Man stirbt hart, ist man der Überzeugung, mit diesem einen und einzigen Leben seien nun alle Chancen vertan. Der Höllenrachen steht offen, das Brett kippt, man wird unweigerlich hineingleiten. Beim Glauben an eine Wiedergeburt verhält sich das anders. Dazu gibt es weitere Vorteile. Und wenigstens einen Nachteil.

Wiedergeburt und Karma verheissen dir die Rückkunft aller Chancen, solange der Weg ins Nirwana andauert. Natürlich gilt es auch hier, dass man diese Gelegenheiten beim Schopf packt. Andernfalls zieht sich zwar der Weg in die Länge, aber keine Chance entgleitet für immer. Es scheint sogar der Fall zu sein, dass sie sich um so mehr aufdrängt, je öfter vermieden wird, sie zu bewältigen.

Zu diesem Karmaglauben kommen weitere Vorzüge: Es heisst, jede Lebensform sterbe millionenfache Tode, bevor sie nur schon einen Körper bekomme. Wenn nun zwei Menschen sich begegnen, für die Karma und Wiedergeburt zutreffen, können sie überdies davon ausgehen, dass beide schon tausende von Menschenleben hinter sich gebracht haben. Dabei ist die Annahme sehr unwahrscheinlich, sie hätten sämtliche ihrer Leben als unbescholtene Gutmenschen bewältigt. Die Welt ist derart von Zufällen durchzogen, sodass wohl niemand eine schuldlose Reinheit über all die Leben hinweg bewahrt. Den Beleg dafür gibt allein die Tatsache, dass die Person wiedergeboren wurde. Ansonst hätte sich ihr Weg zum Nirwana erfüllt. In all den vielen Leben hat man wohl jede mögliche Schuld auf sich geladen: Nötigungen aller Art, Selbstermächtigung, Mord und Totschlag, Ausbeutung, Rache, Gier aus Angst und Hunger, was weiss ich. Überdies fallen sich diese beiden Karmatiker in die Arme, sollten sie einander auch fremd sein, während sie freudig ausrufen:

Wir sind beide mehrfach Opfer, mehrfach Täter in einer Person.

Wie in der Natur: Jede Lebensform vertilgt andere, sie wird je nachdem selbst vertilgt. Die Spannung zwischen Täter und Opfer, dieses Gehader von Schuld und Sühne, Reue und Vergeltung spielen keine Rolle mehr. Und wo ein Täter gegenwärtig sein Unwesen treibt, bringt die Tatsache Entspannung, dass dieser Unhold in einem späteren Leben Opfer eben dieses Vergehens sein wird.

Oder er hat seine Opferschaft schon früher erlitten und gleicht sein Karma nun als Täter aus.

Moment! Das ist aber nicht die öffentliche Meinung, was das Karma anbetrifft. Der Glaube jedoch, auch Opfer müssten ihren karmatischen Zustand mit Täterschaft ausgleichen, halte ich für einträglicher, als die naive Ansicht, nur Gutes, sprich sozial verträgliches Verhalten erlöse uns von der Bürde einer Wiedergeburt. Die Psychologie gibt ein Beispiel, wonach Misshandelte ihr Ich ins Lot bringen, indem sie nach Jahren die Rollen wechseln und ihrerseits übergriffig werden. Das ist schwer zu schlucken.

Aber das Leben scheint zu wollen, dass wir uns beschmutzen. Das ist meine Überzeugung.

Diese Lesart jedoch verhilft unmittelbar zur Versöhnung mit jeder Form von Täterschaft. Es begründet einen Täterhumanismus, den auch die Moderne nur halbherzig verficht. Immerhin gibt es Heilpraxen, die radikale Vergebung im Angebot führen. Viele Menschen kreiden anderen ein Fehlverhalten an. Verzweifelt und empört lechzen sie nach einer Lösung. Da kommt eine Byron Katie aus den Höllen, die sie persönlich durchstanden hat, und stellt ihnen ein paar einfache Fragen. Unter anderem diese:

Wer bist du ohne deine Anschuldigung?

Dieser Augenblick markiert den Kipppunkt eines gewaltigen Umdenkens. Die meisten brechen in Tränen aus, denn sie erkennen, dass sie sich selbst Gewalt antun, wenn sie andere hartnäckig verurteilen.

Der einzige Nachteil eine Karmaglaubens, der mir in den Sinn kommt, betrifft die eine Frage, die er unbeantwortet lässt. Dabei ist anzumerken, dass auch jede andere Religion die Antwort darauf schuldig bleibt. Nämlich die Frage, was das Ganze eigentlich soll. Auch die Wissenschaft verweigert entschieden, darauf Antwort zu geben. Denn dies Alles, sagt sie, gibt kein Objekt ab, das sich wissenschaftlich einträglich befragen liesse. Angenommen nämlich wir kämen irgendwann im Nirwana an und tümpelten darin auf ewig vor uns hin. Welcher Sinn wird in diesem Zustand erfüllt? Welcher Sinn soll es haben, dass ich Abermillionen von Leben ableiste, damit ich in wohligem Nichts für immer aufgehe? Damit ich nach Sühnung meiner Sünden vor Gott sein darf? Nach Abgabe meines Blutzolls in ewigen Jagdgründen schweife? Das Ganze gipfelt in dem Erstaunen, das Heidegger in etwa wie folgt in Worte fasste: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?

Darauf gibt auch der Karmaglaube keine Antwort. Es heisst dann überall, dass könnten wir schlichtweg nicht wissen.

Vielleicht ist die Frage einfach falsch gestellt.