Wenn man die Einheit von Natur und Mensch für Tatsache nimmt, gefällt das bei Weitem nicht allen. Viele sind besorgt, diese Annahme entlasse uns aus jeder Verantwortung. Das kann man anders sehen. Auch wenn es Gründe gegen diese Einheitsüberzeugung gibt, überwiegen ihre Vorteile aus meiner Sicht.

Der Verlust an Verantwortlichkeit ist deshalb nicht zu befürchten, da sie in der gesamten Natur vorkommt. Nämlich als Sorge. Sei es die Brutpflege oder die Aufgaben eines Leittieres. In den Reels, die auf Instagram als Erholungshappen für zwischendrin zu naschen sind, kommen zahllose Muttertiere vor, die in höchster Achtsamkeit ihre Brut vor Missgeschicken bewahren. Alte Elefantenweibchen traktieren rüde unerfahrene Mütter, wenn sie ihre Jungen ungeschickt behandeln. Das Gleiche widerfährt Leitbullen, die ihre Aufgabe vernachlässigen. Konkurrenz und Fressfeind lauern überall. Wenn wir Menschen unsere Verantwortung betonen, mag das an unserer angeborenen Eigenart liegen, die darin besteht, dass wir mehr von der Welt begreifen, als fürs blosse Überleben gerade nötig wäre. Vielleicht halten wir auch deshalb so sehr an unserer Verantwortlichkeit fest, da uns schlicht und ergreifend Fressfeinde abhandengekommen sind, die uns in Schach hielten.

Ein weiterer, eher deutbarer Grund gegen diese Einheitsüberzeugung beruht womöglich darauf, dass wir nur dann in der Lage sind, uns völlig in der Natur zu erholen, wenn wir sie strikt als von uns abgetrennt sehen. Dabei möchten wir Teil werden von diesem Anderen, das unserem zwiespältigen Einfluss entzogen bleibt. Ganz aufgehen möchten wir im Natürlichen, indem wir uns so gut als möglich darin einhüllen: Im Wasser, in Wäldern, auf Bergeshöhen, im Umgang mit Tieren. Weiter gibt es Fangopackungen, Sumpfbäder. Im Appenzellischen baden sie neuerdings in Rindermolke.

Wie sollte Erholung in der Natur gelingen, wenn wir schon Teil davon sind?

In San Lorenzo zu Lugano fielen mir in der Höhe eine Handvoll Putenengel auf, die sich um ein blutendes Herz knäuelten. Mit Verliebtheit hatte diese Szenerie wohl nichts zu tun, auch wenn ein Pfeil im Herzen steckte, schliesslich befand man sich in einer Kirche, in die Menschen vorwiegend ihr Leid schleppen, um es zu lindern. Zugleich erinnerte ich mich an eine Schülerin, die sich beim Skifahren den Arm brach. Ihre Kolleginnen, die erst unbeholfen um die bitter Jammernde herumstanden, schnallten die Skier ab und setzten sich eng um sie, bis Hilfe kam. Ihr Leid wich im Nu einer eigentümlichen Zufriedenheit, die sogar dazu führte, dass die Verletzte über ihre Lage Witze riss. Endlich dürfe sie Schlitten fahren, lachte sie. Und weiter kam mir eine Situation in den Sinn, die einmal mehr David Attenborough vermittelt: Ein alternder Schimpanse, ein Alphatier, wird von den Männchen seiner Gruppe überfallen und schwer verletzt. Das hat seine natürliche Richtigkeit. Nachdem sich der Aufruhr gelegt hat, kommen seine Weibchen aus dem Dickicht, legen sich zu ihm und lecken seine Wunden.

Erholung, sprich Heilung geschieht, wenn die Abtrennung überwunden wird, die unter Lebensformen natürlicherweise besteht. Daher macht Kafkas Landarzt die kuriose Erfahrung, dass die Familie ihn aufhebt und zu dem kranken Buben direkt ins Bett legt. So gesehen wundert sich niemand über die beschränkten Heilungschancen in Industrie-Spitälern, wo Kranke streng vereinzelt gehalten werden. Auch in der Kirche wird eine Kluft geschlossen, wenn Gläubige ihr Leiden und ihre Erfahrungen vor Gott bringen, damit ihr Opfer seinen Platz in seiner himmlischen Ordnung bekommt. Es heisst wörtlich im Ritus, Gott solle diese Gaben „heiligen“.

Damit wir heil werden. Aufgehoben im Ganzen.

Für Weltliche bleibt die Einheitsüberzeugung, die ich anspreche, die Lebensformen aller Art sowie aller Stufen der Evolution als Einheit begreift. Vielleicht besteht darin die Heilung, die wir leisten können. Wir begegnen der Natur anders, wenn wir uns als Teil davon erachten. Eben genau so, wie Gläubige ihren Mitmenschen anders begegnen, wenn sie die grosse Erzählung für zutreffend halten, die ihren Glauben ausmacht.

Und wenn wir uns der Einheit des Lebens bewusst sind, diesem Quell aller Heilung, so ist sich das Leben selbst seiner Einheit bewusst. Wie hegelianisch klingt denn das! Anders gesagt: Dieses Bewusstsein taucht in ihm auf, es kommt im Leben vor.

Nämlich als Mensch.