Zürich, Hauptbahnhof. Vor Jahren befiel mich in der „Time Lounge“ die Idee zu einer Lebensphilosophie. Zufällig und skizzenhaft. Und wohl auch unbescheiden.

Zuvor durchkämmte ich die Einkaufsflächen unter Tage, wo heute die hellen Räume der Durchmesserlinie Apple-Design anklingen lassen. Ich glitt in Strömen von Passanten, die sich strudelnd kreuzten. Architekturen zogen an mir vorbei. Insgesamt ausgeklügelte Konzepte, bei denen anzunehmen ist, dass viel psychologische Menschenkenntnis drinsteckt.

Noch beherrschten die Achtziger-Jahre die Szenerie. Mit ihren knalligen Gegensätzen. Überall Spiegel, satte Farben, Blöcke und Streifen, die heute plump anmuten. Durch das Gewimmel an Passanten lenkte ein Angestellter einen übergrossen Staubsauger neuster Technologie, der leise summte und wie auf einem Luftkissen dahinglitt. Kein Gebläse mit Geratter wie früher, als man fast einen Gehörschaden davontrug. Erst war ich darüber erstaunt, dann aber kam mir dieser Fortschritt eher lächerlich vor.

Wie üblich gelangte ich über die Rolltreppen in die Bahnhofshalle hoch, wo damals noch die mechanischen Zeittafeln der Abfahrten wie Wimpern flirrten. Passanten gab es in hoher Dichte auch da. Augen, Gesichter, farbige, geschminkte, gepiercte, gegerbte, sie tauchten flüchtig auf. Hände mit Händys, mit Brezeln, Zigaretten. Kopfhörer, Frisuren. Schimpfen, Lachen, Kinderweinen. Geschultertes, gekarrtes Gepäck, zumeist Rollkoffer. Angeleinte Hunde. Gesprächsfetzen. Düfte. Splitter von Leben. Schlaglichter. Ohne Zusammenhang. Kein Sinn zeichnet sich darin ab. Nur Gemurmel und Rauschen. Dieser Reiz schlägt gerne in eine bedrückte Stimmung um, wo man sich fragt, wozu dieses atemlose Treiben eigentlich gut sein soll. Der Nihilismus kann durchaus verführen. Es hat sogar etwas Heldenhaftes daran, wenn man sich wie in früher Jugend an der Sinnlosigkeit des Lebens weidet. Am besten mit schwarzen Kleidern, kahlem Schädel und bleichem Gesicht.

Damals, zu Zeiten der Pubertät, als eine geballte Ladung an Zukunft mir Schritt und Atem belastete.

Nun aber entdeckte ich in der „Time Lounge“ hoch über dem Geschehen einen freien Platz direkt an der Glasfassade, die bis zum Boden reicht. Da gönnte ich mir einen Zwischenhalt, bestellte und genoss einen gesüssten Kaffee mit Sahnehaube, später ein Bier. Von hier aus überblickte ich mühelos das Gewimmel in der Eingangshalle. Nebenan beschäftigte sich eine Gruppe Studierender mit Papieren und Rechner. Ihr Fach war schwer zu ermitteln. Auf jeden Fall etwas Kulturwissenschaftliches. Meine trübe Stimmung löste sich völlig, als ich anfing, einzelnen Personen mit meinen Blicken zu folgen. Statt sinnlosen Splittern liefen auf einmal kleine Geschichten ab: Da kreisten Jugendliche in der Menge und hielten nach Kollegen Ausschau. Ein Werktätiger besprach wohl Termine mit der Agenda in der Hand. Später sah ich ihn eine Bratwurst verzehren. Eine junge Frau schob ihr Fahrrad, sie hielt an, um die Einkaufstüte auf dem Gepäckträger besser zu befestigen. Anschliessend kaufte sie eine Limonade und eine Zeitschrift und verliess die Halle. Ein älteres Paar mit Rucksack und Wanderstöcken schlenderte vorbei. Sie begutachteten die Zeittafeln. Der Mann deutete mit dem Stock in die Höhe. Jemand knipste überall Fotos. Sicherheitsleute kursierten ernsten Blickes mit Gummiknüppel und Stablampe zwischen den Passanten. Irgendwann gönnten sie sich einen Kaffee. Eine Frau blieb stehen, wühlte in ihrer Handtasche, ging ein paar Schritte, wühlte erneut darin. Dann die vielen Momente von Begrüssung und Abschied. Momente des Wartens, des Herumstehens.

Geschichten haben immer Sinn. Für uns zumindest.

Noch Jahre zuvor stand mitten in der Halle eine betagte Frau hinter ihrem Rollstuhl und stützte sich auf ihn. Man erzählte mir, sie habe die Menschen gesegnet, die hier kreuzten. Sie segnete keine namenlose Menschenmasse.

Sondern ein Gewimmel von Geschichten.

Also ein Gewimmel von Sinn. Nun wurde mir bewusst, dass die einzelnen Eindrücke von zuvor, die mich pubertär betrübten, genauso zur Geschichte eines bestimmten Lebens gehörten. Jeder einzelne von ihnen. Diese Geschichten jedoch bleiben für mich zwar unbekannt, solange ich mich in Menschenmassen bewegte. Aber ich würde sie in jedem Fall annehmen können.

Kein Eindruck ohne Geschichte.

Von der Time Lounge aus konnte man Geschichten ansatzweise mitverfolgen. Mit ein bisschen Phantasie entfaltete sich mir eine Vielfalt von Lebensabschnitten, als hätte ich mich in einem Kino befunden. Das entzückte mich. Allerdings fiel mir ein, dass es immer wieder Menschen gibt, die auch in solchen alltäglichen Geschichten keinen Sinn mehr sehen. Gerade wenn sie so gehäuft auftreten wie hier am Bahnhof. Solche Leute gleiten in Depressionen ab. Sie vermissen die grosse Erzählung, die alle Ereignisse menschlichen Lebens in sich fasst und ihnen so Sinn verleiht. Religionen, Traditionen aller Art. Sie gibt es zwar noch, aber ihre selbstverständliche Gültigkeit ist für uns vernichtet worden. Und gerade darin läge ihr Nutzen, dass sie eben ohne Wenn und Aber gültig sind. Wer an Gott glaubte, brauchte nicht noch zu rechtfertigen, warum er das tut. Heute ist das Privatsache. Heute heisst es, alle müssten für sich selbst wissen, wie sie zu Religion und Tradition stehen. Diese Beliebigkeit war einst revolutionär. Nun fühlen sich doch einige auf ihr Nichts zurückgeworfen. Wenn jemand sich einer grossen Erzählung unterordnet, gilt er für unmündig. Unter diesen Umständen weiss man auch nicht mehr, wie man den technischen Fortschritt preisen soll. Auch die Industrialisierung hat als grosse Erzählung ausgedient. Da hat man für den sublimen Staubsauger höchstens ein mildes Lächeln übrig. Sogar die Automotoren klingen heute gedämpft. Weder knattern sie vorüber, noch röhren sie auf wie früher. Vielmehr rauschen sie vorbei, als kurvten sie durch knöcheltiefes Wasser. Und die Buliden vom Lande, die kräftiger wurden und leiser. Wer sich an diesem Fortschritt begeistert, sieht ihn in grösseren Zusammenhängen eigebettet. Sei es in der Geschichte vom Menschen als Geschöpf Gottes oder als seines Glückes Schmied mit seiner Vernunft und seiner ewigen Bastelei.

Die beiden Weltkriege und Vieles danach und davor lieferten reichlich Gründe, dass von diesen grossen Erzählungen besser Abstand zu nehmen ist. Ohne ihre Sinnzusammenhänge bleibt es für uns jedoch fraglich, wie wir diese Lebendigkeit einordnen sollten, die seit Jahrtausenden auf diesem Planeten ohne Unterlass vor sich hin schäumt und köchelt. Es hat sich gezeigt, dass die Einstellung, die wir zu uns selbst haben, unsere Gesundheit beeinflusst. So spricht die Wissenschaft. Das gilt für uns Einzelne genauso wie für die Gesellschaft. Das Menschenbild, das wir haben, entscheidet darüber, wie wir uns selbst und vor allem andere behandeln. Und dieses Menschenbild wiederum wird bestimmt durch das Weltbild, das uns anhaftet. Unsere Auffassung von allem.

Demnach stellt sich zwingend die Frage, wie wir zu einer guten Einstellung zu uns selbst finden. Wie zu einer Philanthropie. Es geht dabei wohl kaum um Schöngeisterei, als vielmehr um eine Art Sozialhygiene oder wie man es nennen möchte.

Und eine gute Einstellung, das ist so bei uns Menschen, steht und fällt damit, dass wir uns in einem Sinn aufgehoben wissen. Wenn wir mit Sinn meinen, dass wir mit unserer Herkunft, unserer Aufgabe und einem bestimmten Ziel übereinstimmen, so gibt der kosmische Sternenhaufen, in dem wir stecken, so viel Sinn preis wie aufgewirbelter Staub. Wer in sich hineinhorcht, erhält genauso wenig Antwort auf die Frage nach dem Sinn seiner Person wie überhaupt nach dem Sinn des Lebens.

Das Intimste in uns schweigt wie das Äusserste in kosmischen Tiefen.

Religionen hingegen erzählen von einem gewaltigen Sinn, der uns in sich aufnimmt. Bildhaft gesprochen wird ein Faden, der wirr durcheinanderliegt, zu einem Knäuel aufgerollt. Das verschafft uns Überblick und Ordnung. So franst unser Leben nicht bloss irgendwie in die Zukunft aus. Aber eben, so ist es nicht mehr. Nur Wenige kommen damit klar, dass alles Leben letztlich aus zittrigen Kleinstteilchen bestehen soll, die vom Zufall durchwirkt sind. Wir sind dem Himmel, dem All ausgeliefert. Täglich opfern wir manche Annehmlichkeit für Existenz und Fortschritt. Was treibt uns so hektisch um? Wozu diese Ängste? Dieses bange Hoffen?

In diesem Moment, wie es der Zufall will, zitierte einer der Studenten vom Nebentisch aus einem Text. Die Rede war von der genetischen Intelligenz des Lebens. Und zwar werde das Leben sich so entwickeln, dass es vom Planeten Erde entfliehen könne, bevor dieser unterginge.

Diese Aussage bekam ich zum Glück wiederholt zu hören, da jemand Notizen anfertigte und nachfragte. Selten wird das eigene Denken von einem Moment auf den anderen unwiderruflich auf den Kopf gestellt. Hier aber schienen sich alle Vorkommnisse und Begebenheiten, die mich umgaben, mit dieser Aussage zu einem einzigen Bild zusammenzuschliessen. Im Nu war alles da. Ein in sich schlüssiger Zusammenhang, eine grosse Geschichte, die jede Einzelheit in sich aufnahm. Warum auch nicht? Wie wäre es, wenn das Leben den Planeten verliesse, bevor er in der Sonne verglüht oder neben ihr erkaltet? Wie wäre es, wenn das Leben sich aufmachte und im Kosmos wanderte, damit es stets von Neuem den zahllosen Supernoven entflieht, die in Zeitraffer gedacht wie Blitzlichter im Kosmos funkeln?

Das Leben kam mit dem Wasser. Demnach ist es seinem Ursprung nach ausserirdisch. Es bildet Arten aus, damit es in die vielen Sphären vorstösst, die planetarisch gegeben sind: In Wasser, Lüfte, Böden, aber auch in andere Körper, wie etwa die Darmflora, die wir als fremde Natur in uns tragen. Vielleicht bleibt das Leben im mikrobischen Bereich auch deshalb intakt, damit es einen allfälligen Meteoriteneinschlag übersteht. Leben will bestehen. Damit es bestehen kann, muss es den Planeten verlassen. Wir Menschen und die Maschinen, die wir bauen, sind wohl dazu da, diese Abdrift von der Erde technisch zu bewerkstelligen. Daher sind Natur und Mensch unbedingt als Einheit aufzufassen. Wir meinen, wir hätten das Leben uns zu Diensten gemacht. Nach dieser Lesart ist es genau umgekehrt der Fall:

Wir stehen im Dienst am Leben, diese Abdrift hinzubekommen.

Das ist ein Glaube, kein Wissen. Und es hat mich seither nicht losgelassen. Allerdings klingt das futuristisch. Wer von der Ausbreitung des Lebens im All schwärmt, zieht oft den Vorwurf auf sich, er fliehe vor Problemen, mit denen wir es auf einem beschränkten Planeten zu tun haben. Dieser Gedanke selbst ist mir auch eher peinlich. Als wäre ich verrückt nach Fantasy und Science-Fiction. Was mich hingegen schon in der Time Lounge in Aufregung versetzte, lag nicht an dem, was der Gedanke bedeutete, immerhin würde ich ja kaum mit von der Partie sein, wenn es an diese Abdrift ginge. Mich begeisterte vielmehr eine Schlussfolgerung, die die Annahme von der planetarischen Abdrift des Lebens nach sich zieht. Wenn wir annehmen, das Leben breite sich im Kosmos aus, dann wird der Werdegang aller Natur und Geschichte auf Anhieb ganz anders lesbar. Sie erscheinen so in einem völlig anderen Licht. Sämtliche Vorgänge, die wir als Natur und Kultur sortieren, verstehen sich so als Beitrag zu dieser Abdrift.

Jede Epoche, jeder Irrweg, jedes Bekenntnis, der höchste Idealismus genauso wie der bitterste Materialismus, insgesamt die Evolution, natürlich wie kulturell, verstehen sich nur noch als Vehikel auf dem Weg des Lebens zu seiner Abdrift von der Erde. Ich rede deshalb von Abdrift statt von Weggang oder Verlassen, da der Schritt eine Art Sättigung an Natur und Geschichte erfordert, aus der er wie von selbst geschieht, wie etwa ein reifer Pickel aufplatzt. Dieser Gedanke legt zuallererst und notwendig die schwierige Versöhnung mit aller Natur und Geschichte nahe, von gestern, heute und von morgen.

Was immer gelitten wurde und Unverständnis hinterliess, fügt sich sinnvoll ein in diese eine grosse Bewegung. Sämtliche Gesichtspunkte menschlichen Lebens überhaupt, Religion, Politik, Wissenschaft und Technik erklären sich in diesem Zusammenhang.

Mag sein, dass ich in der ersten Begeisterung gewisse Schlussfolgerungen dieser Lesart übersah, die doch denkwürdig wären. Diese Umdeutung jedoch interessiert mich ungemein. Und die Freiräume, die sie ermöglicht. Wenn es Erlösung für Menschen gibt, dann liegt sie darin, dass sie Tatsachen anders zu sehen bekommen. Ich war von diesem Gedanken derart hingerissen, dass ich den Abgang der Studenten gar nicht mitbekam. Auf einmal packten sie ihre Sachen zusammen, stürzten ihr Getränk, waren weg.

Also brach auch ich auf. Mit einem letzten Blick auf das Geschehen in der Wartehalle vergewisserte ich mich, dass mir hier tatsächlich etwas Neues widerfahren war. Eine Überlegung, keine Vision, aber sie bewirkte ein anderes Lebensgefühl. Und es hielt an bis heute.

Unten in der Halle stürzte ich mich erneut in die vielen Geschichten von Passanten, ohne dass auch nur ein Hauch von Nihilismus aufkam. Auch der Staubsauger tauchte wieder auf. Eine sublime Technik, schwebend über glatte Böden. Mit den Rollkoffern, die überall surrten, bekam ich den Eindruck einer regelrechten Volksentlastung, wenn man bedenkt, was hier früher herumgeschleppt und herumgekarrt wurde. Der Fortschritt zu dieser sublimen Technik kam mir nicht mehr lächerlich vor, sondern hatte nun einen klaren Sinn unter dem Vorzeichen der Abdrift des Lebens vom Planeten.

Als höbe sie ganze Lasten vom Boden ab.

Hin zur Abdrift.

Wenn vorerst auch nur um eine Handbreite.