Schöner, wahrer Himmel, schau, wie ich mich verändere.

Alain Badiou

Nun soll sich auch Michel Foucault pädophiler Übergriffe schuldig gemacht haben. Ein Gigant modernen Denkens. Die Gerüchte halten sich bislang unbestätigt. Soll ich jetzt sein Werk mit anderen Augen sehen? Etwa wie all jene, die Woody Allens Filme auf einmal nur noch schal finden, trotz seiner Freisprüche punkto mutmasslicher Übergriffe auf ein Pflegekind. Angenommen, die beiden Herren wären überführt, wie hätten wir mit ihren Werken zu verfahren? Ich meine, es bestände kein Grund, sie zu verwerfen.

Foucaults Werk lässt sich auf eine Art Opferperspektive verengen. Zunächst beschrieb er, wie die Gesellschaft Menschen sortiert, die Probleme bereiten: Verbrecher, Kranke aller Art. Dann galt sein Blick möglichen Selbsttechniken, die es dem Ich erlauben, innerhalb dieser Sortierung eine gewisse Treue zu sich selbst zu pflegen. Man hat ihm vorgeworfen, er sei als Schwuler zu befangen, um einträgliches Wissen zu erschliessen. Das kann man anders sehen. Nach gegenteiliger Lesart verhalf diese Prägung Foucault gezielt dazu, Mechanismen ausfindig zu machen, die schwierige Menschen sortieren. Sein Handwerk lässt sich öffentlich nachprüfen. Der Vorwurf, er habe sich zu stark auf französische Quellen beschränkt, ist altbekannt. Die Ergebnisse seiner Forschungen jedenfalls haben mit irgendeiner sexuellen Orientierung nichts zu tun. Ausserdem wäre es sehr schwierig, wollte man den allfälligen Übergriff an jungen Tunesiern aus diesem Werk heraus belegen. Allenfalls liesse sich eine Misshandlung vermuten, die Foucault als Messdiener erlitt und nun mit vertauschten Rollen neu inszenierte, um seelisch zu gesunden. Aber davon ist nichts bekannt. Es wäre auch schwer vorstellbar, dass er auf der Höhe seines Ruhms noch solcher Ausgleichung bedurft hätte. Bei Woody Allen fänden sich allenfalls schwache Indizien, zumal er in seinen Filmen Figuren ersinnt, die aus psychoanalytischer Sicht Dinge von sich geben, die auf dem Hintergrund eines möglichen Übergriffs durchaus fragwürdig erscheinen.

Für eine Antwort, die befriedigend sein soll, gilt es zunächst, den Fall so allgemein wie möglich zu machen. Immerhin gibt es Künstler genug, die sich einer allgemeinen Unart oder gar eines Verbrechens schuldig gemacht haben, ohne dass darum viel Aufhebens veranstaltet würde: Hemingway wird nach wie vor gelesen, obwohl der Autor sich gerne nachmittags in Schlägereien verwickelte und in Afrika Grosswild der Reihe nach erlegte. Der Renaissancekomponist Carlo Gesualdo wird noch heute bedenkenlos gespielt, obwohl er seine Gattin ermordet hat. Zu jener Zeit fälschte ein Nürnberger Bildhauer namens Veit Stoss einen Schuldschein. Gebrandmarkt ging er andernorts weiter seinen Künsten nach, indem er etwa Flügelbilder für Hochaltäre gestaltete. Was damals ein Kapitalverbrechen war, ringt uns heute allenfalls ein Lächeln ab. Picasso’s Kunst müsste längst abgehalftert sein, so sehr missfällt dem Zeitgeist, wie er Frauen behandelt hat. Auch Homosexualität galt bis vor Kurzem als kriminell. Es käme uns nie in den Sinn, aus diesem Grund die Werke von Wilde, Proust, Pasolini, Wittgenstein oder eben Foucault abzulehnen.

Dabei wird klar: Päderastie ist heute ein Kapitalverbrechen.

Eine Antwort haben wir damit noch nicht gefunden, ausser dass wir bei Kapitalverbrechen eine rote Linie ziehen. Wenn wir den Sachverhalt noch mehr verallgemeinern, geht es nicht mehr um pädophile Künstler oder Wissenschaftler, sondern darum, ob alles, was ein Kapitalverbrecher je tut, so sehr von seiner Unart geprägt ist, dass auch seine Werke und sonstigen Taten sowie zweckmässigen Unterlassungen abzulehnen sind, obwohl sie damit unmittelbar nichts zu schaffen haben. Einfach gefragt:

Wie kann ein Schwerstverbrecher abzüglich seiner Untat sonst ein Gutmensch sein?

Die traditionelle Auffassung geht klar davon aus, dass eine Person sich bessern kann, sofern sie Sühne für ihr Vergehen ableistet. Von tätiger Reue ist die Rede. Auch die Beichtpraxis setzt selbstverständlich voraus, dass man nach Ableisten der Busse und bei Erhalt des Segens sich seiner Sünden entledigt. Der Mensch bleibt der gleiche, aber seine Vergehen sind gestrichen. Er bewegt sich wie vordem innerhalb der Gemeinschaft, der er angehört.

Die Tradition pflegte somit einen dynamischen Persönlichkeitsbegriff: Wir sind in der Lage, uns zu ändern. Auch der Nazarener Jesus gibt diese Auffassung vor, indem er die Ehebrecherin mit dem Hinweis ziehen lässt, sie solle diesen Fehltritt einfach nicht mehr tun. Wer also die Filme von Allen mit einem Boykott belegt oder Foucaults Bücher in den Müll schmeisst, befindet sich abseits vom christlichen Erbe. Auch wenn viele darauf stolz sind und sich besonders unabhängig vorkommen, darf es immerhin zu denken geben.

Noch einmal: Wie könnte ein Verbrecher Reue üben, wenn seine Person die unartige Anlage sogar vor dem Vergehen wie einen Kern in sich trägt, der alles an ihr bestimmt? Im Alltag meiden wir Menschen, die eine mehrjährige Strafe abgegolten haben. An ihnen haftet ein Mief, der uns vorsichtig macht. Meines Erachtens handelt es sich bei dieser Sorge um einen animalischen Reflex, da solche Menschen sich meistens auch immun gegen Argumente zeigen.

Denn was fange ich mit guten Taten an, die ein Schwerstverbrecher vor seinem Vergehen oder danach unternommen hat? Etwa ein Mörder, der zuvor eine gemeinnützige Stiftung in beachtlichem Masse unterstützt hat. Angenommen, er hätte einen angeblichen Liebhaber seiner Frau aus Eifersucht gemeuchelt, so hat seine grosszügige Zuwendung damit rein gar nichts zu tun. Dieses Vorgehen ist gut unabhängig der Person, die sie verrichtet.

Und gut heisst immer zugunsten anderer, bestenfalls unter Verzicht auf den eigenen Vorteil.

Warum soll die Liebe eines Diktators oder eines Drogenbarons, die er seinen Kindern angedeihen lässt, von den zahllosen Übergriffen beschmutzt sein, die er seinem Volk oder seinen Gegnern zufügt? Pablo Escobar wurde deshalb gefunden, weil er unter Tränen seine Kinder per Funk kontaktierte, um ihnen zu versichern, er sei gut versteckt.

Wer an einer verbrecherischen Person alles ablehnt, was mit ihr zu tun hat, vertritt also eine starre Persönlichkeitsauffassung. Warum aber soll das Ich starr sein, wenn alles andere am Leben sonst dynamisch ist? Diese Starrheit rührt von daher, dass die Person, die alles an Kriminellen rundweg ablehnt, sich bestmöglich in einer Welt voller Gefahren absichern will.

Sie hält sie sich vom Leibe. Bestmöglich und um jeden Preis.

Ihr inniges Bedürfnis nach Sicherheit macht die Angelegenheit so starr, keineswegs die Sache selbst.

Im Mittelalter verhält es sich genauso wie heute: Wer ein Vergehen selbst nur dem Gerücht nach gebrandmarkt bekommt, der wird grundsätzlich abgelehnt. Früher reichte die Verunglimpfung, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, zu einem Elend, das einer Vernichtung gleichkam. Heute sind es andere Vorwürfe mit der gleichen Wirkung. Das Konzept einer dynamischen Persönlichkeit gehört nicht nur zur Tradition, auch die Wissenschaft hält es für zutreffend. Diese Dynamik geht so weit, dass das Verbrechen nur aus einem flüchtigen, aber heftigen Impuls hervorgehen kann, der zuvor wie danach im Leben des Täters keine Rolle spielt. Der also nur in Momenten durchschlägt, die man als Zerreisspunkt bezeichnet: Alexander Kluge erfährt, während er einen Gerichtspsychiater interviewt, die Geschichte eines unbescholtenen Familienvaters, der seine Frau und seinen Sohn über alles liebt. Irgendwann beschleicht ihn der Verdacht, seine Gattin gehe fremd. Er stellt sie in einem Hotelzimmer und möchte wissen, warum sie das tut. Bei ihr bricht ein Damm, sie gerät in Wut und federt ihm Tatsachen um die Ohren, dass sie ihn nicht liebe, ihn nie geliebt habe und dass der Sohn nicht von ihm sei. Damit zerfetzt sie sein ganzes Leben in der Luft. Alles, was ihm Sinn je verschaffte, in einem Atemzug. Zufällig liegt eine Schere da, der Mann ergreift sie und ersticht seine Frau.

Nachträglich soll der Täter zu Protokoll gegeben haben, es sei in diesem Augenblick in ihm ganz tief unten auf einmal sehr hell geworden.

Sein Ich war entmachtet.

Wer also Täter grundsätzlich ablehnt, egal was sie sonst tun, fällt tiefer in die Vergangenheit zurück, als die Wurzeln unserer Traditionen hinreichen. Das scheint heute weitgehend der Fall zu sein. Eine grassierende Nervosität verweigert die Auffassung einer dynamischen Persönlichkeit. Wie aber verfahren wir mit Menschen, die in Zerreissproben geraten, in denen ihr Ich entmachtet wird? Ein bisschen Bescheidenheit genügt:

Am besten halten wir uns Nichtkriminelle bloss für Menschen, die bislang vor solchen Momenten verschont geblieben sind, aus welchen Gründen auch immer.

Wahrscheinlich durch Zufall.