Die Jugend garantiert die Zukunft jeder Gesellschaft. Bei uns verschwindet sie in Psychiatrien. Also steckt unsere Zukunft in Therapien fest. Rasch geben wir Social Media die Schuld daran. Mag sein, diese Situation hat aber wesentlich, so meine Behauptung, auch mit uns Eltern zu tun.
Jugendliche laufen heute in Schwarz herum. In Grau. Sicher in einer Mode ohne besonderen Ausdruck. Diese Meinung wäre bestreitbar, bekäme ich sie nicht beinah täglich bestätigt. Unter anderem ausdrücklich von einer Heranwachsenden selbst. Ja, sie kleide sich ohne Ausdruck, ganz bewusst, hat sie mir gesagt. Letzthin geriet ich auf dem Bahnhof Konstanz in eine Gruppe junger Erwachsener, die genau in dieser faden Art gekleidet auftrat. Ich muss zugeben, dass ich es etwas bedrohlich empfand, ganz einfach wegen dieser Einigkeit, die mich ausgrenzte, der ich in meiner Jugendzeit im Vergleich zu heute als Papagei auf die Strasse trat, wie alle damals. Mit einem Ausdruck, der schrill war, der knallte. Schulterpolster, Föhnfrisur, Leggins, Karottenhosen, Stulpen, Puffärmel, am besten in Neonfarben. Die heutigen Jugendlichen leisten sich allenfalls Schmuck von der Prunkhaftigkeit meiner Grosseltern: Perlen, wenn es hochkommt, ansonst dünne Kettchen, fertig. Die Frauen tragen die Haare lang, scheiteln sie in der Mitte und binden sie zusammen, fertig.
Von einem Typ Asperger ist bekannt, dass sie keine Mimik zeigen. Das wird oft und gern als überheblich, als gefühlskalt missverstanden. Bei diesen Menschen liegt der Grund ganz woanders. Sie zeigen keine Mimik, da ihnen die Gesichtsausdrücke ihrer Mitmenschen rätselhaft erscheinen. Sie verstehen sie nicht. Wenn ich diese Einsicht auf die Jugend übertrage, die sich ohne Ausdruck kleidet, dann komme ich zum Schluss, dass auch ihr die Umwelt womöglich rätselhaft erscheint.
Diese Jugend verhält sich ohne Ausdruck, da sie die Welt nicht versteht. Offenbar wird ihr dabei auch nicht geholfen.
Von wem auch? Es würde mich nicht wundern, wenn wir irgendwann von unserer Kindergeneration zu hören bekommen, wir hätten sie im Stich gelassen. Generationen wursteln jedoch ohnehin für sich, sie klären ihr Weltverständnis zum Teil in bewusster Abschottung vom Dafürhalten anderer Altersgruppen. (Dabei haben wir es doch so gut gemeint. Zum ersten Mal in der Geschichte westlicher Zivilisation benehmen wir uns kumpelhaft zu unserem Nachwuchs, bieten sofort das Du an, sofern wir nicht verwandt sind, begeben uns auf Augenhöhe zu ihm, wir reden über Serien, über einen gemeinsamen Musikgeschmack, ekelhaft begeistert, wir klatschen ab, benehmen uns lässig, dauerentspannt. Eigentlich eine sonderbare Elternschaft, aber wir bilden uns viel darauf ein. Vielleicht erliegt jede Generation dem bestechenden Eindruck, sie würden es endlich richtig machen. Das liegt daran, dass Angehörige einer Generation die gleichen Probleme erleiden. Daher halten sie rasch die Lösungen dieser Probleme als gut und richtig für alle, auch wenn sich sei je zeigt, dass neue, zumeist ungeahnte Probleme schafft, wer Lösungen bestimmter Missstände für alle verbindlich durchsetzt. Jedoch wie bei allem, was menschlich ist, so gilt auch bei Generationen die Frage, welches Anliegen ernst genommen wird. Das Anliegen, das die Elterngeneration vertritt, der ich angehöre, dürfte kaum auf der Hand liegen. Wir sind postmodernen Werten verpflichtet. Das heisst, wir befürworten Vielfalt in jeder Hinsicht, sei sie politisch, kulturell oder sexuell. Nebst der sonderbaren Kollegialität zu Heranwachsenden sprechen wir alles an, bringen alles auf den Tisch, so peinlich, so schmutzig es auch sein mag, ohne dass wir auf jugendliche Empfindlichkeit Rücksicht nähmen. Das liegt daran, dass wir seinerzeit an Ungesagtem, an gärenden Heimlichkeiten in der Familie gelitten haben.
Für Generationen gilt diese Abfolge gleichermassen: Ein Problem wird erlitten. Dieses Leiden trägt zur gemeinsamen Identität bei. Daraus kommt es zu einem Anliegen, das zu einem politischen Programm auswächst, dieses wird auf Biegen und Brechen durchgesetzt, auch damit man selbst noch in den Genuss der Früchte dieser Mühen kommt, die beträchtlich sind, doch die nächste Generation scharrt bereits vor der Tür, sie wird Platz greifen wie ihre Vorgänger und mit deren Programm Schluss machen.
Jede Generation rückt von selbst in die gesellschaftliche Verantwortung nach. Sie hält ihr Programm für so dringend, dass sie es allen glaubt vorschreiben zu müssen, undemokratisch, am liebsten als Diktat. Dabei handelt sie aus der natürlichen Selbstbezogenheit ihres Leidens heraus.
Die Überheblichkeit, sie stelle die Dinge endgültig richtig, für alle und für immer, kennzeichnet jede Generation, sobald sie Verantwortung übernimmt. Dabei ist ihr Anliegen nur Stückwerk, wie jedes Anliegen, abgesehen von Interessen der Grundversorgung. Eine Generation vertritt meistens Partikularinteressen, die sie als Notwendigkeit für alle missversteht, da sie ganz besonders davon betroffen ist oder war. Und das führt schliesslich dazu, dass die Folgegeneration dieses Programm schleift oder sogar abschafft, denn sie teilt weder das Leiden, noch sieht sie die Dringlichkeit ohne Weiteres ein. Das ist der Lauf der Geschichte. Man sollte sein Programm besser nicht auf Biegen und Brechen durchsetzen, nur so wird die Folgegenration es womöglich übernehmen. Das radikale Aufräumen der Folgegeneration böte sich als Argument an, mässig vorzugehen und vor allem demokratisch. Das Anliegen meiner Generation, also der heutigen Elterngeneration lautet Selbstfindung, Transparenz und Kollegialität zum Nachwuchs. Wir hängen an der Vorstellung vom natürlichen Kind, das seine gesunde Neugierde auslebt, wenn man es denn liesse. Wir meinen, die Gesellschaft würde sich sofort bessern, wenn wir dem natürlichen Kind kameradschaftlich begegnen und ihm Freiräume lassen, die man uns damals entschieden vorenthielt. Wenn wir es so behandeln, meinen wir, dann rebelliere es nicht.
Das täuscht. Vielleicht sehen wir seine Rebellion gar nicht, vielleicht besteht sie darin, dass man sich fade kleidet. Auch meinen wir Eltern, das natürliche Kind werde dann von sich aus die Notwendigkeiten einsehen, die uns alle angehen, und im Verlaufe seiner Bildung sogar Lernziele mit Interesse abarbeiten. Wir meinen doch tatsächlich, unter diesen Umständen würde es sogar Rechtschreibung spannend finden. Und um wenigstens ein bisschen nachzuhelfen, lassen wir Fritz und Fränzi antanzen, die im Garten anhand einer Schatzkarte zur Wahrsagerin finden, die uns die Schärfungsregel erklärt.
In Lehrmitteln wird das Kind direkt so angesprochen, als hätte es die Dringlichkeit dieser Lernstoffe vorweg schon eingesehen, so als hätten wir dafür gesorgt, dass jede Rebellion dagegen sich wie von selbst erübrigt. Wir meinen, wir ständen mit unserer Kindergeneration in gegenseitigem Einvernehmen.
Aber das stimmt nicht. Dieses natürliche Kind kleidet sich in Schwarz. Und es verschwindet in Psychiatrien.
In der Schule stelle ich fest, dass der Wert der Selbstbestimmung derart inflationär zur Anwendung kommt, dass man jede Gelegenheit nutzt, das Kind selbst entscheiden zu lassen. Dieses Anliegen mündet in Anweisungen wie etwa diese: Wähle eine Möglichkeit, die dir entspricht! Suche dir einen stillen Ort und überlege dir, wie du weiterfährst! Nenne deine Meinung dazu! Tausche deine Meinung mit anderen aus!
Solche Anweisungen haben sogar Neunjährige zu befolgen. Die Selbständigkeit, die ihnen damit abverlangt wird, erfordert eine Metakognition, die in diesem Alter gar nicht vorhanden ist. Die Cleveren plaudern halt nach, was sie hören. Auch im Privaten klingt es in dieser Art: «Das musst du selbst wissen!» Finde es selbst heraus!» Das klingt nach fortschrittlicher Erziehung, was auch der Fall sein mag. Wer also Neunjährige ihrer Eigenentscheidung und Selbstbeurteilung überlässt, verhält sich ignorant gegenüber diesen wissenschaftlichen Tatsachen. Ein Entscheid gelingt nicht ohne Urteilsfähigkeit, diese wiederum beruht auf einer Metakognition, die ab elf Jahren höchstens ansatzweise gegeben ist.
Diese Art der Erziehung finde ich eher bequem. Oder feige. Zu Reibungen kommt es gar nie.
Denn wer das Kind andauernd auf seine Selbstbestimmung zurückverweist, bekommt es nie mit seinem Widerstand zu tun. Wenn jemand beanstandet, meine Generation sei unfähig, Konflikte mit unseren Kindern auszutragen, dann weiss ich darauf keine Antwort, ausser dass ich auf unsere Anliegen von früher verweise, aber damit haben unsere Kinder schlichtweg nichts am Hut.
Diese Erziehung zur Selbständigkeit setzt Selbständigkeit wahllos voraus, statt sie als Endpunkt nach Jahren betreuter Entwicklung anzusehen. Wenn ich dies beanstande, gelte ich rasch als unverbesserlicher Vertreter alter Schule, dann mangelt es mir an Vertrauen in die natürliche Souveränität kindlicher Lebendigkeit.
Das Gegenargument, das also belegt, dass wir unsere Kindergeneration im Stich lassen, ist wissenschaftlich begründet, aber umständlich darzulegen: Wenn wir natürliche Organismen miteinander vergleichen, kommen wir zum Schluss, dass eine Lebensform, je mehr sie von ihrer Umwelt einbezieht, auch mehr zum Ausdruck bringt, vergleichbar mit einem Kran, der weiter ausgreift, je mehr Gewicht ihn am Boden hält. Die menschliche Lebensform bezieht von ihrer Umwelt am meisten mit ein und bringt am meisten zum Ausdruck, was keineswegs dazu veranlasst, ihr deswegen die Krone der Schöpfung aufzusetzen. Denn in der Natur lässt sich beobachten, dass eine Lebensform, je mehr sie einbezieht und zum Ausdruck bringt, auf desto mehr Brutpflege angewiesen ist.
Eine erbärmliche Abhängigkeit also.
Und auch hier belegen wir Menschen mit Abstand den ersten Rang. Unsere zwölf Jahre Kindheit dauern nur schon im Vergleich zu anderen Primaten überlang. Dieses Argument untermauert den Vorwurf, wir hätten unsere Kindergeneration im Stich gelassen. Allerdings kann es sein, dass sie das gar nicht hören will. Immerhin bewältigt sie für sich allein eine Herausforderung, bei der wir Stümper geblieben sind, nämlich der Umgang mit der Computerisierung von Kindesbeinen an.
Ein weiterer Grund, warum die Kindergeneration sich mehr und mehr von uns abschottet, wiegt schwerer. Darin liegt ausserdem ein politischer Vorteil. Denn wer aus blanker Unsicherheit sich eine Identität zusammenschustert, sozusagen nach Versuch und Irrtum, unter Einsatz hoher psychischer Kosten, und dann aber erlebt, dass seine Konstruktion einigermassen Bestand hat, bei dieser Person wird es später erhebliche Mühen kosten, ihr Vorschriften zu machen.
Vielleicht sind das endlich die Menschen, die für keinen Krieg mehr zu begeistern sind.


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