Wer in der Politik rote Linien zieht, sorgt sich um Werte, die ihm am Herzen liegen. Die Person fühlt sich in die Pflicht genommen. Eine sich schleichend anbahnende Übermacht gehört ausgeglichen, zurückgestutzt. Kein Wenn und Aber mehr. Zwar markiert diese Person so nach wie vor Gesprächsbereitschaft, sie beweist also Toleranz, allerdings unter eben dieser Bedingung. Genau genommen schürt sie Krieg.

Im Vorfeld zu beiden Weltkriegen wurden fleissig rote Linien gezogen. Hüben wie drüben. Wahrscheinlich lässt sich diese Entwicklung auch vor anderen militärischen Konflikten nachzeichnen. Zumeist gipfelt sie in der Androhung, diplomatische Beziehungen einzustellen. Alle drei Kaiser zündelten vor dem Ersten Weltkrieg mit der Androhung, zu den Waffen zu greifen, sollten die Gegner irgendwelche roten Linien auch nur berühren. Daher sieht Christopher Clarke die Kriegsschuld auf alle Parteien verteilt. Bezeichnenderweise zum Missfallen deutscher Historiker, die an der alleinigen Schuld Deutschlands festhalten, da sie als Erste eine nationale Grenze überschritten. Damit befürworten sie ein ganz anderes Schuldkonzept. Dasjenige Clarks wäre systemischer. Nur bekäme die Hitlerei zu gewissen Teilen Recht, sollten wir Clarks Ansatz bevorzugen. Und daran hinge dann viel zu viel.

Wer punkto Corona, Klimawandel oder in kulturellen Spannungen Rote Linien zieht, trägt also zur Möglichkeit bei, dass sie zum Krieg ausarten.

Das sollten all jene bedenken, die sich neuerdings aus voller Brust zu gewissen Werten bekennen. Vielleicht finden sie zur Einsicht, dass ihr Leben erst jetzt so richtig Sinn erhält. Eine Art bissiger Selbstfindung, die früher zu Heldentode anspornte. Auf Kosten eines späten Gegners findet man nach Jahren postmoderner Trägheit endlich zu Haltung und Schneid. Auf jeden Fall legen wir rote Linien im Alleingang fest. Das scheint völlig selbstverständlich. Den Gegner können wir ja nicht befragen, zumal auch er seine roten Linien ohne Rücksprache zieht. Was derart auf der Hand liegt, zeigt zumindest sehr klar, dass wir diese folgenreiche Massnahme ausserhalb eines Dialogs treffen.

Die rote Linie ist ganz unser Eigenes. Vielleicht bringt sie das Eigene sogar auf den Punkt. Die Taliban möchten Frauen auf ihre traditionelle Rolle beschränkt sehen, wir pochen auf ihre Selbstbestimmung. Das bedingt sich gegenseitig viel eher, als uns lieb wäre. Der Konflikt wirkt unvermeidlich. Wäre es also besser auf rote Linien zu verzichten? Das würde bedeuten, dass wir Intoleranz tolerieren müssten. Kinderarbeit oder Frauenbeschneidung sind für uns schlichtweg nicht verhandelbar. Wir müssten andere Kulturen beim Schlimmstmöglichen mit Nachsicht bedenken. Aber genauso dulden wir ja den unseligen Nachbarn, der seine Frau schlecht behandelt. Selten bis gar nie greifen wir ein.

Intoleranz tolerieren wäre eine Sünde wider den Geist, wie mir jemand empört zu verstehen gab. Warum auch, denn Toleranz bedeutet bloss, dass wir ein Fehlverhalten dulden. Mit Anerkennung hat das gar nichts zu tun. Statt dass wir also den Geist in dieser Sache bemühen, erwägen wir besser realpolitische Folgen, die wir hervorrufen, wenn wir gegen Intoleranz zu Felde ziehen. Diese Folgen liegen völlig klar:

Bekämpfen wir Intoleranz, verschärft sie sich.

Wobei klar ist, dass Intoleranz auf beiden Seiten beklagt wird. Dazu gibt es Beispiel zuhauf. Die Taliban sind nach Jahrzehnten daran erstarkt, dass sie bekämpft wurden. Die hastige Verwestlichung Irans unter der Ägide eines Schahs kippte in ihr Gegenteil: Iran wurde zum Gottesstaat.

Wer ohne Zustimmung aufs Gas tritt, wird ausgebremst.

Auf Stufe internationaler Völkerschaft richten rote Linien immensen Schaden an. Wir sind derart eng zusammengerückt, dass es an sturer Blindheit grenzt, wenn wir darauf beharren, mit Menschen keine Gespräche führen zu können, die an anderen Werten festhalten. Die im Alleingang gesetzte rote Linie verbietet es.

Und ihr Rot zeigt Blut an. Sie verrät ihre Aufgabe schon vorweg.

Planetarisch gesehen drängt sich ein Umdenken auf. Rote Linien bedeuten auf dieser Ebene in jedem Fall Aggression. Ihr Aspekt unbedingter Verteidigung, die notfalls Rundumschläge befürwortet, erweist sich im globalen Dorf als eine ungesunde Selbstbezogenheit.

Als eine Art schwieriger Autismus.