Es herrscht Lehrermangel. Die Erklärung: Übermässig viele Pensionierungen treffen auf übermässig starke Geburtenjahrgänge. Aber die Sache greift tiefer.

Interessant, dass bei diesem Ausdruck die männliche Variante überlebt. Warum nicht LehrerInnenmangel? Oder Lehrpersonenmangel? Der Mangel an Männern wird hier ja nicht beklagt. Es fehlt an Lehrkräften. Früher ging dieser Missstand Hand in Hand mit wirtschaftlicher Blüte, die Lehrkräfte von ihren Ämtern abzog. Kam es erneut zur Flaute, kehrten sie in den wattigen Staatsdienst zurück und walteten ihrer Autorität. Heute sind Lehrkräfte in der Wirtschaft ungern gesehen. Man weiss nicht, was mit ihnen anfangen. Notorische Rechthaber sind bei Teambildung und im Projektmanagement ohnehin fehl am Platz. Dem Problem harrt eine hemdsärmelige Lösung: Pensen erhöhen, vielleicht sogar Teilzeitarbeit verbieten. So hört man es landauf, landab. Andere graben tiefer und sehen im Umstand, dass die Lehrkraft zur blossen Lernbegleitung herabgewürdigt wird, eine wesentliche Ursache für den Mangel. Diese berufliche Veränderung könnte auch Lohnkürzungen zur Folge haben, schliesslich soll der Staat wie ein Unternehmen vorgehen. Eine Augenwischerei, denn er muss keine Einkünfte erwirtschaften.

Die Gesellschaft funktionierte früher über persönliche Autorität: Der Familienvater, der Pfarrer, der Herr Doktor, der Bürgermeister, eben der Lehrer. Sie alle amteten kraft ihres Ansehens. Kein vorteilhaftes Ranking zeichnete sie aus.

Sie wirkten, weil die Bürger vor ihnen kuschten.

Daher schulterten sie alle Verantwortung, und da sie in ihrem Amt sehr oft vereinsamten, strichen sie so nebenbei eine Belohnung ein, indem sie ihre Tage mit Willkür würzten.
Einer meiner Vorgänger damals in den Dörfern des Ostthurgaus soll nach der Schule Apfelwein in der Gaststätte getrunken haben, stehend an den Ofen gelehnt. Immer wieder bereicherte er sein langweiliges Leben, indem er den Mädchen unter die Röcke griff. Darüber wusste man Bescheid. Und es soll, gleichsam schulterzuckend geheissen haben, so wüssten die Mädchen gleich von Anbeginn, wie das eben so sei mit den Männern. Unhaltbare Zustände aus heutiger Sicht. Auch dass Lehrkräfte die Notenvergabe über den Daumen peilten, also nach Sympathie beurteilten oder wie es ihnen sonst so gerade recht war, wobei sie Leistung und Benehmen beliebig vermischten, wird heute nicht mehr geduldet. Die Veränderung aber kennt kein Mass. Wie so oft in Natur und Geschichte stürzt sie kopfüber in ihr Gegenteil:

Die Demontage der Autorität kippt in blankes Misstrauen.

Das zeigt sich beispielhaft am Verhältnis der Lehrkräfte zu den Elternschaften, wenn sie, statt sich zu ducken, kritisch Einfluss nehmen auf den Schulalltag. Nun wird Lehrkräften zu kuschen angeraten. Und Ratschläge sowie Empfehlungen sind heute als Vorschriften zu verstehen, sie kommen nur weichgespült daher. Im Deckmantel sanften Regierens und im Schutzmantel eines Konstruktivismus, der mich bei meiner Behauptung, diese Nettigkeiten verdeckten heimliche Vorschriften, auf meine ganz persönliche Deutungsarbeit zurückverweist. Nun also sind Lehrkräften ihre persönliche Autorität genommen wie ein Schild dem Kämpfer. Auch Ärzte stecken Kritik ein von Patienten, die dank des Internets alles besser wissen, während Pfarrer sich damit abzufinden haben, dass nicht mehr für bare Münze genommen wird, was sie predigen, sondern als ihre persönliche Ansicht abgebucht. Der Abbau an persönlicher Autorität geschieht aus guten Gründen, wie dargelegt. Nun ist es jedoch der Fall, dass trotz dieses Verlustes der Auftrag an die Lehrkraft der gleiche geblieben ist.

Übersehen wird daher, wie entblösst Lehrkräfte heutzutage sind.

Von Seiten Politik und Wissenschaft stehen sie unter Generalverdacht, sie würden jeden Freiraum eigenmächtig missbrauchen. Man könnte meinen, unter den amtlichen Schulreformern gäbe es mehrheitlich Personen mit schlechten Schulerfahrungen. Ein wesentlicher Impulsgeber für den Lehrplan 21 soll gesagt haben, Lehrer müsse man unter Kontrolle bringen, denn sie machten, was sie wollen. Dieses Votum leistet der These Vorschub, wonach Lernziele weniger den Kindern dienen, die sie laut entwicklungspsychologischer Einsichten sehr oft als Etwas verwechseln, das störend dazukommt, sondern der Disziplinierung der Lehrkraft. Denn die Lernziele, die das Resultat eines Lernprozesses messbar in Worte fassen, bestimmen die Arbeit der Lehrkraft bis in die feinsten Einzelheiten. Genau wie beim Management, und vormals beim Militär, woher diese Art der Zielformulierung auch stammt. Dort bestimmen Dringlichkeiten wie Rendite sprich wirksam orchestrierte Abwehr eine Rolle. Das lässt sich kaum in Frage stellen. Die pädagogischen Dringlichkeiten für operationalisierte Lernziele lassen sich hingegen zur Debatte stellen: Selbständigkeit erklärt hier alles. Diese so sehr erwünschte Selbständigkeit erfüllt ein Promill der Schülerschaft, meiner Erfahrung nach. Bei den allermeisten ist auch im Rahmen Wochenplan und Lernzielorientierung täglich Druck anzusetzen.

Was in meinen Augen völlig natürlich ist.

Die Massnahmen der Liberalisierung, soweit sie Arbeitnehmer oder Angestellte betrifft, nämlich Transparenz in der Leistung sowie mehr Bürokratie, betreffen freilich auch Lehrkräfte. Dazu kommt eine weitere berufseigene Entblösstheit: Kinder berichten von den Eigenarten ihrer Lehrperson, wenn ihre Hosen Flecken aufweisen, wenn sie mürrisch ist und ungehalten, welche Ordnung sie hat am Pult. Spezialisten wie Sonderpädagogen oder Psychomotoriker, aber auch Schulleitung, Behördenmitglieder und Elternschaften spazieren in ihr Schulzimmer, wann es ansteht. Neuerdings stehen die Türen ohnehin offen, wohl aus dem Grund, dass man so dem Vorwurf vorbeugt, ein Eigenbrötler zu sein. Auch wird, aus einsichtigen Gründen, so verhindert, dass man sich mit einem Kind alleine im Zimmer aufhält. Die Besucher klopfen freundlich, beugen sich vor und treten ein. Natürlich nehmen sie auch unbeabsichtigt Augenschein von der Ordnung im Schulzimmer, von der Stimmung in den Klassen, vom Tonfall und Verhalten der Lehrkraft ihren Zöglingen gegenüber, von ihrer Art, wie sie reagiert auf ungeplante Vorkommnisse. Dass später darüber geredet wird, lässt sich zuverlässig vermuten. Immerhin sind alle diese Besucher berechtigt, bei der Schulleitung, dieser heimlichen Beschwerdestelle ihre Kritik an der Lehrkraft anzubringen.

Lehrkräfte sind Diener dutzender Herren. Und Damen.

Lehrkräfte wissen bei Gästen, Eltern und Vorgesetzten nie, über wieviel Einblick in ihre Arbeitsweise sie vom Hörensagen verfügen. Auch zu Kollegen ergeben sich solche Verdachtsmomente. Vorfälle, Eigenarten sprechen sich empfindlich herum. Der Einzugsbereich einer Schule hat immer dörfliche Ausmasse, auch im Quartier einer Grossstadt. Lehrkräfte arbeiten mit Spezialisten eng zusammen, die für die gleiche Dauer dieser Zusammenarbeit höher entlöhnt sind: Schulleitung, Heilpädagogik, Psychomotorik, schulische Psychologie. Dabei besteht sachlicherweise ein Gefälle, das vorgibt, dass die Lehrkraft ihre persönliche Erfahrung den Voten der Spezialisten unterzuordnen hat.

Die Lehrkraft hat pfannenfertige Konzepte zu übernehmen, Lerneinheiten, Lehrmittel, schulische Modelle, Vorgaben des Lehrplans. Das versteht sich als Entlastung. Schliesslich soll sich die Lehrkraft nicht mehr wie früher in ihrem Schulzimmer eigenbrötlerisch vergraben und dort die ganze Welt neu erfinden. Die Bildungspolitik stellt zudem die Erwartung an Lehrkräfte, dass sie in Gremien Einsitz nehmen, deren Wirkungsbereich über das eigene Schulzimmer hinausgreift. Oder die davor Halt macht. Denn das meiste Engagement in diesem Bereich beeinflusst selten die Qualität der Arbeit im Schulzimmer. Wie in anderen Berufsgattungen hält sich auch hier beharrlich der Eindruck, in solchen Gremien würden bloss politische Vorgaben abgehakt, die man von draussen an die Schule heranträgt. Überall arbeiten sie Listen ab, erstellen Tabellen, füllen Formulare aus, ohne dass sich der Arbeitsalltag spürbar verbesserte. Diese Situation widerspricht dem Umstand, dass Lehrkräfte heute einen Anstrich von Wissenschaftlichkeit an Hochschulen verpasst bekommen, damit sie Elternschaften parieren, die gebildeter sind als früher. So jedenfalls begründete Ernst Preisig, Alt-Rektor der Pädagogischen Hochschule Thurgau, die Dringlichkeit neuer Lehrerbildung auf TeleD. Auch die Verwissenschaftlichung des Lehrberufs hilft diesem Misstrauen nicht ab. Selbst die Lehrmittel reden an der Lehrkraft vorbei, indem sie sich unmittelbar an die Kinder wenden. «Du kannst das Nomenspiel mehrfach spielen, wenn du magst», heisst es da. «Suche einen Partner. Tauscht euch darüber aus, welche Probleme ihr beim Spielen hattet. Du bekommst von deiner Lehrperson die nötigen Materialien ausgehändigt». Und so zerbricht man sich den Kopf darüber, wie genau dieses Spiel vonstattengeht, falls Fragen kommen, man sucht die Kopiervorlagen heraus, die als Zusatz nur gegen Lizenzgebühren im Internet greifbar sind, schneidet aus, klebt und laminiert. Die Lehrmittelautoren gehen offensichtlich davon aus, dass die Kinder einfach so die Notwendigkeit ihres Lernstoffes vorweg eingesehen haben und sich aus freien Stücken und dauerhaft konstruktiv dieser Sache widmen, als wäre es eine reizvolle Freizeitbeschäftigung für sie. Kinder, die so vorgehen, stellen eine beträchtliche Minderheit.

Und meistens handelt es sich dabei um soziale Sonderlinge.

Was hier geliefert wird, ist pädagogischer Kitsch. Und die Lehrkraft hat ihn auszuführen. Ein Lehrermangel und seine Gründe. Wer soll diese Arbeit tun? Unter diesen Bedingungen? Das Ganze sieht aus meiner Sicht so aus, aus keiner sonst.

Aber was bin ich schon:

Kein Lehrer mehr, dafür eine Lehrperson. Ohne Geschlecht und ohne Geschichte, verblasst an Kanten und Farbe.

Am besten verschwinde ich ganz.