Kein Lebewesen ziehen wir zur Verantwortung, ausser uns selbst. Wir fordern einander ab, dass wir geradestehen für das, was wir tun oder unterlassen. Für diese Verantwortlichkeit müssten wir eigentlich auch unsere Erkenntnis kontrollieren, denn sie geht jedem bewussten Verhalten voraus. Das heisst, wir sollten unsere Gedanken beherrschen. Das tun wir aber nicht.
Eckehart Tolle schlägt eine Übung zur Achtsamkeit vor: Im Kopf soll man sich fragen, welches der nächste Gedanke sei. Leider vergass ich, die Kommentare mit den Antworten auf Instagram nachzulesen. In meinem Fall kam überhaupt kein Gedanke. In mir herrschte Schweigen, als hätte sich meine Gedankenwelt scheu zurückgezogen, als wäre das zu viel Bewusstheit für sie. Eben zu viel Achtsamkeit. Vielleicht gibt es Leute, die diese Achtsamkeitsübung durchführen, bei denen ein Gedanke sich einstellt. Aber niemand ahnt oder sieht den Gedanken voraus, der als nächstes kommt.
Denn dann wäre der Gedanke ja schon da.
Angenommen, einer Frau, die diese Übung ausführt, käme der Einfall, sie müsste beim Einkauf besser darauf achten, dass die Avocados weder zu hart noch zu weich sein dürfen, damit die Quacamole schmackhaft wird, wie wollte sie diese Erinnerung, die nur gedanklich zu fassen ist, von dem tatsächlichen Gedanken unterscheiden, wenn er denn als nächstes einträte? Oder angenommen einer sagte, ihm käme die Ahnung, dass der nächste Gedanke irgend etwas mit dem Einkaufen zu tun hätte, dann wäre er doch darauf angewiesen, dass dieser Gedanke irgendwann klar hervortritt. Wäre es der Fall, dass diese Person einfach auf drei zählen müsste, damit diese Klarheit einträte, nämlich dass die Avokado für eine Quacamole von besserer Qualität weder zu hart noch zu weich sein darf, dann hätten wir es mit einem Menschen zu tun, der nicht nur seine Gedanken beherrscht, sondern auch seine Zukunft.
Was immer wir mit Absicht tun, was immer wir bewusst unterlassen, hängt davon ab, wie wir die jeweilige Sachlage erkennen.
Erkenntnis, das bedeutet, wir haben Einsichten, wir haben Einfälle, wir erinnern uns rechtzeitig an das Nötige. So genannte Aha-Momente sind idealtypische Beispiele für Erkenntnis. Eine Sinngestalt schliesst sich. Wir geniessen die jähe Einsicht. Gerade bei Schülern sind das wunderbare Momente zum Erleben. Ein Lernprozess erübrigt sich für sie. Nun gibt es aber niemand, der beschliesst, er werde in den nächsten drei Minuten eine Aha-Erfahrung machen.
Keiner organisiert sich einen Einfall, indem er sich hinsetzt und auf fünf zählt oder mit den Fingern schnippt.
Es wäre Zauberei.
Rechnet man mit Kindern das Einmaleins durch, geht das bei Wenigen zackig und ohne Unterbrechung, bei den meisten hapert es immer wieder. Der Rest, wiederum wenige, warten verzweifelt auf die richtige Eingebung.
Bei allen drei Gruppen ist es eher der Fall, dass ihnen der Einfall zustösst.
Moongirl verfügt über ein fotografisches Gedächtnis. Selbst Einzelheiten braucht sie nur einmal wahrzunehmen, während bei mir die Erinnerung vom Interesse abhängt. Sie hat das nie gelernt, nie geübt. Ihr Sohn wirft ein Blick auf einen Code und behält ihn auswendig. Man darf sie dazu beglückwünschen. Mühsam wird dieser Vorteil für sie erst, wenn sie mit Menschen wie mir zusammenleben, deren kognitives Fettgewebe anders geschmiert ist. Psychonauten erleben auf ihren Reisen, dass Ahnungen oder Erinnerungen verlangsamt wie aus einem Nebel hervortreten, ohne dass dafür ein Schalter zu drücken wäre.
Es geschieht oder es geschieht nicht.
Gerade Eltern, Erzieher und Lehrkräfte sollten sich diese psychonautische Einsicht zu Herzen nehmen. Sicher aber die Tatsache, dass uns keine Erkenntnis auf Knopfdruck gelingt. Ihre Ermahnung an ein Kind, es solle gefälligst an etwas Wichtiges denken, erscheint so betrachtet herzhaft dümmlich.
Aus meiner Sicht spricht diese Sachlage dafür, dass die Erkenntnis, nach der wir vorgehen, nicht uns gehört.
Sondern dem Leben.
Es gibt Menschen, die darunter leiden, dass ihr Film an Gedanken kein Ende nimmt. Die einen schnibbeln sich, da der Schmerz und die Selbstverarztung erfolgreich davon ablenken. Andere lernen in Selbstversenkung diesen ständigen Fluss als etwas anzunehmen, dass wie von selbst abläuft, sodass nichts Persönliches mehr daran ist.
Ein Fluss von Gedanken, gesteuert vom Leben.
Wir haben den Eindruck, wir verfügten persönlich über unsere Einfälle, Aha-Erlebnisse, Erinnerungen, Absichten. Schliesslich geschehen sie immer da, wo ich gerade bin und nirgends sonst. Als durchaus intime Ereignisse, die abgeschottet von fremden Einflüssen passieren. Nichts pfuscht von aussen in sie hinein. Sie tauchen auf, ohne dass andere davon Kenntnis bekämen. Öffentlich wirksam und somit moralisch verfänglich werden sie nur, wenn ich sie mitteile oder in die Tat umsetze.
Das ändert nichts daran, dass wir ihr Auftreten nicht unter Kontrolle haben.
Unter anderem bräuchte es sonst gar keine Schulen. Trotzdem steht und fällt unsere Rechtsprechung mit dieser Fehleinschätzung. Auch das religiöse Konzept der Sünde stützt auf diesen grundsätzlichen Widerspruch ab. Denn kein Vergehen gelingt ohne Erkenntnis. Der angebliche Urheber einer Absicht, die zur Untat führt, wird schärfer bestraft als seine Mitläufer. Wir können nicht anders, als unsere Verantwortlichkeit so zu verankern, als hätten wir Macht über unsere Erkenntnis.
Als wären wir Gott.


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