Die Schweizer Fussballer schaffen es kaum über einen Achtelfinal hinaus. Ich meine, aus dem gleichen Grund, der auch dazu führt, dass wir die Nationalhymne nur verhalten anstimmen, im Gegensatz etwa zu den Italienern vorgestern in Rom. Dieses scheue Selbstbewusstsein macht historisch Sinn. Auch heute.

In den 90ern besiegten die Schweizer Rumänien mit 4:1 in der Vorrunde einer Weltmeisterschaft. Die Begeisterung, die damals aufkam, erschien mir kindlich, völlig ausser sich, ohne mentale Reserven, die für eine Weltmeisterschaft bis zum Schluss und darüber hinaus unabdingbar wäre. Als stellten wir uns die Frage:

Dürfen wir das überhaupt?

Zur Zeit sind wir als Rosinenpicker in Verruf geraten. Die Pandemie durchläuft die Schweiz glimpflicher im Vergleich etwa zu Indien oder Brasilien. Wir bilden eine Nation, eigentlich ein Flickwerk sondergleichen, das seit Jahrhunderten keinen Krieg kennt. Ähnlich wie Japaner leben wir kleinräumig in hoher Dichte. Da gilt Rücksicht aus Vorsicht. Man könnte sich mehrmals über den Weg laufen. Ein imperiales Gehabe verbietet sich grundsätzlich. Dabei liegt es an diesem finalen Willen zum Sieg, der den Ball immer wieder ins Tor bringt. Dazu kommt, dass die Schweiz als Teich, um Fussballtalente zu fischen, zu klein und zu seicht ist.

Früher war das nicht anders. Seit je sind Schweizer darum besorgt, dass sie umliegende Grossmächte nicht gegen sich aufbringen: Frankreich, das nachmalige Deutsche Reich, später die USA und die Sowjetunion. Die Schweizer genossen damals einen völlig anderen Ruf: Die Söldner im Dienst Frankreichs oder des Reichs waren als Vergewaltiger berüchtigt, die immer wieder vor Heimweh weinten. In Marignano suchten Quacksalber auf dem Schlachtfeld nach toten Schweizern, denen sie etwas Fett entnahmen. Dieses Fett verarbeiteten sie zu einem Aphrodisiakum unter dem Namen „Schweizerspeck“.

Es waren italienische Quaksalber.

Grund genug also, mehr Zurückhaltung zu üben, wenn man will, dass die Grossmächte dem kleinen Volksgemisch gewogen sind. Diese Eigenart wird nun seit Jahrhunderten gepflegt. Sie lässt sich auch dann schwerlich ablegen, wenn nur ein Ball am Fuss ist. Die USA zum Beispiel führen Wirtschaftskriege. Aus ihrer Vormachtstellung heraus brauchen sie nur den Knopf zu drücken, und die Schweiz gibt jüdische Vermögen frei oder verwässert ihr Bankgeheimnis. Eine Einrichtung, die immerhin auf einem Volksentscheid beruht.

In der nationalen Fussballmannschaft spielen jedoch Abkömmlinge von Immigranten in den vordersten Reihen. Wie können auch sie dieser Hemmung unterliegen? Als Antwort liesse sich darin ein Beleg ihrer Anpassung sehen. Das Resultat einer Leistung, die von ihnen unmissverständlich gefordert wurde.

Mit feiger Kleinbürgerlichkeit hat dieser Bann allerdings wenig zu tun. Im Gegenteil ist sie sachlich zwingend. Auch wenn es Kleinstaaten gibt, die einst Weltpolitik betrieben, wie etwa die Niederlande, so fehlt der Schweiz die Einheit, die dazu nötig wäre. Und wo keine Einheit besteht, da lässt sich spielend von aussen hineinzündeln, damit das seltsame Gefüge brüchig wird, das vormals Genossenschaft hiess. Jede Kultur, die zur Schweizer Vielfalt zählt, hat einen grossen Bruder im Ausland, bei dem sich notfalls Schutz suchen lässt, abzüglich der Rätoromanen. Daher sind wir in der Schweiz auf Kompromisse bedacht, wo immer sie anstehen. Auch wird peinlich darauf geachtet, dass Minderheiten sich nicht vor den Kopf gestossen fühlen. Und das tun wir nicht aus dieser Eigenart heraus, sondern weil die Verfassung es so verlangt. Ein Regelwerk, bei dem sogar Punkt und Komma per Volksentscheid festgelegt sind.

Auch wenn es fürchterlich altmodisch klingt, so sind wir eben doch eine Willensnation. Nichts passt zusammen, ausser die Absicht, dass wir zusammen gehören. Die Schweiz verhält sich nie neutral, redet aber andauernd davon. Neutralität ist eben eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die uns allen möglich sind.

Bei aller Vielfalt gilt Rücksichtnahme überall. Wie will man so Weltturniere gewinnen?