Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das gilt bei Maschinen, nicht bei Menschen. Was kompliziert ist, lässt sich zweckmässig kontrollieren. Was hingegen komplex ist wie Menschen, benötigt mehr Fingerspitzengefühl. Vertrauen wirkt dort Wunder, allerdings nur dann, wenn es radikal ist.

Radikales Vertrauen, wie ich es meine, gilt nicht für Spezialisten von Notfällen und sozialen Brennpunkten wie Polizisten, Ärzte, Militaristen oder Feuerwehrleute. Radikales Vertrauen gehört meines Erachtens notwendig in den alltäglichen Verkehr unter Menschen, wie er eben so dahinplätschert. Radikal zu vertrauen, ist begrifflich ungewohnt zu sagen. Eher meint man, wir vertrauten blind. Vertrauen ist immer blind. Wer sicherheitshalber herumäugt, spendet kein Vertrauen. Die Radikalität verdeutlicht die Entschiedenheit: Ich vertraue um jeden Preis, auch wenn mein Vertrauen verletzt wird.

Das ist gegen die Natur.

Soll ich also auf dieses Vertrauen verzichten? Die Natur erinnert eben zu stark, aus Gründen radikalen Überlebens an Widerfahrnisse, die sich derart in unser Nervensystem einschreiben, dass verletztes Vertrauen sogleich in einen Schutzreflex verkehrt wird. Seit ein paar Jahrhunderten, noch taufrisch also, aber immerhin, reden wir von einer menschlichen Verstandesleistung, dank der wir unsere Natur angeblich im Griff haben. Riecht eine Frau nach Fruchtbarkeit, begatte ich sie nicht vom Fleck weg. Der angeblich zivilisierte Triebaufschub gehört zum täglichen Auskommen unter Menschen. Es gibt also Reflexe, die wir im Griff haben, dafür sorgt nicht nur der Stirnlappen. Der Gruppendruck macht Vieles wett in dieser Hinsicht. Also gibt es Grund genug für die Annahme, wir könnten es schaffen, wider alle Natur radikal zu vertrauen.

Was mich persönlich angeht, so bin ich biografisch bedingt ausserstande zu vorsichtigem Vertrauen, wie man den Gegensatz benennen könnte. Dazu gehört der Einfluss meiner Mutter, die sich noch heute aus Leidenschaft interessiert und zuvorkommend zu anderen verhält, dies aus verschiedenen Gründen, unter anderem auch deshalb, da sie für ihre grundsätzliche Freundlichkeit von einem Augenblick zum anderen üppig belohnt wird. Zu radikalem Vertrauen ist da der Weg nicht weit. Und so hat ihre Art auf mich abgefärbt, sodass ich, seit es mich gibt, aus der Mitte meines Lebens heraus radikal vertraue. Schlimme Enttäuschungen habe ich nicht davongetragen, aber das kann auf Zufall beruhen. Nach dreissig Jahren Unterricht auf diversen Stufen, Mittelstufe bis Gymnasium, sogar zwei akademische Tutorate zählen dazu, nach in etwa sechzig Schulklassen, denen ich als Lehrkraft aufgenötigt worden bin, hat sich radikales Vertrauen als wirksam bestätigt. Dennoch gebe ich keine Ratschläge ab, wie sie heute üblich sind, dass ich etwa betonte, du bräuchtest bloss dies und das zu tun, und innert Kürze würden erwünschte Resultate eintreten. Immerhin kenne ich Frauen und Männer genug, die radikal vertrauen und die gleichen Erfahrungen machen wie ich.

Die Sache hat also Methode.

Trotzdem weiss ich nie, ob radikales Vertrauen immer und überall etwas taugt.

Ich glaube, diese Methode hat mit etwas allgemein Menschlichem zu tun, das vor lauter Begeisterung an Individualismus und Biodiversität aus dem Blick geraten ist. Etwas, was man menschliche Natur nennen könnte. In den gegenwärtigen globalen Druckverhältnissen tritt sie ja wieder so deutlich wie je zutage. Ein gewichtiger Einwand gegen radikales Vertrauen meldet Zweifel an, was die Grösse der Gruppe angeht, an die radikales Vertrauen addressiert sein soll. Siebenmal zog ich mit einer knapp dreissigköpfigen Klasse von späten Adoleszenten in Feierlaune für eine Woche radikal vertrauend durch Berlin. Das wären also annähernd zweihundert biodiverse Personen. Es geschahen keine Vorfälle, niemand fehlte je, alle nahmen am Programm teil, in welchem Zustand auch immer. Das Geheimnis dahinter ist leicht zu begreifen:

Wenn du einer Gruppe unabhängig ihrer Grösse radikal vertraust, verhält sie sich wie eine Person.

Dies geschah nicht meinetwegen so, sondern als Folge radikalen Vertrauens in die Gruppe. Nach Jahren der Erfahrung als Lehrkraft in dieser Hinsicht wage ich folgende Schlussfolgerung:

Radikales Vertrauen wird nicht enttäuscht. Oder nur mit tätigem Bedauern.

Oder: Die Radikalität dieser sonderbaren Art von Vertrauen zeigt sich nachträglich darin, dass es nicht enttäuscht wird. Und der Grund dafür? Radikales Vertrauen versetzt die Person, der vertraut wird, sofort in ihre natürliche Vertrauenswürdigkeit. Der Ausdruck `natürlich` ist hier entscheidend. Es geht um die Urheberschaft von Vertrauenswürdigkeit. Fest steht, du wirst nicht vertrauenswürdig, indem ich dir radikal vertraue. Ich mache dich nicht vertrauenswürdig. Das wäre eine Anmassung, die korrumpiert und sich leicht in Enttäuschung und Drohung verkehrt. Die nötige Haltung lautet:

Ich vertraue dir radikal, weil du als Person schon vertrauenswürdig bist.

Demnach stimme ich zu, dass Vertrauenswürde Menschen angeboren ist. Möglich, dass so die Vertrauenswürdigkeit erst geweckt wird, wenn man radikal vertraut. Das mag als Lehrkraft im Umgang mit ihrer Schülerschaft zutreffen. Aber das beruht auf Zufall, und es darf nicht ihre Haltung sein, es wäre eine weitere pädagogische Überheblichkeit, wie sie im Reformbereich gerne grassiert. Nicht ich mache dich vertrauenswürdig. Du bist es und ich gehe davon aus.

Der Schulbetrieb benimmt sich trotz aller Reformen hemdsärmelig wie seit je: Notorisch zu hohe Erwartungen sehen sich leicht enttäuscht. Noch heute geschieht wenig Rücksichtnahme auf wissenschaftliche Befunde, denen zu folgen uns das Schweizer Stimmvolk auf kantonaler Ebene aufgetragen hat, etwa die beharrlich missachtete Einsicht, dass sich das jugendliche Gehirn im Umbau befindet. Jedenfalls zeitigt dieses Wissen keine Veränderung im Umgang. Noch immer stosse ich auf notorisch enttäuschte Pädagogen und zweifle insgeheim an ihrer Professionalität. Wissenschaftliche Neuerungen fliessen ein, soweit die pädagogischen Hochschulen sie ausgeben.

Der Schulbetrieb setzt Vertrauenswürdigkeit in einer Reife voraus, die selten bis nie gegeben ist.

Dabei spielt meiner Vermutung nach eher eine Rolle, dass Lehrkräfte sich verständlicherweise gerne entlasten. Bei der verschwindend geringen Minderheit an Schülerschaft, die diesen überhöhten Anspruch von sich aus erfüllt, handelt es sich meist um soziale Sonderlinge. Lehrkräfte verschanzen sich hinter Bildschirmen, sie rüsten sich aus mit Druckmöglichkeiten, Einträge, Strichmanagement, Abmahnung ersten bis dritten Grades, Noten, Nachsitzen, Elterntelefonate, sie nähern sich dem Schulgebäude über schülerfreie Schleichwege, betreten es durch ein Wurmloch auf der Rückseite, verziehen sich in die Liftkapsel und schlüpfen durch den Korridor in ihre Zelle namens Schulzimmer, wo sie endlich Lufthoheit schnuppern, während die Kinder das Treppengewirr bevölkern und in Garderoben und vor Spinten herumwimmeln und lümmeln. Radikales Vertrauen verbietet mir solche Methoden sowie ein solches Verhalten an Ort. Radikales Vertrauen setzt natürliche Vertrauenswürdigkeit frei.

Besonders Heranwachsende trinken dieses Vertrauen wie Milch.

Niemand verspielt seine Vertrauenswürdigkeit, wenn sie ihm radikal zugesprochen wird. Etwas Wichtiges an seinem Menschsein steht auf dem Spiel, und wenn es auch, einmal mehr, auf seine Gruppenzugehörigkeit zurückführt. Vielleicht hat man sich schon gefragt, was Menschenflüstern sein könnte. Pferdeflüstern oder anderes wie Katzenflüstern und so fort bedeutet, dass man sich zu diesen Lebensformen ihrer Natur entsprechend verhält. Bei Menschen wirkt das schon überheblich, wenn man dieses Ansinnen nur schon erwägt. Mein Vorschlag jedoch, worin ein Menschenflüstern bestehen könnte, mag das Gegenteil nahelegen:

Denn mein radikales Vertrauen geht so weit, dass ich auf jede Sicherheit gegenüber der Klasse verzichte. Kein Eintrag, kein Nachsitzen, kein Elterntelefonat. Ich verlasse meine Deckungen, durch die ich ihnen wie durch einen Beobachtungsschlitz begegne, ich trete in voller Blösse vor sie hin, nehme sie als Menschen, die sie sind, mit neuronalem Umbau im Kopf, nehme sie als zukünftige Erwachsene, die sie sind, obgleich sie gerne Mist bauen, ich mache mich ihnen gegenüber verletzbar, treffbar, verhöhnbar. Deutlicher lässt sich ein Vertrauen nicht beweisen, als Vorschuss schon gar nicht. Meine neuste Klasse hatte Grund genug, jeder Offenheit, jeder Lässigkeit mit Misstrauen zu begegnen. Die Enttäuschung folgte früher notgedrungen und damit der Entzug einer Wärme, die keine war.

Irgendwann warf ich ihnen mein Herz entgegen.

Nun kommen an die zwanzig zurückgeflogen. Das liegt an der Methode, nicht an mir.

Und so wiederholt es sich, am besten täglich, am besten stündlich. Ein Herz verbraucht sich nicht, im Gegenteil.

Man errate, wie es uns dabei geht.