Mag die Kultur so fein werden, wie sie will, sie bleibt doch Natur […].

Robert Walser

Leben will bestehen. Zu welchem Zweck, wissen wir nicht. Jede Antwort auf diese Frage würde neue Fragen aufreizen. So ist das bei uns Menschen.

Damit Leben besteht, muss es den Planeten verlassen, bevor er in der Sonne verglüht oder neben ihr erkaltet. Eine Abdrift von der Erde ist ohne Technik ausgeschlossen. Vielleicht löst sich so das Rätsel um die natürliche Aufgabe menschlichen Lebens, das uns immer wieder beschäftigt. Eine Antwort darauf, warum wir Technik in offenkundig bedrohlichen Ausmassen hervorbringen. Immerhin hat die Natur alles Erdenkliche in die Wege geleitet, damit die Intelligenz zur Welt kommt, die für Technologien dieser Art nötig ist. Auch Tiere nutzen Technik, aber sie verbessern sie nicht. Werner Geist nennt die schrittweise Verbesserung von Geräten „Progressus“. Diese Vorgehensweise lässt sich bei keinem Tier beobachten. Zugegeben, gerade jetzt, wo die ersten Touristen sich anschicken, einen Hüpfer ins All zu tun, finde ich den Gedanken von der planetarischen Abdrift des Lebens eher peinlich. Viele halten ihn auch für besonders verantwortungslos. Gewisse Astrophysiker stimmen dieser Möglichkeit zu, wenn auch nur zögerlich. Andere reden Klartext: Sie bezeichnen das All als unwirtlichen Ort, wörtlich als «Scheissgegend».

Dieser Nachteil mag auf uns Menschen zutreffen, nicht aber auf das Leben an sich.

Man weiss ja, dass es am Rand von Lavaquellen in der Tiefsee Leben gibt. Auch unter Eismassen gedeihen Felder pflanzlicher Organismen, die dort eine Nahrungskette begründen. Auch hier lohnt sich ein Blick in die Naturdokumentationen von David Attenborough. Darin [Folge 4] wird einem, wenn auch mittelbar, das Leben als Verwandler von Dingen nahgebracht. Wie bekannt bilden Pflanzen Fruchtzucker aus Wasser, Licht und Nährsalzen. Lebensformen wie wir Menschen atmen Sauerstoff ein und geben Kohlendioxid ab. Der Verzehr von Nahrung bedeutet streng genommen, dass das Leben Körper umbaut, indem die Beute zermalmt und verdaut wird und so Stoff liefert für Wachstum und Organisation eines anderen Körpers. Aus Sicht des Lebens an sich geschieht bloss eine Umverteilung, ein Umbau, somit eine Wandlung. Der Rest an Nahrung wird in Dünger umgeformt, der anderen Organismen als Lebensmittel dient. Eine Graspflanze könnte das Brot nicht verzehren, das ich geniesse, aber aus dem Dung, den ich davon abgebe, bezieht sie sehr wohl Energie.

In der mexikanischen Höhle Via Luz gibt es Kammern mit Schwefelwasserstoffgasen, die von Ölvorkommen in der Tiefe des Bodens herrühren. Eine ziemliche «Scheissgegend», würde man meinen. Forscher betreten sie nur mit Atemschutzmasken und Überwachsungsgeräten. Dennoch gibt es dort Leben. Unter anderem Bakterienherde, die Energie aus den Schwefelverbindungen im Wasser beziehen und es zu Schwefelsäure umwandeln. Diese Bakterien ernähren Mückenlarven und bilden so an jenem unwirtlichen Ort die Grundlage für die Nahrungskette.

Jede Art kennt also eine Umwelt, die sich für sie in Habitat und «Scheissgegend» sortiert.

Das Leben scheint als Wandler flexibler zu sein, als wir ahnen.