Süchtige gelten für selbstbezogen, für rücksichtslos. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Eigentlich nicht einmal das.

Mit Süchtigen teilen wir die Neigung, gute Gefühle zu haben. Das gilt für die Natur überhaupt, soweit wir sie durchblicken. Der Unterschied zu Süchtigen dürfte auf der Hand liegen. Nämlich das unterschiedliche Intervall zu wiederholter Triebabfuhr, das bei Süchtigen erheblich kürzer ausfällt. Auch mangelt es ihnen an alternativen Quellen für gute Gefühle. Ferner leiden sie am Unvermögen, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Etwa in der Art, wie man sich ein Glas Wein gönnt, wenn es Anlass dazu gibt: Feierabende, Familienfeiern, ein gutes Stück Fleisch.

Manchmal klären sich die Dinge, wenn man bestmöglich Abstand dazu nimmt. Hier dürfte mehr Nähe zum Ziel führen. Das gängige Urteil über Süchtige verweigert sich nämlich einer notwendigen Innenschau. Wie üblich bei Dingen, die Berührungsängste auslösen. Das liegt gewiss daran, dass wir uns davor hüten, allenfalls in den Spiegel zu blicken. Sucht, das verstehen in erster Linie diejenigen, die sie selbst durchlebt haben. Oder die an der Schwelle dazu standen, wobei lediglich ein Glücksfall sie davon abhielt, weiterzugehen.

Man darf sehr wohl davon ausgehen, dass Süchtige sich ihrer Neigung bewusst sind. Ob sie auch dazu stehen, ist eine andere Frage. Wer mit sich allein auf dem Bettrand sitzt, bekommt unweigerlich mit den Tatsachen zu tun, die sein Leben ausmachen. Meiner Erfahrung nach sind Süchtige durchwegs bemüht, dass sie die Sache in den Griff kriegen. Aber auch hier mangelt es ihnen an einem besonderen Mitteilungsbedürfnis. Begreiflicherweise.

Denn niemand soll Zeuge ihres Scheiterns werden.

Süchtige sind Leute, die mehrfach darin versagt haben, ihre Sucht unter Kontrolle zu bringen. Immer wieder fassen sie den Vorsatz in der Frische eines Morgens. Und Gewissheit durchströmt sie, dass es diesmal gelingen würde. Die Souveränität beseelt sie für die ersten paar Tage. Sogar tätige Freude am Leben keimt auf.

Was aber ist zu tun, wenn gute Gefühle ausbleiben?

Man überlege das bei sich selbst. Ein, zwei Tage ohne gute Gefühle. Eine Woche? Keine Ahnung, wer das aushält. Das langfristige Fehlen von guten Gefühlen nennt man Depression. Der Zeitpunkt ist gekommen, da man auf andere Quellen für Freude und Befriedigung ausweicht. Und wenn keine da sind? Dann verschaffe man sich gefälligst welche, heisst es landläufig. Diese rigide Haltung beweist eher ein persönliches

Unverständnis gegenüber Sucht, als dass es diese verzwickte Situation erhellte. Ohne Mühe kann ich mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die nur in ihrer Sucht glückselig sind. Und auf die Frage, woran das liegt, wissen sie auch vor sich selbst keine Antwort. Was immer dazu führt, dass jemand wenige Quellen zu seiner Freude bewirtschaftet, es ist als gewiss anzunehmen, dass er sich solchen Möglichkeiten nicht verweigern würde.

Wir alle haben Leben in uns, das Betätigung anstrebt.

Verweigerung setzt eine Reihe von Enttäuschungen voraus. Süchtige machen an sich selbst eine denkwürdige Erfahrung. Denn es ist keineswegs so, dass sie rückfällig werden, indem sie sozusagen halbbewusst wieder dahin abrutschen, wie es der Volksmund für zutreffend hält.

Vielmehr entscheiden sie sich aus blankster Nüchternheit für die Fortsetzung ihrer Sucht.

Also bei bestem Vorsatz. Das mag dazu führen, dass sie sich eine Zeit lang souverän vorkommen. Etwas borniert vielleicht. Wenn sich jedoch der Prozess von Entsagung und nüchterner Wiederaufnahme wiederholt, führt das in keiner Weise zu Gleichgültigkeit.

Sondern zu bitterer Angst.

Ein Elternpaar verzweifelt über den Sohn, den immer wieder die Polizei nach Hause bringt. Es geht um Hanf und den Handel damit. Die Sucht des Jugendlichen betrifft Droge und Gewinn. Der Vater verliert die Fassung, der Sohn kontert, er bekomme ja keine Grenzen gezeigt.

Eine sonderbare, gleichwohl typische Situation. Beide überhören die Verzweiflung des anderen. Die Bitte, er möge ihn gefälligst in die Schranken weisen, verkennt der Vater als weitere unverschämte Bequemlichkeit seines Kindes.

Der Jugendliche selbst fühlt sich in Gefahr. Denn er hat eingesehen, dass er ein Mensch ist, der kleinsten Verführungen nachgibt und sich mühelos über gängige Grenzen hinwegsetzt.

Süchtige fühlen sich ihrer Umwelt ausgeliefert. Ganz besonders ihrer Vorsätzlichkeit wegen.

Wir erheben den Anspruch, über sie zu urteilen. Dann ist auf diese Angst Rücksicht zu nehmen. Sie gehört mit zur ganzen Wahrheit.