Dieses Frühjahr fuhr ich mit dem Backfiez über Land, den öffentlichen Verkehr zu meiden. Auf meiner Rückkehr von der Arbeit oberhalb Nussbaumen geriet ich in ein prachtvolles Abendrot.
So bockte ich mein Gefährt auf, machte es mir darauf bequem und genoss das Licht. Ein Motorradfahrer ratterte mit schwerem Geschütz vorbei, stoppte und tat das Gleiche, als hätte ich eine Lanze für ihn gebrochen, denn Genüsse dieser Art stellen für bestimmte Leute eine Peinlichkeit dar, vor allem für jene, die in Leder gewandet sind. Eine Peinlichkeit vergleichbar mit der flüchtigen Freude, an Blüten zu riechen, was ich schamlos gerne tue, auch wenn ich mich dabei in kindlichem Bedürfen entblösse. Immerhin stand der Motorradfahrer neben seiner Maschine breitbeinig da, mit verschränkten Armen, während er, das Visier aufgeklappt, zur Sonne blickte.

Doch ihm blieben nur Sekunden.

Leider hatte er das Motorrad auf leicht abschüssigem Grund abgestellt, sodass es langsam kippte und mit Getöse auf voller Seite aufschlug, während dem Fahrer ein schrilles Krächzen entfuhr. Mir war klar, dass er Hilfe benötigte. So stieg ich vom Rad und eilte zu ihm hin. Er solle mir wie einem Idioten genau erklären, was ich zu tun hätte, meinte ich, da ich von Motorrädern Null Ahnung hätte, und wie er mich aufgeregt anwies, die Griffe zu fassen, die dem Sozius in der Kurve als Halt dienten, während er seinerseits sich am Lenker zu schaffen machte, blickte ich in das verstörte Gesicht eines Greises, vom Helmfutter umrahmt, faltig, bleich, die Augen schon etwas eingetrübt.

Ein Corona-Flüchtling!

Der Alte hatte wohl nach Jahren in der Scheune die Schutzblache gelüftet und sein Motorrad vom Staub befreit, der Enge seiner Heimquarantäne zu entfliehen, die ihm vom Staat als einem möglichen Risikopatienten dringend anempfohlen war. Das Unternehmen gelang, die Maschine stand, während ich zu meinem Backfiez zurückkehrte. Doch die Gefahr war noch nicht gebannt. Der Alte hatte Mühe, das Gerät in der Balance zu halten, und als ich rief, ob alles in Ordnung sei, winkte er ärgerlich und verzweifelt ab. Da wurde mir klar, dass ihm meine Anwesenheit den meisten Stress bereitete. Um keinen Preis sollte ich Zeuge seiner abermaligen Schmach werden. Höchstens einem Kind könnte Vergleichbares passieren. Man bedenke nur, zweimal hintereinander der genau gleiche Schlamassel.

Stolz ist wirklich eine Bürde. Für alle Beteiligten.

Also sorgte ich für mein Verschwinden, fuhr am Alten vorbei, der seine Maschine wie störrisches Vieh zu bändigen suchte. Eine Baumgruppe kam, und er entschwand meinem Blick.

Nun war es wie bei Schrödingers Katze, dachte ich. Entweder die Maschine ist ein zweites Mal gestürzt oder nicht.

Aber das würde ich nie erfahren.