Evolutionäre Überlegenheit ist nie von Dauer. Zu rasch verändern sich die Umwelten, ganz besonders in der so genannten kulturellen Evolution, wo es um Sprache, um Zeichen und Regeln, um Moden, aber auch um künstlich gefertigte Gegenstände geht. Ein Beispiel, das mehr Bescheidenheit nahelegt, wenn man sich evolutionär überlegen fühlt, gibt die Arschtasche meiner neuen Winterjacke.

Vor Tagen sass ich im Zug und tippte reichlich Konversation in mein Smartphone. Meine Winterjacke mit künstlichem Futter hatte ich beiläufig neben mich hingelegt, in gewissem Sinne zerknüllt, da die Fahrt nur kurz dauerte. Unmittelbar vor Ausstieg verstaute ich das Handy in einer der Taschen und schloss für ein paar Momente die Augen. Draussen dann vor dem Kino suchte ich in der Jacke vergeblich danach, um mein Zertifikat vorzuweisen. Mein papierner Schein, der meine Genesung bestätigte, wurde nicht anerkannt. Zu Hause rief ich mein Handy an. Zu meinem Entsetzen vibrierte es in der Winterjacke. Es zeigte sich, dass ich das Gerät unwissenderweise in eine zusätzliche Tasche verstaut hatte, die über dem Hintern angenäht war. Eine regelrechte Arschtasche, von der ich keine Ahnung hatte. Wozu braucht man so etwas? Ich hörte, Fischer hätten solche Jacken. Vielleicht wagte es ein Modedesigner, mit dieser Arschtasche an meiner Winterjacke die traditionelle Fischerei in aufregender Weise zu zitieren, wie wenn man Symboliken der Hochseefahrt oder des Kohleabbaus in die Mode einarbeitet.

Modetrends muss man als Umweltveränderungen begreifen. Die Auslese hatte mich infolge unzureichender Anpassung an die blitzartig veränderte Umwelt in Figur einer Arschtasche vom Konsum eines Kinofilms gebracht, der mir womöglich eine bahnbrechende Inspiration beschert hätte. Der dümmlichen Aufregung wegen weiss ich nicht mal mehr seinen Titel.

Der Wahn, man sei evolutionär überlegen, kennt viele Beispiele: Der Westen sieht sich gerne anderen Kulturen überlegen. Die europäischen Imperien des 19. Jahrhunderts stehen dafür. Erst ein Weltkrieg, den sie anzettelten, liess sie untergehen. Als der Tsunami wütete, flohen wilde, unterlegene Völker den Tieren nach ins Landesinnere, wo sie überlebten, während Angehörige der westlichen Überlegenheit verdutzt über das fehlende Meer Fische einsammelten, bis die Welle sie erfasste. Darwin hat das genau unterschieden, indem er klarstellte, nicht das stärkste Leben setze sich durch, sondern das geschickteste. Daher redet er von „to struggle for life“ anstelle von „to fight“. Die Auslese setzt auch nicht notwendig eine gegnerische Konkurrenz voraus, sondern ebenso eine Situation, die einfach mühevoll zu bewältigen ist, wie wenn etwa Bären in Gebirgshöhen klettern, da sie dort unter Geröll Nahrung finden.

Für evolutionär überlegen hielt ich mich nie, hingegen für zweckmässig und dauerhaft an meine Umwelt angepasst. Bis zu besagter Arschtasche. Daher befällt mich ab jetzt die Sorge, ich könnte auf einmal nur dürftig an neue Ansprüche angepasst sein, wenn ich zum Beispiel  Hosen zum Kaufen in Händen halte, deren Beintaschen unmittelbar auf den Knien angenäht sind. Aber der Verkäufer überredet mich geschickt, er wurde mir ja auch empfohlen. Es hiess, er wisse auf den ersten Blick für jeden beliebigen Kunden die passende Hose. Seine Überredungskunst verhilft mir zu sofortiger Anpassung, wobei zu beachten ist, dass die Empfehlungen, die mir zugetragen wurden, eine Auslese bedeuten, die für ihn günstig ausfällt. So verlasse ich den Laden bestmöglich an modische Umweltveränderung angepasst, jedoch mit Beintaschen auf den Knien, bei den Zweifel aufkommen, wie man sie beugen soll, wenn da ein Handy drin verstaut ist?

Zum Glück wird dieser ganze Zirkus irgendwann ein Ende finden. Die Erfahrung, dass die vorzügliche Anpassung, die man als Erwachsener garantiert, früher oder später ins Abseits führt, gehört wesentlich zum Alter.

Irgendwann leben wir alle im Gestern.