Alle drehen am Rad. Alle sind überfordert. Was für eine Zukunft hat eine chronisch überlastete Gesellschaft?
Überall das gleiche Bild: Überlastung unter Arbeitgebern wie in der Belegschaft, ebenso in Räten, in Ausschüssen, selbst in Teppichetagen, wie man hört. Und der Grund dafür? Da gibt es wohl der Antworten viele. Zu finden ist eine Ursache, die alle gleichermassen betrifft. Zum Beispiel die Computerisierung. Bevor ich aber in Verdacht gerate, ein ewig Gestriger zu sein, verweise ich auf zweierlei: Einerseits darauf, dass ich seit den späten Achzigern mit Rechnern und Nadeldruckern zu tun habe, erst Commodore, dann Atari, man wird mir schwerlich eine Abneigung in dieser Sache vorwerfen können. Andererseits ist zu bedenken, dass es Millenials gibt, die bewusst in der Natur wandern und an gemeinsamen Wochenenden jeglichen Bildschirm verbieten. Ausserdem nutzen sie Händys ohne Netzzugang. Oder sie leisten zivilen Ungehorsam, wie etwa S, die einen Hirnschlag erlitten hat, obwohl knapp über Dreissig, und zutiefst davon überzeugt ist, dass dieser drastische Einbruch in ihre Gesundheit mit dem Dauerstress an ihrem Arbeitsplatz zusammenhängt. Nun weigert sie sich, trotz Anweisung, am Sonntag berufliche Emails zu öffnen.
Meine Behauptung also lautet: Die Computerisierung trägt zum Dauerstress am Arbeitsplatz bei. Dies hat mit meiner allgemeinen These nichts zu tun, wonach die Computerisierung uns zu Mittelmässigkeit erzieht. Die Behauptung von Überlastung durch Computerisierung hat eine überzeugende Grundlage, seit Menschen Werkzeuge bauen und sie verbessern, nämlich diese: Je leichter die Mittel zur Hand sind, desto eher steigen die Erwartungen.
Zur Formel verdichtet: Bei Einsparung von Mühe, steigen die Erwartungen. Eine Art Naturgesetz menschlichen Verhaltens, wie mir scheint.
Fortschritt bedeutet zunehmende Entlastung von Schwierigkeiten im Leben. Also sorgt er dafür, dass die Erwartungen stetig zunehmen. Ob die menschliche Natur ebenso unbegrenzt dehnbar ist, diese zu erfüllen, wird sich zeigen. Es sieht mir nicht danach aus. Es gibt Anzeichen genug. Angefangen bei stetigem Wechsel im Team, dann Burnouts, wohin man blickt, volle Kurhäuser, ein boomender Markt für Therapien aller Art. Richard Sennett unterstützt diese Auffassung von der Begrenztheit menschlicher Natur aus soziologischer Sicht.
In Sachen Computerisierung sehe ich das Problem, dass Heerscharen von Spezialisten, die bei diesem hochverquickten System alle irgendwo an einem Rädchen herumschleifen, sich in Bestform bringen, damit sie sich auf ihrem Posten unverzichtbar machen, denn firmeninterne Rationalisierung gehört selbstredend zur Welt des Homo Oeconomicus, besonders dann, wenn sie unerwartet zuschlägt. Dabei schwebt diesen Spezialisten ihrerseits der rationale Mensch vor Augen, der immer vernünftig, sprich rational, sprich ökonomisch entscheidet. Also ist er dann zufrieden, wenn er über Wahlmöglichkeiten verfügt. Also versorgen diese Spezialisten ihn, sprich uns mit Wahlmöglichkeiten.
Wir sollten glücklich sein. Das Gegenteil ist der Fall.
Wenn ich Gemüse abwäge, muss ich neuerdings angeben, ob ich einen Einwegbeutel, ein Mulitbag, oder einen Papierbeutel benutze oder ob ich die Fracht ohne Verpackung in die Schale lege. Vielleicht kann man diesen Schritt überspringen, aber auch dafür wäre ein zusätzlicher Fingerdruck vonnöten. Beim Scannen wird neuerdings mitgeteilt, an wie viele Adressen ich den Abzug schicke. Diese Mitteilung bleibt für gewisse Augenblicke stehen und wird dann weggesaugt, als würde ein Papier zerknüllt. Sehr lustig. Dabei kommt mir die Gewohnheit in die Quere, den Scan nun abzuschicken, muss das Wegsaugen aber abwarten. Bei zwanzig Scans gerät diese vernünftige Einrichtung bald zu blossem Ärger. Eine Kollegin meint, das könne man leicht stoppen. Sie tuts überbereit, holt sich kurz die Bestätigung, gebraucht zu werden, während ich die zwei Fingerstüber sofort vergesse, die sie blitzschnell auf dem Bildschirm platziert. Einen Scan kann ich mir neuerdings nicht nur per Mail zusenden, sondern auch per SMB oder FTP oder WSD. Leider habe ich nicht nur keine Ahnung, was das für Formate sind, auch fehlt mir völlig die Bereitschaft, mich damit zu befassen. Eher spüre ich einen deutlichen Widerwillen, all die Pros und Cons gegeneinander abzuwägen, wie es das Ideal des rationalen Menschen vorgibt. Auch kommt die Einsicht drückend dazu, dass ich damit dieses Ideal einmal mehr verfehle. Zu all dem Elend stehen überdies mehrere Kanäle zur Wahl, den Scan zu verschicken, über das Adressbuch oder über die Zielwahltaste oder über Email.
Dieser Ärger überträgt sich leicht auf die Einkaufstasche mit den zwei Henkeltypen, zwei grosse Schlaufen und zwei kleine. Auch da hat ein Spezialist alles gegeben. Er rechnet damit, dass der wirtschaftlich orientierte Mensch beide Varianten von Henkeln gleichermassen schätzt, da er vernünftigerweise je nach Bedarf mit Beladungen seiner Tasche rechnet, die einerseits empfehlen, die kürzeren Schlaufen zu greifen, oder andererseits die längeren, etwa wenn es ansteht, die Tasche zu schultern. Aber auch der rationalste Mensch kriegt in der Eile irgendwann eine kurze und eine längere Schlaufe gleichzeitig zu fassen, sodass die bepackte Tasche lächerlich verzogen an seiner Seite wackelt.
Diese unsägliche Multioptionalität zeigt sich beispielhaft bei den Möglichkeiten zur Regulierung der Lautstärke am Rechner. Eine Kür der besonderen Art, die zahllose Referenten landauf, landab immer wieder zur Verzweiflung bringt. Da gibt es natürlich die Steuertaste am Lautsprecher, dann die blosse Tastenkombination, sowie den Regler in der Symbolleiste, der mit der Funktionsfläche im Audiobereich der Einstellungen gekoppelt ist. Überall und jederzeit sind rationale Entscheide im Bruchteil einer Sekunde erforderlich. Soll ich über Desktop in meine Daten steigen, oder über die Rubrik, in der die kürzlich geöffneten Beispiele verzeichnet sind? Die 20/80 Regel nach Pareto führt dazu, dass wir an unseren Produkten herumwerkeln. Soll ich bei meinem Präsentationsprogramm wichtige Prämissen oder Schlussfolgerungen erscheinen, einfliegen oder hereinschweben lassen? Soll ich einen Farbimpuls setzen oder ein Objekt zum Rotieren bringen, es verdunkeln und dann wieder erhellen? Bestimmt gibt es wissenschaftliche Ausführungen darüber, zu welchem gewünschten Effekt welche Animation sich besonders oder mässig oder ganz sicher nicht empfiehlt. Die meiste Verbesserung geschieht freilich dort, wo es um Sicherheit geht. Wer sich hier überfordert zeigt, benimmt sich völlig irrational. Öffne ich das Emailsystem ein erstes Mal, muss ich ihm erlauben, dass es Nachrichten an mich senden darf. Stecke ich Kopfhörer ein, ist für einmal oder für immer zu gestatten, dass über sie Musik in mein Ohr geht. Neuerdings soll ich mich für 3-D-Secure zur besseren Absicherungen meiner Bankkarten begeistern. Die Authentifizierung erfolgt mehrstufig, der Umgang mit Passwörtern erfordert ein eigenes Management, dazu kommt ein Code, separat verschickt, dazu Fingerprint, Augenscan. Warum nicht alles auf einmal?
Diese allgemeine Leichtigkeit schafft neue Anforderungen. Die Meldung, es sei ein Fehler bei der Update-Autorisierung passiert, ist für mich auf Anhieb unverständlich, ebenso die Aufforderung, ich solle die Barrierefreiheit meiner Dokumente verringern. Solche Aufklappungen kann ich nur wegklicken. Über Bluetooph lassen sich Audiodateien handlich abspielen, man braucht keine Tonträger zu horten und zu verlieren. Hingegen muss bekannt sein, dass diese Funkverbindung mit dem gewünschten Gerät erst gekoppelt sein muss. Ein Systemingenieur schüttelt den Kopf über meine Probleme. Jede Neuerung hat ihre sachliche Logik. Wenn aber dein Leben schon bald wöchentlich mit Neuerungen zugemüllt wird, merkt der rationale Mensch in dir, dass auch er ein Nervenkostüm hat und einen Bauch, der immer wieder mal verdaut.
Rationale Entscheide in Mikrogrösse häufen in deinem Leben auch Versagensmomente in Mikrogrösse an.
Der rationale Mensch ist ein Ideal, das deshalb die gesamte Ökonomie bestimmt und die Spieltheorie so wunderbar aufgehen lässt, da es sich mit ihm vorzüglich mathematisch arbeiten lässt. Zum Glück wird zunehmend dieses Ideal als realitätsfremd kritisiert. Das deckt sich völlig mit meiner Wahrnahme, auch was andere Leute betrifft, die sogar jünger sind und ähnlich klagen wie ich. Das unwirkliche Ideal des rationalen Menschen zeigt sich in meinem Fall bei einer technischen Verbesserung meiner Diktiersoftware, mit der ich beim letzten Update beglückt wurde: Bevor ich meine besprochene Datei abspeichere, öffnet sich auf dem Handy nun die Tastatur, sodass ich die Datei beschriften kann. Da hat jemand für mich überlegt und sofort einen Zwischenbefehl eingebaut, statt mich zu fragen. Denn ich bin es gewohnt, kurze Dateien zu besprechen, die ich täglich abtippe, sodass keine Beschriftung erforderlich ist. Nun muss ich neuerdings erst die Tastatur wegklicken.
Und das hat für sich genommen durchaus seine sachlogische Rationalität. Aber kein Think-Tank und keine Gehirnsturmtruppe wäre je in der Lage, sie vorauszusehen, sollten sie auch gemeinsame Abenteuer bestehen. Ebenso wenig sehen sie all die abertausend kruden Gewohnheiten voraus, die Nutzer an ihren Geräten ausbilden, von denen hat kein Supporter und kein Supporter auch nur eine Ahnung.
Das Ideal des rationalen Menschen steht ihnen im Weg, während es uns belastet.


April 30, 2025 at 2:38 p.m.
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