Endlich habe ich eine Wallfahrt nach Sils-Maria ins Nietzsche-Haus unternommen. Wie ein Verrückter las ich dieser Tage im «Zarathustra». Dabei stellte ich betroffen fest, dass ich kein Nietzscheaner mehr bin.

Nietzsche gehörte mit Fellini und Miles Davis zu einem Dreigestirn, das mich vor Jahren dazu brachte, den Beruf als Grundschullehrer wieder aufzugeben. Die drei lassen sich schwerlich auf einen Nenner bringen. Nun, da ich erneut in diesem Bereich arbeite, befiel mich die Sorge, meine Wallfahrt nach Sils könnte mich nach Jahren in Schwierigkeiten bringen.

Philosophie, Filmkunst und Musik. Nietzsche, Fellini und Davis sind auf den ersten Blick auf keinen Nenner zu bringen. Was sie aus meiner Sicht vereint:

Sie haben einen Sinn für das Instinktive.

Was nun Nietzsche im Besonderen anbetrifft, so lässt sich sein Programm am Beispiel der Symbolfolge Kamel, Löwe und Kind aus dem ersten Teil seines «Zarathustra» umreissen [p 25-27]: Das Kamel steht als Lasttier für den Menschen, der seine Instinktnatur verleugnet, damit er Regeln des Zusammenlebens erfüllt, wie sie seit jeher gültig sind. Der Löwe hingegen bricht überkommene Gültigkeit, damit seine Natur freien Lauf geniesst, während das Kind für den Menschen steht, der von dieser revolutionären Kraft nutzniesst und mit seiner Instinktnatur erneut im Reinen lebt, wie ein «aus sich selbst drehendes Rad» [ebd p 27]. Löwe und Kind sind die Zustände, auf die Nietzsche hinarbeitet, indem er die Kamelnatur über alle seine Bücher hinweg zum Teil kritisch, zum Teil in persönlich gefärbtem, aber sprachgewaltigem Aufruhr zerlegt. Falsche Wissenschaft, falsche Politik, falsche Philosophie, falsche Religion. Und auch wenn ich kein Nietzscheaner mehr bin, so sehe ich seinen Beitrag zur Kulturgeschichte als eine Pionierleistung. Ein Startpunkt zu einer stetig wachsenden Bewegung, die einerseits dafür sorgt, dass die Hochleistungsgesellschaft etwas herunterkocht. Andererseits schleift sie die moralische Brutalität, die in vergangenen Jahrhunderten unter Menschen privat wie öffentlich gängig war.

Zu Nitzsches Gefolge zählen Soldaten des Ersten Weltkriegs, die im Schützengraben seinen «Zarathustra» lasen. Herrmann Hesse wäre ebenso hier zu nennen, dann Wilhelm Reich und viele andere, die 68er, das New Age, die gesamte Postmoderne. Kein Denker, keine Denkerin des 20. Jahrhunderts kam an Nietzsche vorbei.

Sein Gefolge besteht aus Verwundeten, so meine Vermutung. Entweder fliehen sie aus dem Kirchengestühle, oder sie scheiden aus dem Getriebe einer Hochleistungsversorgungsgesellschaft.

In der Überwindung ihrer Kamelnatur finden sie zusammen.

Und genau hier liegt der Punkt, von dem an es für mich kein Zurück in dieses Gefolge mehr gibt. Nietzsche lässt Zarathustra das Ansinnen aussprechen, Menschen von ihrer Herde zu lösen, damit sie zu sich selbst in reiner Natürlichkeit wiederfinden. Nur so wird man Übermensch, sprich zum Kind im genannten Sinne. Die Herde als Heimat der menschlichen Kamelnatur steht zur Debatte. Unter Menschen verachten wir das Herdenwesen. In der Natur aber reden wir von Intelligenz. Von Schwarmintelligenz: Die Herde hat mit dem Schwarm gemein, dass ihre Bestimmung in erster Linie darin liegt, mehr Schutz zu bieten. Der Angreifer verliert die Übersicht, er bekommt Mühe, an welches Einzelstück er sich heften soll. Eine Fledermaus, die sich von ihrem Schwarm beim Austritt der Höhle löst, wird sofort von Greifvögeln erbeutet. Damit dieser Schutz gewährleistet bleibt, halten die Mitglieder des Schwarms oder der Herde Abstand und Nähe zueinander genau richtig ein. Kleben sie zu sehr aneinander, verliert der Haufen seine Beweglichkeit zum Ausweichen. Ausserdem bleiben so die Impulse bei heranstürmender Gefahr dort hängen, wo sich der Schwarm derart verklumpt. Driften die Mitglieder zu stark voneinander ab, verlieren sie eben diesen Schutz. Ein Schwarm Makrelen, der von allen Seiten angegriffen wird, bietet uns ein atemberaubendes Schauspiel, ebenso die Staren über Rom im Abendlicht, wenn sie sich versammeln. Diese ästhetische Beweglichkeit gibt ein Bild von Intelligenz schlechthin ab. Gerade bei Schwärmen, die blitzartig wenden, kommt mir jedes einzelne Mitglied souverän vor, indem es im Kleinen verrichtet, was das grosse Ganze tut.

Die gleiche Erscheinungsform des Lebens, nämlich Herden oder Schwärme, bestehend einerseits aus Tieren, andererseits aus Menschen, können wir unmöglich einmal für intelligent halten, ein anderes Mal für dumpfblöde.

Dies einzusehen oder abzulehnen, hängt freilich von einem bestimmten Menschenbild ab. Wir meinen, unser Bewusstsein scheide uns von der natürlichen Herde ab. Wer also die Sonderstellung des Menschen befürwortet, kann mit Nietzsche übereinstimmen. Gesucht wäre dann eine Art höherer Instinkt, in dem der Übermensch erwacht. Dieser Instinkt ginge nicht als Triebnatur Vernunft und Kalkül voraus, sondern folgte danach. Geht man umgekehrt von der Einheit alles Natürlichen ab, wird Ausnahme und Durchschnitt als gleichwertig erachtet.

Denn ein Schwarm, eine Herde besteht aus Durchschnittstypen. Sie halten sich in Reih und Glied, folglich in Schutz und Hort, wie es diese Intelligenz vorsieht. Ihnen ist Verachtung sicher, nicht nur die Nietzsches. Immer wieder lässt man sich über den Nullacht-Fünfzehn-Bürger aus. Die Evolutionsbiologie hält hingegen Wertschätzungen für ihn bereit: Die beste Fortpflanzung, der sicherste Fortschritt passiert eben nicht an den Rändern der Verteilung, wo auch Nietzsches Übermensch zu verorten wäre.

Sondern im Bauch der Glockenkurve, im fetten Schwarm, in der dicht gedrängten Herde.

Die schillernden Ausnahmen dürfen ihre besonderen Dienste am Leben tun, jedoch bilden sie keinen Gegensatz zum Durchschnitt, von dem sie sich abheben.

Sie sind verschiedene Gangarten des gleichen Lebens.

Wer Schwarmintelligenz auch für Menschen annimmt, überwindet Nietzsches Denken und würdigt es doch.