Lehrkräfte sind berüchtigt dafür, dass sie sich ungern beurteilen lassen. Wer aber keinerlei Benotung duldet, ist die vergangene Bildungsreform. Laut NZZ und Tages Anzeiger ist die schulische Integration gescheitert. Mit Blick auf Schweden steht nun die Digitalisierung der Grundschule auf der Kippe.
Meine ersten Erfahrungen am Computer habe ich mit Commodore, Atari und Tandon gemacht. Das reicht bis in die Achtziger zurück, diese Marken sind längst vom Markt verschwunden. Da gab es noch die weichen Flopy-Disks, bei der die Gefahr bestand, dass sie einen Knick erleiden, und dann die in handlichem, harten Gehäuse. Auf meinem Schreibtisch krächzte ein Nadeldrucker, die Textverarbeitung handhabte ich flink ohne Maus, ich kannte die Befehlskombinationen auswendig. Folglich bin ich kein Gegner der Computerisierung. Aber wenn ich sehe, wie Primarschüler wie magisch angezogen nach Tablets greifen, die man bewusst so designt, dass sogar ein Baby darauf anspricht, und erstaunlich ausdauernd darauf herumtappen, werde ich den Eindruck nicht los, hier sei eine Verblödung im Gange. Tatsächlich wurde die Digitalisierung wissenschaftlich ungeprüft an Grundschulen durchgesetzt. Wie denn auch, es gab ja keine Daten. Nun liegen erste Ergebnisse vor, die ihr auf Stufe Primar keine guten Noten bescheinigen. Punkto kognitiver Entwicklung und Kreativität, punkto Abhängigkeit schneidet die Digitalisierung auf Grundschulstufe schlecht ab. Also gab jüngst Schweden bekannt, sie würden trotz ihrer Vorreiterrolle in der Sache die Digitalisierung auf der Grundschule wieder zurückfahren.
Es kam mir schon immer seltsam vor, dass ein blosses Werkzeug solche Aufmerksamkeit bindet. Eine konstant wiederkehrende Aufregung um Akku, Passwort, Bluetooth und Internetverbindung lenkt beharrlich von der Beschäftigung mit Inhalten ab. Es würde mich nicht wundern, wenn an einer Pädagogischen Hochschule ein konstruktionistischer Systemiker blasiert lächelnd zum Schluss käme, es gäbe eigentlich gar keine Inhalte. Auch fand ich es schon immer alarmierend, dass Steve Jobs und Bill Gates, zwei Urväter der privaten Computerisierung, aus den genannten Gründen ihre Kinder bewusst auf Schulen ohne Digitalisierung schickten. Erwähne ich diesen Widerspruch unter Pädagogen, stehe ich wie ein Spielverderber da.
Aber die Frage war schon immer berechtigt: Warum befürworten Akteure der Grundschulbildung die Digitalisierung, wenn ihr Nutzen wissenschaftlich noch gar nicht erwiesen ist? Vielleicht einfach die Begeisterung, dass man sich schon in der Zukunft wähnt, wenn man sieht, wie Kinder an Bildschirmen zugange sind. Oder, wie ich aus dem Stand heraus vermute, also ebenso ungeprüft, dass eine Art Kulturkampf zwischen zwei Generationen von Pädagogen im Spiel ist, nämlich zwischen der alten Garde einerseits, die die Anfänge der Digitalisierung, offensichtlich zurecht, geringgeschätzt oder gar verteufelt hat, was doch gewiss übertrieben ist, also Leute, die noch Schnapsmatrizen durch die Walze drehten, und der nachfolgenden Generation von Lehrkräften und Erziehern andererseits, die nun an Pädagogischen Hochschulen tätig sind und in der Bildungspolitik einsitzen. Vielleicht ist ihr beispielloser Einsatz für die Digitalisierung mit einem Stinkefinger gegen die alte Garde zu vergleichen.
Aber es gibt freilich sachliche Gründe, etwa die Tatsache, dass die ganze Gesellschaft digitalisiert ist, und es besteht ja der Auftrag, Kinder und Jugendliche an diese Probleme heranzuführen. Nur habe ich den Eindruck, dass dies bei diesem Thema im Gegensatz zu Geometrie oder Grammatik ganz von selbst geschehen würde, ganz ohne schulischen Beistand.
Auch gibt es ein schlagendes Argument, warum die Digitalisierung zur Vorbereitung auf die gesellschaftlichen Erfordernisse keinesfalls notwendig ist. Denn die Generationen, die den nächsten Weltraum erschlossen und uns in der Nachkriegszeit ein Wirtschaftswunder beschert haben, kritzelten in der Schule noch auf Schiefertafeln. Nebenbei gesagt kannten sie auch keine Lernziele. Einstein stand kein App zur Verfügung, das ihm beim Ausarbeiten der Relativitätstheorie unterstützt hätte, Wittgenstein hockte allein in einer Hütte an einem norwegischen Fjord oder abgeschieden in Irland, mit Bett und Tisch und Schreibblock und Bleistift, dennoch prägte er weltweit die Philosophie des 20. Jahrhunderts, eigentlich zweimal, ohne dass er in digital vernetzte Foren von Philosophen und Wissenschaftlern eingebunden gewesen wäre, um stündlich Anregungen abzuernten, er hätte wohl eher den Verstand verloren. Es ist vielleicht kein Zufall, dass im Netz die Sorge kursiert, es sei seit der Digitalisierung zu keiner bahnrechenden Neuerung mehr gekommen, während zuvor in straffem Intervall eine um die andere folgte, und das über Jahrhunderte.
Digitalisierung fördert offenbar Mittelmässigkeit.
Nun blicke ich anders auf die Notebooks, die von der Schulgemeinde neu angeschafft wurden, wie sie blinken und sauber aufgereiht in Schaumgummi stecken, und wie ich an mir selbst erlebe, wie ich sie gerne anfasse, betaschte, darauf herum „töpele“, wie man hierzulande sagt. Ein riesen „Töpelei“, also Herumtapperei. Das Budget dafür wurde durchgewinkt, wie überall, während der Antrag zur Anschaffung einer Nähmaschine für Beeinträchtigte eine längere Debatte nach sich zog.
Womöglich wird man die Digitalisierung auf Stufe Primarschule dereinst als Raubbau am Volksvermögen brandmarken.
Genau in der Art, wie es Rechtspopulisten schon heute tun.


Kommentar verfassen