Sportler brechen Rekorde. Warum gerade jetzt? Der angebliche Grund: Sie sind ausgeruht. Wegen Corona. Einmal mehr bietet uns diese Krise ein Lehrstück erster Güte.

Einige Jahre lang unterrichtete ich junge Sportler in kaufmännischem Deutsch. Das Fach interessierte sie keinen Deut. Ihnen ging es schlicht um Bestnoten, egal wo. Das amüsierte mich, denn beim Leseverständnis redeten sie in gewohntem Eifer Blödsinn daher. Die Wirkung ihres Geredes war ihnen wichtiger als der Inhalt. So hatten sie kein Gehör für die Ironie von Daichkinds Lied «Denken Sie gross», das Kunden in Finanzberatung blossstellt. Was die Band aufs Korn nimmt, klang den Sportlern zu sehr danach, was ihre Trainer ihnen täglich predigten.

Die Sprüche dieser jungen Athleten sind mir noch im Ohr: „Go for Gold!““ Immer am Ball!“ Sie trainierten hart, duldeten keine Schonung, gaben täglich hundert Prozent, wie es von ihnen erwartet wurde. Wer die Zügel schleifen liess, erntete selbst im Unterricht von seinen Kollegen rüde Zurechtweisung.

Nun müsste man ihnen sagen: Geht mal tüchtig ausschlafen, sofern ihr Rekorde brechen wollt.

Am besten ein Jahr lang. Das genaue Richtmass gibt der Zeitraum vor, den die Krise bis zum neulichen Rekordsegen gedauert hat.

Was diesen grossen Schlaf anbetrifft, der zu mehr Leistung befähigt, dürfte die Redewendung ihre klare Bewandtnis haben, nämlich dass man einen wichtigen Entscheid erst überschläft. Es gibt Leute, die wünschten sich, die Menschheit pflege einen Winterschlaf, damit sie selbst und ihre Umwelt sich erholen könnten. Auch beim Lernen in der Schule verhält es sich gleich. China hat dieser Tage den Nachhilfeunterricht verboten, sofern er in den Ferien und an Wochenenden stattfindet. Eine ganze Branche bricht ein. Hierzulande wären solche Massnahmen ausgeschlossen. In China soll sich die Kindsbetreuung verbilligen. Hierzulande grassiert die Sorge, dass Eltern und Kind ein gesundes Mass aus den Augen verlieren, wenn es um Lernen und Noten geht. Zwar sind die Ängste berechtigt. Trotz weltweiter Liberalisierung öffnet sich die Schere von Arm und Reich ungebremst weiter. Michael Sandel zufolge hat man noch im vergangenen Jahrhundert dieses Problem mit einem Trick umgangen, indem radikal für Chancengleichheit gesorgt wurde. Dafür steht ganz besonders die Einrichtung des Bologna-Systems. Das klingt eigentlich besonders lobenswert, möchte man meinen.

Nun aber sind alle, die es nicht schaffen, ganz eindeutig selber schuld.

Jede soziale oder mentale Benachteiligung, die früher ein persönliches Scheitern abmilderte, gilt fortan nichts mehr. Eltern haben einen Riecher für diese Bedrohung. Zumindest hierzulande stehen allen Personen in Sachen Bildung und Beruf jederzeit alle Wege offen. In meiner Nachbarschaft geniesst ein Nachhilfeinstitut derartigen Zulauf, dass es ein goldenes Schild am Eingang befestigte. Gerne würde ich der Belegschaft mein Bedauern aussprechen, dass eine etwaige Expansion nach China für sie nun ausser Frage stehe.

Go for Gold! Auch für Nicht-Sportler. Die Chancengleichheit wird bestmöglich genutzt: Nach der Schule, am freien Nachmittag, an Wochenenden, in den Ferien. Im Amt für Volksschule macht man sich Gedanken darüber, ob es nebst Noten nun wie früher Bewertungen in Worten geben soll, die sich in keinen Durchschnitt einrechnen lassen. Das soll Eltern und Kind vielleicht abkühlen. Dafür gäbe es bessere Argumente und damit Vorgehensweisen. Einmal mehr von der Neurobiologie:

Als harte Naturwissenschaft stellt sie heraus, wie bedeutsam Entspannung und Vergessen für das gesunde Lernen sind.

Ausgerechnet wenn das Gehirn sich mit anderen Dingen als mit dem Lernstoff beschäftigt, der gerade beübt wurde, verarbeitet es ihn unmerklich.

Eine Art Schlaf also auch hier.

Wenn auch ein kleiner.