Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal als Quotenmann unter Frauen arbeiten werde.

Alle geben sich Mühe, von Bösartigkeit keine Spur, die Begeisterung des Anfangs währt lange, aber niemand hält sie durch. Die Natur des Geschlechts stösst an Grenzen. Mit dieser Behauptung setze ich mich dem Vorwurf aus, von gestern zu sein, rückständig und borniert. Gerade in Augen meiner Generation, die auch in der Bildungspolitik altershalber mitmischt. Ihrer Überzeugung nach ist das meiste Geschlechtsverhalten anerzogen, daher gehört es überwunden.

Vorweg ein methodischer Hinweis: Wenn ich mir anmasse, über Geschlechter Allgemeinaussagen abzugeben, meine ich damit nicht alle Mitglieder dieser bestimmten Gruppe pro Kopf, sondern bloss eine Tendenz darin, die ich vermute. Immerhin gibt es auch noch Charakteren. Zum Glück.

Die Überzeugung vom anerzogenen Geschlechtsverhalten gilt für meine Genertion selbstverständlich, ein Quotenmann sieht das anders, zum Teil zumindest. Zwischen den Frauen und einem Quotenmann besteht eine Beobachtungssituation in zweierlei Hinsicht: Einerseits bekommen gut ein Dutzend Augenpaare sein Verhalten mit, darüber wird ausgiebig geredet, wie er weiss, er kann aber nur mutmassen, worum es geht, auf direkte Nachfrage ist rasch alles in Ordnung. Vielleicht wird vermerkt, dass er Einzelheiten übersieht, wenig Achtsamkeit also, dass er sehr spät auf Nachfragen antwortet,  dass er gemeinsamen Spielabenden fernbleibt, dass er sich zu locker den Kindern gegenüber verhält und die anderen dadurch in ein schiefes Licht stellt. Andererseits kommt ein Quotenmann reichlich zum Beobachten, denn den Frauen fällt es gar nicht ein, ihre Dynamik untereinander vor ihm zu verbergen, der Aufwand wäre immens. Was ihm bei ihnen auffallen könnte, Frauen befolgen Regeln überpünktlich, sie mögen sie nicht hinterfragen. Sie führen lange Telefonate, und zwar so lange, bis sich ein gutes Gefühl einstellt. Sie entschuldigen sich mehrfach, selbst dann, wenn die Entschuldigung auf Anhieb angenommen wurde, auch hier dauert dies so lange, bis sich ein gutes Gefühl einstellt. Sie wiederkäuen mehrfach Themen des Schulbetriebs, drehen und wenden mehrfach die Dinge, die zu besprechen sind. Sie vergewissern sich der Zustimmung ihrer Kolleginnen beinah stündlich, wie Delphine, die sich im Schwarm beständig berühren. Sie teilen ihr Essen, löffeln gegebenenfalls sogar aus dem gleichen Teller. Sie begrüssen sich täglich mit einem kurzen Hurra aus vollem Herzen. Der Gruppenchat platzt aus allen Nähten vor Grüssen um Gesundung und Wohlergehen und vor Dankesbekundungen, die einzeln hereinkommen, sodass jede die soziale Kontrolle der anderen besteht.

Allgemein benehmen Frauen sich zueinander, als wären sie immer auf gleicher Wellenlänge, fällt jedoch eine ab, lässt die Dinge für einmal schleifen, bekommt sie die volle Ablehnung zu spüren. Ein Kollege von mir, der als Abteilungsleiter im Pflegefachbereich tätig war, weltoffen und sozialen und ökologischen Werten verpflichtet, also kein traditionsbewusster Volksgenosse, meinte einmal, eine Frauengruppe sei schlicht eine Hölle, voller Ehrgeiz und Missgunst, voll akribischer sozialer Kontrolle.

Und zuletzt sind es Frauen selbst, die genau das bestätigen, was mein Kollege sagt.

Wie also kommen Bildungspolitiker und andere Progressive, die nun veramtet sind, in die Lage, die Natürlichkeit des Geschlechtsverhaltens derart in Abrede zu stellen, zumal sie diesen Unterschied in der öffentlichen Rede politisch korrekt gewürdigt sehen wollen? Dieser Unterschied liegt ihnen sogar derart am Herzen, dass sie Sanktionen beschliessen, wenn diese politische Korrektheit vernachlässigt wird. Wird er aber inhaltlich thematisiert, etwa wenn man die Sorge äussert, dass eigentlich nur noch Frauen auf der Grundschulstufe unterrichten, dann gilt man eben für rückständig. In der öffentlichen Rede ist der Geschlechtsunterschied beinah sakrosankt, in Funktionszusammenhängen jedoch tabu.

Wer diesen Widerspruch verstehen kann, der verstehe ihn.

Die Lösung ist vermutlich simpel, auch wenn die Sachlage mit Fettnäpfen verstellt ist, die wie Sprengfallen hochgehen. Ich sehe das so: Es gibt die Realpolitik, in diesem Fall sind dies Vorstösse zu faktischer Gleichberechtigung vor dem Gesetz, also Wahlrecht, Lohngleichheit, Blockzeiten für Elternarbeit und Anderes. Umgekehrt gibt es eine Politik symbolischer Repräsentation, wenn man zum Beispiel Flaggen aller Mitglieder eines Bündnisses auf gleicher Höhe hisst, oder eben in der öffentlichen Rede politische Korrektheit bezüglich der Geschlechter vorschreibt und ihre Einhaltung überwacht.

Mit dieser künstlichen und scherfälligen Rede, die sich aus politischer Korrektheit ergibt, wird zur faktischen Gleichberechtigung schlichtweg nichts beigetragen, diese gibt sich heute noch sperrig, wie verlautet wird. Das sollte zu denken geben. Politische Korrektheit als Fall von Symbolpolitik lässt sich eben leichter durchsetzen, allerdings auf undemokratische Weise, nebenbei gesagt. Dieser Widerspruch jedenfalls ergibt sich von daher, dass die politisch Verantwortlichen die Gleichberechtigung der Geschlechter durchwegs vollendet sehen wollen, also faktisch genauso, wie symbolisch repräsentativ.

Für mich steht fest, dass die gegenwärtige Bildungspolitik Männer aus der Grundschule vertreibt, indem sie den Lehrberuf bis knapp zur Entmündigung durchreguliert. Das ist unter anderem schlecht für die Jungs. Viele Lehrkräfte, mitunter auch Männer, vorwiegend aber Frauen tragen ein ungelöstes Bubenthema von früher mit sich herum, als es noch keine Pausenaufsicht gab. Im Konfliktfall sind die Buben heimtückisch, das steht eindeutig fest. Dieses Bubenthema wäre aufzuarbeiten, aber die Pädagogischen Hochschulen lehnen psychoanalytische Ansätze rundweg ab. Gerade auf der Mittelstufe sind Jungs benachteiligt, da die Mädchen in Frühreife gehen, schliesslich müssten sie jetzt Mütter werden, wie früher, als man im Durchschnitt Dreissig Jahre alt wurde.

Das macht die Natur, nicht die Gesellschaft.

Auch dass Kinder bei tiefen Stimmen eher spuren, hat mit der Natur zu tun. Auch behauptet wohl niemand ernsthaft, diese Frühreife sei sozial anerzogen. Das führt zu Hass bei den Jungs und eben zu heimtückischem Verhalten, und damit schliesst sich ein Kreis.

Mutterschaft geht nur Frauen etwas an, auch wenn sie sie ablehnen.

Und Mutterschaft bedeutet, für Jahre auf einen besonderen Schutz angewiesen zu sein, sicher für die Monate der Schwangerschaft.

Menschen, die von Mutterschaft betroffen sind, gewöhnen sich an, die Umwelt genauer zu lesen. Sie sorgen gewissenhaft vor, in allen Belangen, sie neigen der Tendenz nach dazu, Regeln genau zu befolgen, statt sie zu debattieren, da sie vorsorglich oder aus Gewohnheit um das Gesamtgefüge ihres Lebens besorgt sind.

Daher werden meine Kolleginnen und ich nie und nimmer in der gleichen Weise arbeiten.