auch einem Mafiosi oder so darf ich nicht radikal vertrauen, wenn der es auf mich abgesehen hat. Oder einem Journalisten, der unter Druck steht, Auflagen zu generieren. Das muss ich eingrenzen. Ich meinte den pädagogischen Bereich, das stammt aus „Radiales Vertrauen“ 1. Eltern gegenüber Kind, Lehrer gegenüber Schülerschaft. Auch meinte ich Fremdbegegnungen unter Erwachsenen auf Augenhöhe, bei denen man funktional nicht eingebunden ist. Dort ist radikales Vertrauen ein wahrer Schlüssel.