Jede Kultur verurteilt Lügen hart. Vertrauen bricht nachhaltig, man geht auf Abstand. Für Heranwachsende mit Baustelle im Kopf, die öfter notlügen, ist das zu viel an Moralin. Zumal die Erwachsenen, die sie mitunter eng erziehen, nach Strich und Faden Dinge vertuschen, schönreden, verheimlichen. Die Gesellschaft durchzieht ein verästeltes Gespinst von Lügen. Pechschwarz und böse, finden die meisten. Nach anderer Lesart könnte dieses Gespinst aufleuchten wie ein wahrer Christbaum.
Bei einer aufgedeckten Lüge entfällt, dass man genauer hinsieht, die Situation mehrfach durchleuchtet, wie es heute üblich wäre, wenn man Zwischenmenschliches zu klären sucht. Lügen fällt leicht. Zwischen Tür und Angel, wenn auch mehr oder weniger überzeugend in der Begründung. Dieses leicht zu bewerkstelligende Vergehen müsste man also verbieten. Das Verbot, eine Atombombe zu zünden, wäre deshalb unsinnig, da keine Einzelperson dazu in der Lage wäre. Dennoch gibt es kein Gesetz, das Lügen unter Strafe stellt, so simpel leicht sie allen fällt, es sei denn als Meineid vor Gericht. Andernfalls wäre die Justiz völlig überlastet und durch eine Flut von Anzeigen blockiert.
Aus der sachlich dringenden Legalität der Lüge lässt sich ihre Häufigkeit belegen.
Dass wir Lügen als Bosheit schlechthin verurteilen, liegt an einer Phantasie, die Lügnern grundsätzlich unterstellt wird. Diese Phantasie stammt von alters her und ist kaum zu tilgen. Eben aus dem Grund, da Lügen leicht zu bewerkstelligen ist. Wir sehen nämlich eine Person, die, wenn sie lügt, durchaus andere Möglichkeiten zur Verfügung hätte, jedoch aus reiner Bequemlichkeit einen Weg wählt, der anderen schadet.
Genau so bestimmen das Böse, eben als blanke Vorsätzlichkeit.
Diese blanke Unterstellung spielt grundsätzlich unter Menschen. Zwischen Ämtern, zwischen Personen und Ämtern, zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, zwischen Managern und Angestellten, zwischen Intimpartnern, zwischen Nationen, zwischen Kulturen. Überall meinen wir, dass jemand aus einer bequemen Reserve heraus, aus einem Überschuss an Alternativen ausgerechnet diejenige Möglichkeit auswählt, die uns schadet oder unser Anliegen vorsätzlich missachtet, wie etwa beim Lügen.
Diese Unterstellung ist keine Vernunft, zumal Belege eigentlich durchwegs fehlen.
Das ist ein vom Verstand angestachelter Reflex, mehr nicht.
Dazu kommt die fragwürdige Überzeugung, dass immer lügt, wer einmal lügt. Diese überstürzte Schlussfolgerung bedeutet reiner Selbstschutz. Mehr nicht. Wer einmal über den Durst trinkt, dem wird keine notorische Sauferei in alle Zukunft attestiert. Niemand glaubt die Zukunft so gut zu kennen wie Opfer von Lügen. Mit welchem Recht sprechen wir anderen weitere Chancen ab, sich zu bessern?
Lügen sind Notlügen, das meine ich als These aufgrund mehrfach bestätigter Erfahrung. Auch mein eigenes Lügen passt dazu: Eine Schülerin, vierzehnjährig, stürzt ins Schulzimmer, sie bittet mich, gelassen zu bleiben, sie hätten während der Pause den Aldi besucht, die Mutter trackte sie auf dem Handy und entzog ihr das volle Vertrauen. Beinahe zeitgleich poppt ihre Nachricht bei mir auf. Die Tochter erinnert mich an ein, zwei Ausflüge, die wir als Klasse unternommen haben und die uns am Aldi vorbeiführten, wo sie etwas kaufen durften, und sie bittet mich, ihrer Mutter zu erklären, wir seien gemeinsam dort gewesen. Ich weise sie darauf hin, sie müsse mir deutlich machen, was ihr blühe, sollte ich wahrheitsgetreu bleiben. Die Jugendliche senkt den Blick, schüttelt den Kopf und bricht in Tränen aus. Das ist mir Klarheit genug, es gibt nichts nachzuhaken. Wir befinden uns in einem Bezirk, der die Statistik punkto häuslicher Gewalt anführt. Also lüge ich für sie, etwas verwundert, wie entschieden, wie leicht ist das tue angesichts ihres Leids.
Trotz Regelverstoss, über den jeder Lügner klar Bescheid weiss, insonders Jugendliche, sollte man Lügen als Schutzmassnahme begreifen.
Etwas höchst Wertvolles wird vor Schlimmerem bewahrt.
Das zeigt sich beispielhaft an der Serie «Pretty Little Liars». Diese These beschönigt Lüge nicht als Regelverstoss, sie erklärt ihn bloss anders. Wenn ich mir also all die Lügerei als dieses schwarzklebrige Gespinst vorstelle, und mir vor Augen führe, dass jede Lüge etwas besonders Wertvolles, besonders Verletzliches beschützt, da uns das Leben öfters ohne Rücksicht überrollt, wie das mütterliche Tracking im Laden, dann sehe ich dieses Wertvolle in diesem Gespinst überall aufleuchten und die Pechschwärze wunderbar erhellen.
Das macht es zu einem wahren Christbaum.


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