PLL Nie hätte ich gedacht, dass ich mir eine Serie wie «Pretty Little Liars» antun würde. Moongirls Kleine war davon begeistert. Nach dem zeitgemässen Grundsatz, dass man Dinge mit Heranwachsenden teilt, kurvte ich Folge für Folge durch die Problemlabyrinthe einer Handvoll junger Frauen. Mit der Kleinen Charaktere und Vorkommnisse zu beurteilen, macht Sinn für ein ganzes Leben. Erst spät sollte ich einen Gewinn davon abschöpfen, der ganz nach meinen Interessen massgeschneidert war. Ein Dauerthema, wie es der Titel schon anzeigt, sind Geheimniskrämerei und Verlogenheit. Sämtliche Gruppen, auch die Eltern, haben damit zu tun, indem sie Lügennetze ausspionieren, selber welche spinnen oder sich darin verfangen. Auch die Hauptfiguren müssen immer wieder Schummeleien verarbeiten, die in eigenen Reihen vorkommen.

Der Vorteil dieser Serie liegt darin, dass man immer wieder genau mitverfolgt, mit wieviel Ehrgeiz und Spürsinn eine Geheimniskrämerei als Verschwörung angegangen wird, als wäre sie die Bosheit schlechthin. Dann aber, sobald die Sachlage aufgedeckt ist, löst sich alles in Verständnis auf, sodass man, zwar noch leicht ergrimmt, Nachsicht übt und Versöhnung anzeigt. Das wiederholt sich andauernd. Ein einziges Auf und Ab erstreckt sich über sämtliche Staffeln.

Die erste Einsicht, die mich also spät anfiel, besagt, dass wir in erster Linie Geheimniskrämereien bekämpfen, weil man uns davon ausschliesst. Und zwar vorsätzlich und mittels verlogener Tricks.

Dazugehören steht über allem. Diese Eigenart gehört zur menschlichen Grundausstattung. Jedes Geheimwissen weckt Argwohn und reizt an, es aufzudecken, da man eine Elite vermutet, die einen Vorteil für sich bewahrt. Die Serie aber zeigt immer wieder, dass Lügengespinste nur untergeordnet der Ausgrenzung Anderer dienen.

Zuallererst sind sie zum Schutz angelegt.

Und was wird beschützt? Etwas unerhört Wichtiges, zumeist Intimes, das verletzbar oder erpressbar ist. Sein einmaliger Wert bemisst sich schichtweg an der Tatsache, dass man Lügen in diesem Fall nicht nur für erlaubt, sondern für dringend geboten hält.

Die Lüge selbst belegt den Wert des intimen Guts, das sie beschützt.

Wer also Verschwörungen angeht, bestärkt sie in ihrer Schutzfunktion. Warum man Intimes verbirgt, dürfte auf der Hand liegen. Genauer: Warum ist Intimes verletzbar? Erpressbar? Bis zur Französischen Revolution gab es im Volk keine vergleichbare Scham, schon gar keine Verschwiegenheit. Alles wurde ausgeplaudert, alles geteilt, sofort und ohne Rücksicht. Es gab keine Geheimnisse, weder in Familien noch unter ihnen. Geschichten machten frei die Runde, mochten sie noch so abwegig sein. Letztlich läuft es bei diesen Geschichten sowieso immer auf das Gleiche hinaus:

Alles dreht sich um menschliche Bedürftigkeit, die vielfältige Wege nimmt, damit sie befriedigt wird.

Der gute Ruf und seine Sicherung hat zuerst kaufmännische Bewandtnis. Die Verschwiegenheit kommt mit dem Handelsbürgertum. Vertrauen lässt sich kaum so rasch aufbauen wie in einem Klumpen Volk. Man hat ja kaum Monate Zeit, damit man sich handelseinig wird. Tage müssen dafür hinreichen. Geht der schlechte Ruf einer Familie um, kann das solche Vertragsabschlüsse gefährden. Äussere Kennzeichen wie Pünktlichkeit, sauberes Auftreten, Tischmanieren und eben der intakte Leumund der Familie des Verkäufers geraten so zum Richtmass seiner Vertrauenswürdigkeit.

Geschichten wie die der PLL leben von der bürgerlichen Verschwiegenheit. Die Serie bietet weitere Angelpunkte, die sich eignen, diese Geheimniskrämerei anders zu sehen. Sehr oft nämlich werden wir Zeuge, wie unter Beteiligten versprochen wird, dass man eine Wahrheit um jeden Preis für sich behält. Zwar erweist sich die Haltbarkeit dieser Versprechen eher als beschränkt, gleichwohl lässt sich eine solche Verschwörung, von der man sich ausgeschlossen fühlt, dank der Serie völlig anders bewerten.

Nämlich indem man sagt: Hier werden gerade Versprechen eingehalten.

Diese Sichtweise nimmt dem Ausschluss seine bissige Schärfe. Diese Leute, die ich für verschwiegene, bösartige Verschwörer halte, da sie mich ausgrenzen, halten lediglich ein Versprechen ein.

Ich würde sagen, PLL hat in dieser Hinsicht sogar das Zeug zum Lehrstück.