Liebeskunst klingt altbacken. Ovid zum Beispiel berät uns in der Liebe. Da geht es auch um Verführung, um Kleidung und Schminke, aber ebenso um Streit und Eifersucht. Um Belange also, die zur Liebe gehören. Dabei dreht sich doch alles um Gefühle, meinen wir, nicht um Können. Dann bräuchte es keine Ratgeber in Liebessachen. Die gibt es auch heute wie Sand am Meer. Ich bilde mir ein, zu diesem Thema eine eher grundsätzliche Einsicht beizusteuern.
Liebe, kurz gesagt, bedeutet, unter anderem, versteht sich, dass ich meinen Vorteil dem Wohlergehen der Person unterordne, die ich liebe. Auch das klingt alles andere als zeitgemäss. In einer Liebesbeziehung nach heutigen Ansprüchen muss man sich nicht alles gefallen lassen. Gewisse Eigenarten stehen sehr wohl zur Debatte. Man darf klarstellen, dass das gemeinsame Glück auf längere Zeit misslingen wird, sollten sich nicht gewisse persönliche Eigenarten ändern oder ganz unterbleiben. Eine Kollegin macht sich Sorgen, da ihr neuer Freund beim Essen schmatzt. Sie holt Rat ein, wie sie ihm schonend beibringen könnte, das zu unterlassen. Es ist zumutbar, von jemandem zu erwarten, er solle mit Schmatzen aufhören. Gerne wird also Liebe an Bedingungen geknüpft. Das klingt sehr souverän. Wenn wir aber die obige Auslegung von Liebe zu Rate ziehen, dass ich nämlich auf meine Vorteile verzichte, erweist sich der dringende Wunsch nach einer Verhaltensänderung eher als selbstbezogen. Der Partner muss also vorwurfsfrei klarmachen, dass er ohne diese Verhaltensänderung keine Beziehung leben kann.
Der Wunsch kann also unmöglich als Forderung daherkommen.
Was Liebe angeht, so steht fest, dass umso deutlicher Eigenarten zutage treten, die lästig fallen, je länger man zusammenlebt. Wenn ich ansage, alle Fenster zu schliessen, bevor wir verreisen, und ich eines übersehe, liegt ein Fehlverhalten vor, bei dem es zumutbar ist, es zu ändern. Wer aber von Natur aus begnadet ist, dass er oder sie über ein fotografisches Gedächtnis verfügt, stösst sich an der Vergesslichkeit des Partners. Ob der diesen Mangel auszugleichen in der Lage ist, steht für viele fest. Vielleicht aber leidet die Person an einer Art Neglect, einer Störung der Aufmerksamkeit. Wie geht man Vergesslichkeit an, wenn auch Postits kaum abhelfen? Der Ratschlag, man solle sich anstrengen, an Wichtiges zu denken, da sonst Zweifel an der Liebe aufkommen, klingt herzhaft naiv. Immerhin ist bekannt geworden, dass das Gehirn zweckmässig vergisst und nicht aus einer Schwäche heraus.
Angenommen also, die Partnerin ist ernsthaft ausserstande, eine bestimmte Eigenart an sich zu ändern, dann erweist es sich selbst als lieblos, wenn man die Liebe von der Veränderung dieser Eigenart abhängig macht.
Wie sollen wir damit umgehen? Für Italiener hat Liebe wider Erwarten nur bedingt mit romantischen Gefühlen zu tun. So zum Beispiel wenn sie sagen: «Ti voglio bene.» Im Netz wird das übersetzt mit «Ich hab dich lieb.» Wörtlich heisst das: «Ich will dir gut». Demnach hat Liebe auch mit der Entschlossenheit zu tun, jemanden zu lieben. Das klingt völlig unzeitgemäss. Gerade deshalb sollte man neu hinhören, denn auch vergessene Möglichkeiten sind gültige Möglichkeiten, je nach Umweltveränderung, die neue Anpassungen verlangen. Und wir wissen nie, welche Veränderungen anstehen. Das gilt für Gesellschaften genauso, wie für Liebesbeziehungen. Wer es für abwegig hält, dass Wille und Entschlossenheit mit zur Liebe gehören, wird auch meinen Beitrag ablehnen. Im Sinne einer Kunst formuliert lautet er wie folgt:
Was dein Partner an sich nicht ändern kann, das musst du lieben.
Oder es lieben wollen.
Bei Schulkindern, wenn ihre charakterlichen Eigenarten oder kulturbedingten Verhaltensweisen Streit oder Missverständnisse auslösen, gebe ich zur Übung spassige Anweisungen. Etwa die: Hör auf, ein Mädchen zu sein! Hör auf, blonde Haaren zu haben! Sei von nun kein Deutscher mehr! Dadurch wird einsichtig, dass wir gewisse Dinge an uns nicht verändern können. Hingegen die Anweisung: Hör auf, mich fett zu nennen, diese Veränderung ist zweifellos machbar. Umgekehrt wird klar, dass die Anweisung an ein Kind verfehlt ist, das neuronalbedingt wenig Impulskontrolle hat, es solle sich artig benehmen, statt herumzuschreien und Andere ins Gesicht zu fassen. Oder dass ein Autist oder Asperger von nun an sich mehr an anderen interessiert zeigen soll.
Beispiele für Eigenarten, die schwierig oder gar nicht zu ändern sind, gäbe es zuhauf. Die Frage ist, wie weit ich für andere, besonders für meine Partnerin entscheide, ob sie in der Lage ist, dass sie eine Eigenschaft unter Kontrolle bringt, die mich belastet. Jener Fall, wenn jemand eine zumutbare Änderung verweigert, liegt abseits jeder Liebeskunst. Das Beispiel kommt für Liebe gar nicht in Frage.
Wie aber entscheiden wir von aussen, ob jemand etwas nicht kann oder es nicht will?
Das weiss am besten die Person selbst, die es betrifft. Und es gehört wesentlich zur Liebe, dass ich ihr Glauben schenke. Es wäre sachlich unzumutbar, wenn man von einer hochsensiblen Person erwartete, sie solle bitteschön gelassen bleiben, wenn der Eimer halboffen steht und abstinkt, und nicht andauernd Schuldige ermitteln. Wie soll man mit dieser Person leben?
Eben: Indem du liebst, was nicht zu ändern ist.
Das gehört, wenn auch abgeschwächt, zur Lebensweisheit im Allgemeinen: Nimm an, was nicht zu ändern ist, heisst es da. Eine empfindliche Person lieben heisst also, dass ich ihre Sorgfalt würdige, auch wenn sie mir persönlich entgeht, dass ich ihre tägliche Mühe um ein unbelastetes Leben wertschätze, indem ich erkenne, wie sie frühzeitig Vorkehrungen trifft, damit sich Unerledigtes nicht derart auftürmt, dass es ihr den Atem nimmt und sie so ausserstande ist, mich zu lieben. Auf Eigenarten Rücksicht nehmen, da sie nicht zu ändern sind, stösst uns, die wir moralisch besonders heikel geworden scheinen, allerdings sauer auf, zumal wir Eigenart und Egoismus gerne in einem Atemzug nennen. Egoismus ist ein Vorwurf, der sehr locker sitzt. Ich halte ihn für eher kurzsichtig. Jedenfalls zeugt er von wenig Überlegung. Die Rücksicht auf Eigenarten hängt an der Frage, wie es kommt, dass das Leben überhaupt Eigenarten hervorbringt. Oder:
Was wäre die natürliche Aufgabe persönlicher Eigenarten?
Gerne missverstehen wir sie als Abweichung von einer Norm. Als handelte es sich dabei um Fehler. Jede Lebensform gibt, sofern sie sich fortpflanzt, mit ihrem Genpool einen unermesslichen Vorrat an Eigenarten weiter. Verschiedenste davon kommen zur Welt, sie verändern sich oder bleiben, wie sie sind. Das Leben sorgt also für eine Möglichkeitsfülle auf Vorrat, damit es Umweltveränderungen meistert, die selten absehbar sind. Natürliche Eigenarten bedeuten folglich eine Anpassungsleistung, die das Leben gleichsam in der Hinterhand behält.
Dadurch wird auf einmal einsichtig, warum Menschen gewisse Eigenarten nicht verändern können.
Denn sie sollen sich nicht verändern. So will es das Leben.
Und so bekommt die Liebe Sinn, die am Anderen achtet und wertschätzt, was er an sich selbst nicht ändern kann.


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