Meine gegenwärtige Klasse besteht aus Jugendlichen mit so genanntem Migrationshintergrund. Ghettokinder, heisst es. Man könnte sie neue Schlieremer nennen. Nach anfänglichen Irritationen darf ich mitteilen, dass kein wesentlicher Unterschied zu den Schweizer Kindern besteht, die vor Jahren unter diesem Namen Lieder löblich zum Besten gaben.

Eritrea, Angola, Serbien, Kosovo, Albanien, Mazedonien, Peru, Sri Lanka, Libanon, Portugal, Italien, Slowenien, Mongolei, Kamerun. Das sind die Herkunftsländer der Familien dieser Klasse. In kultureller Hinsicht ein bunter Haufen. Muslime, Christen, Hindus, Buddhisten. Obendrein wimmelt es wie überall darin von biodiversen Charakteren.
Anfangs bangte ich, ob meine langjährige Art zu unterrichten auch bei ihnen greifen würde. Man hat ja Stimmen im Ohr, die einem weis machen, dieses oder jenes Volk, diese oder jene Kinder wie die Schlieremer seien eben ganz anders. Oder sie warnen scheinbar sachlich vor dieser oder jener Religion.

Das halte ich für blossen Selbstschutz.

Und zwar endgültig, seitdem ich mich in diese Klasse eingelebt habe. Solche Vorbehalte sind Animalismen, die wir vielleicht weniger gegenüber Einzelnen hegen, was wir für zivilisiert halten. Gegenüber fremden Gruppen jedoch ist dieses Abwehrverhalten wie seit Urzeiten unter uns wirksam. Es verroht uns, angeblich aus Pflicht, aus Kalkül gegenüber der Gruppe.

Eigentlich verständlich, da wir Menschen nur in Gruppen überleben.

Fremdenfeindlichkeit jedenfalls hat für mich endgültig jede Sachlichkeit verloren. Sie ist ein Reflex, bei dem man sich anmasst, vernünftig zu sein. Denn diese Jugendlichen sprechen genau gleich auf meinen Unterricht an, genau wie die käsegesichtigen Schweizer, die ich als käsegesichtiger Schweizer über Jahre unterrichtete: Sie öffnen sich bei Wertschätzung. Sie richten sich wie von selbst nach schulischen Ansprüchen, wenn sie spüren, dass ihnen vertraut wird, dass man ernst nimmt, was sie mitteilen. Sie blühen auf bei echtem Interesse in ihre Person. Und sie werden geradezu vertrauensselig, wenn die Lehrkraft zwar ihren Vorsprung an Kenntnis und Erfahrung ausspielt und die Regeln einfordert, ohne dass sie die Jugendlichen gefühlsmässig unter Druck setzt, etwa indem sie sich bei Verstoss beleidigt zurückzieht, ein durch und durch unprofessionelles Verhalten, wenn also die Lehrkraft ihnen trotzdem menschlich auf Augenhöhe begegnet. Als eine Person, die wie sie Angst hat, die sich Sorgen macht, manchmal erschöpft ist, manchmal keine Lust hat und ab und zu genau wie sie das Ende der Lektion vor lauter Kohldampf im Bauch oder infolge sonstiger Unlust kaum erwarten kann.

Diese neuen Schlieremer also mit so genanntem Migrationshintergrund sprechen wie alle Menschenkinder, nicht sofort, aber mit der Zeit darauf an, dass man sich ihnen aufrichtig zuwendet, sprich informell, also ohne die heimliche Absicht, dadurch Unterricht und Bildung zu befördern.

Offensichtlich gibt es doch eine allgemeine Menschennatur, die vor lauter postmoderner Begeisterung für Biodiversität und autopoietischem Individualismus vergessen gegangen ist.