Das Christentum erzählt von Mutter und Kind, von Armut, von Windeln und Krippe, auch von Vater und Kind. Sein Thema ist Verletzlichkeit schlechthin. Wie kommt es aber, dass im Namen dieses zarten Narrativs seit Jahrhunderten so viel Brutalität gegen Angehörige sowie gegen anders Bekennende verübt wurde? Von einer Kriminalgeschichte des Christentums ist die Rede.
Gott Vater organisiert die schwierige Zeugung, er wacht über den heiklen Moment, da die Schwangerschaft gedroht hätte, in soziale Ächtung umzuschlagen, er schützt nach der Geburt die Familie vor Infantizid, schliesslich führt er den willigen Sohn als sein Lamm nach Jerusalem zur Schlachtbank, damit die Erbsünde aufgehoben wird. Soviel bedürftige, schützenswerte Menschlichkeit lässt sich kaum auf den Punkt bringen. Das wäre eigentlich nichts Neues. Jede Kultur, jede Gesellschaft erachtet die Familie als ihr Innerstes, als ihr schützenwertestes Gut. Keine Religion jedoch begründet seine gesamte Theologie darauf. Dieser Umstand erachte ich als Vorteil des Christentums.
Umso mehr fällt die Blutspur auf, die diese Kirche seit Jahrhunderten durch die Menschheit zieht: Zwangstaufen, Dafés bei lebendigem Leib, Kreuzzüge, koloniale Entmündigung und Völkermorde im Namen der Kirche, dazu Kriege um Kriege. Die Inquisition stützte auf Aussagen von Kindern ab, die sie als Spione unter die angeblichen Hexensabbate schickte. Damit brach sie geltendes Recht der Frühmoderne. Nicht zu vergessen der idiotische Judenhass, der noch heute Zionisten taubstumm und rechtsvergessen gegen ansässige Araber meucheln lässt. Im Vergleich zu anderen Bekenntnissen nennt Voltaire uns Christen Henker, Verfolger, Meuchelmörder. In seinen Anmerkungen zur Affäre Calas erzählt er unter anderem die Geschichte vom Rauswurf der Jesuiten aus Japan. Dies geschah aufgrund ihrer Intoleranz gegenüber einheimischen Kulten. Man höre und staune. Von christlichen Theologen ist bekannt, dass sie sich gegenseitig anschwärzen und verteufeln. Das käme indischen Rishis niemals in den Sinn, auch wenn ihre Lehre von anderen abweicht. Die rigide Moral hat manches Christenleben gemartert und verunsichert. Und immer wird mit der Hölle gedroht, mit Qualen auf ewig. Eine bespiellose jenseitige Bestrafung, die zu jedem Verbrechen, das diesseits geschieht, in einem völlig schiefen Verhältnis steht. Streng genommen müsste man die Androhung einer solchen Unverhältnismässigkeit als offensichtliche Widerlegung göttlicher Vollkommenheit erachten.
Allerdings greifen auch andere Religionen zu barbarischen Mitteln, wenn sie sich ernsthaft in Frage gestellt sehen. Doch keine wertschätzt und umhegt menschliche Bedürftigkeit als Blösse schlechthin so deutlich wie es im Christentum geschieht. Dieser Widerspruch fällt schon auf, zumal diese bedürftige Verletzlichkeit sich bis zur Jungfräulichkeit steigern lässt. Ein Häutchen an intimster Körperstelle, das trotz Gebärens erhalten geblieben sein soll. Das weisse, feine Tuch, das Täuflinge hüllt, das Bräute schmückt.
Feinheit nach innen, Sturheit, Brutalität nach aussen. Wie soll man das verstehen?
Hätten wir die Natur in uns tatsächlich überwunden, wie es der angebliche Zivilisationsprozess uns glauben macht, dann gäbe die Feinheit dieses religiösen Programms die klare Stossrichtung vor: Schütze, wertschätze, was schwach ist und so weiter. Evolutionär betrachtet jedoch ist der soziale Feinsinn ein bitter junges Pflänzchen im Vergleich zu unserer stammesgeschichtlich hochdressierten Reflexnatur. Soweit es die Gruppe betrifft, dank der wir überleben, spielt die Natur seit eh und je ihren Machiavellismus munter aus:
Gegen den Feind sind alle Mittel nicht nur zulässig, sondern geboten.
Was Menschen angeht, so gilt, dass du dein Gut über alle Massen verherrlichst, das du in Schutz nimmst, dass du den Feind entmenschlichst, damit du bestmöglich gegen ihn wirkst, ohne dass dein nobles Ansehen Schaden nimmt. Je reiner dein Gut erstrahlt, desto eher wird dein barbarisches Vorgehen zu seinem Schutz vorweg entschuldigt.
Aus meiner Sicht jedoch gibt es keine Reinheit. Das Leben ist ein natürliches Gemisch von allem Möglichen. Makellose Reinheit bedeutet ein platonisches Erbe, das uns eher im Weg steht. Wer eine Reinheit zu verteidigen hat, wie sie das Christentum als schützenswert erachtet, benötigt eine ganze Trickkiste zu ihrem Schutz und Hort. Nicht nur Angriffe von aussen, auch Zweifel von innen sind umso beharrlicher, umso wirksamer abzuwehren.
Religionen mögen Menschen untereinander verbinden, auch wenn sie sich fremd sind, indem sie die gleichen Werte teilen, die gleichen Gebräuche gleich verrichten. Gerne geben sich Religionen universalistisch, indem sie nicht nur den Menschen als solchen, sondern Leben überhaupt für schützenswert erklären. Kommt es jedoch zu Anspannung unter Bekenntnissen, dann zeigt sich, wie tribalistisch, wie stammeslogisch und damit naturverhaftet Religionen heute noch sind. Auch Buddhisten können ihre Kultiviertheit gegen andere beispielhaft vergessen. Bei Christen ist dieser Widerspruch mit Händen zu greifen:
Nun, es ist mit Händen zu greifen:
Je feiner die Botschaft, desto brutaler ihre Absicherung.
Die christliche Botschaft ist Vorzug und Nachteil zugleich. Was sie nach innen verfeinert wie keine andere Religion, verhärtet sie umso mehr nach aussen.
Religionen verbinden sich nicht untereinander, sie meiden sich wie Wurzelspitzen, sie sind tribalistisch, also stammeslogisch bestimmt. Diese natürliche Rückständigkeit zeigt sich an ihrem Verhalten in einer Krise gegen Andersdenke, nach innen wie nach aussen. Das gilt haargenau für das Christentum gleichermassen, das sich gerne für zivilisierter hält als alle Anderen. Also halte ich Religionen nur bedingt für zukunftstauglich, wenn man in Rechnung stellt, dass die planetarischen Verhältnisse sich zunehmend verdichten.
Man braucht nur den moralischen Gehalt von Religionen aus ihren schwierigen, buchstabengetreu überlieferten Narrativen heraus zu sieden und zu filtern, um zu erkennen, dass er bei allen übereinstimmt. Auch deckt er sich mit modernen Grundsätzen der Ethik.
Als europäischer Christ qua Geburt bekenne ich mich daher zu einem Universalismus, der sich an wissenschaftlichen und esoterischen Grundsätzen orientiert, sofern sie Ökologie und Humanismus garantieren, nicht an religiösen oder nur bedingt an ihnen.
Denn im Gegensatz zu diesen sind jene Grundsätze in jedem Fall universalistisch.


Kommentar verfassen