Kalifornien bringt nicht nur Orangen und Hippies hervor. Unter seiner Sonne gedeihen auch Internetgiganten. Ihre Betreiber glauben an Technik, aber nicht an Gesetze, die für alle gelten. Daher dulden sie keine Regulierung, selbst wenn diese demokratisch zustande kommt. Sie wähnen sich abgekoppelt von aller Geschichte. Offenbar haben sie in dieser Sache zu viel Sonne erwischt.

Diese Internetgiganten bringt man neuerdings in der Abkürzung GAFAM auf den Punkt. Sie meinen, von der Geschichte abgekoppelt zu sein. Vielleicht wird das ihnen bloss unterstellt, jedenfalls lässt sich ihr Vorgehen so deuten, vor allem, was sie dazu verlauten lassen: Nichts soll sie daran hindern, dass sie Probleme mit Technik lösen. Keine Gesetze, keine Tabus, keine konservativen Empfindlichkeiten. Nun zeigen jedoch alle GAFAM bestimmte Eigenarten, die sie mit der alten Welt, von der sie annehmen, sie hätten sie hinter sich gelassen, auch heute eng verbinden.

Genau genommen setzen sie sie fort.

Ein gewaltiger Überblick zum Thema Macht, Freiheit und Demokratie in Zeiten künstlicher Intelligenz, von den Autoren Nemitz und Pfeffer in der Tradition der Kritischen Theorie vor zwei Jahren vorgelegt, wirft manches Schlaglicht in diese Betriebe. Die Autoren sehen die GAFAM als nahtlose Fortsetzung des amerikanischen Frontier-Siedlertums, das an der Küste Kaliforniens sozusagen strandete. Sein Eroberungszug habe sich von der Landnahme in den Cyberspace verlagert [Ebd. 95-97]. Siedler sind auf sich allein gestellt, sie setzen um, was technisch machbar ist. Diese Möglichkeiten setzen sie nach Nutzen und Vorteil bis zur Neige um. Niemand kam ihnen zu Hilfe, kein Gesundheitswesen, keine Polizei. Niemand verlangte von ihnen, Überschüsse ihres Vermögens an andere umzuverteilen. Staatliche Einflüsse traten notorisch verspätet auf. Zumeist störten sie das Arrangement, das die Siedler mit ihrer harten Umwelt gefunden hatten. Diese Frontier-Haltung erklärt den Zweifel von GAFAM an demokratischer Regulierung. Dafür hielten die Siedler an der Bibel fest. Denn wer eigenmächtig Bären und Indigene erschiesst, trägt besondere Sorge zu seinem persönlichen Seelenheil. Ganz besonders in der Neuen Welt, wo neue Möglichkeiten einen leicht verführen. Fraglich wird auch, wer das Mass bestimmt, wie weit man gehen darf. Die Bibel steckte einst dazu den Rahmen ab, heute bestimmt die Technik, was möglich ist und wie weit. Aus diesem Ist- Zustand folgt auch gleich ein Sollen. Eine Schlussfolgerung, die wissenschaftlich gesehen unzulässig ist. Aber die Bibel taucht mehrfach ausgedünnt sogar noch heute unter Kalifornischer Sonne auf: Heutzutage hört man in den normierten Fress-Mensen des Silicon Valley Bekenntnisse zu gesunder Ernährung aus evangelikalem Brustton erschallen. GAFAM stehen allgemein gesehen ganz klar in der Tradition des Glaubens an Technik und Automatik. Sie teilen selbstverständlich die Grundsätze eines wettbewerblichen Liberalismus, wie sie seit nahezu zwei Jahrhunderten gelten. Nichts von Neuerung also in dieser Hinsicht. Wie es sich für ein Unternehmertum gehört, das im Wettbewerb steht, pflegen GAFAM Geschäftsgeheimnisse: Ihre Algorithmen bleiben unter Verschluss, zumal sie Nemetz/Pfeffer zufolge nach einem unbekannten Wertesystem gestrickt sind, das vorab einprogrammiert wurde, sodass die Künstliche Intelligenz zum Beispiel die Förderung der Raumfahrt immer für wichtiger ausweist als den Ausbau von Kindergärten [ebd 221]. GAFAM ordnen moralische Empfindlichkeiten der Rendite unter wie seit je üblich. Sie nehmen Süchte in Kauf [ebd. 226, 27], unsere Dopaminabhängigkeit bei Klicks und Likes infolge eines natürlichen Dranges zur Anerkennung durch andere, sie fördern sie sogar. Damit unterscheiden sich GAFAM in keiner Weise zum Beispiel von der Tabakindustrie. GAFAM manipulieren Nutzer [ebd. 230], wie es seit je die alte Welt über Werbung und politischer Propaganda tat. Wollte jemand wirklich aus der Geschichte aussteigen, müsste er sich von Manipulation lossagen. In Sachen Falschmeldungen verbleiben GAFAM auf dem Niveau von Boulevardblättern. Oder sie betreiben damit rüde, bauernschlaue Machtpolitik, wie sie allen Kulturen in allen Vergangenheiten wohlvertraut ist.

Dieses Treiben wird solange andauern, als eine höhere Gewalt sie gewähren lässt. So hat der US-Bundesstaat das Leben der Siedler irgendwann nachreguliert. Vielleicht erahnen GAFAM das gleiche Schicksal, nutzen jedoch alle Mittel, damit dieser Vorgang möglichst lange verzögert wird, etwa durch gezielte Überdehnung und Verkomplizierung von Debatten zu Gesetzesvorlagen [ebd. 179]. GAFAM wären auch dann nicht aus der Geschichte gefallen, hätten sie Open Source statt Kommerzialisierung als Richtlinie gesetzt. Denn damit wäre eine Art Sozialismus in die Zukunft fortgeschrieben worden.

Niemand entflieht der Geschichte. Konservative bekennen sich ausdrücklich zur Vergangenheit. Nach Konfuzius hängt Wohl und Heil einer Gesellschaft völlig davon ab, dass die Sitten der Ahnen treue Würdigung erfahren. Aber auch der „Mensch in der Revolte“ bleibt mit dem Alten eng verbunden, Revolutionäre, etwas gemässigter Progressive oder Reformer, indem sie bei den Möglichkeiten, die das Alte heiligt, verteufelt oder missachtet, einfach nur das Vorzeichen umstellen. Das wäre dann eine genau verkehrte Fortsetzung des Vergangenen. Demnach spinnt sich das Vergangene sozusagen auf den Kopf gestellt in die Zukunft fort.

Es gibt Helden der Bewahrung, es gibt Helden der Rebellion.

Für den Fortgang des Lebens sind sie beide nützlich.